06/22/2026
The Miyahira Dojo closes forever at the end of June, Our friends in Germany have written a special tribute to the meaning of both the dojo and what the lessons learned there embody.
Über die Unendlichkeit von Anfang und Ende
- Persönliche Gedanken zur Schließung des Shidokan Honbu Dojo. -
Um ein Vermächtnis zu bewahren, findet man dafür nur einen einzigen wahrhaftigen Ort – das Herz. Gespeist von tiefgreifenden Erfahrungen, unwiderruflichen Erinnerungen und fest in das Muskelgedächtnis eingebrannten Bewegungen, schlägt dieses Herz mit voller Kraft. Jeder Herzschlag transportiert das Vermächtnis in den Kreislauf der nachfolgenden Generationen.
So wie ein Sohn seinen Kopf an die Brust seiner Mutter legt, um sich durch den mütterlichen Herzschlag zu beruhigen, so wie eine Tochter sich an die Schultern ihres Vaters lehnt und durch die gefühlte Stärke Geborgenheit empfängt, so kann ein Dojo seine Schüler umarmen, Trost spenden, Geborgenheit geben und ein Ort für Wachstum sein.
Aber auch eine Mutter und auch ein Vater werden eines Tages ihren Weg alleine fortführen. Und das ist ein Verlust, dem man erst einmal begegnen muss. Als Miyahira Sensei starb, fühlten viele seiner Schüler diesen Verlust – denn er war vielen ein Vater und wird es immer bleiben.
Alle, die in dem Moment zurückblieben, haben erst innegehalten. Sind in die Stille gegangen, und nachdem der Schmerz nachließ, kraftvoll daraus hervorgetreten. Nun wird das Shidokan Honbu Dojo seine Türen schließen. Eine Ära, ein Zuhause wird wie ein Windhauch vergehen.
Eine Familie ist verwurzelt in ihrem Zuhause. Es ist eine Festung, ein innerer Kosmos. Trotzdem bleiben die Kinder darin nicht eingesperrt. Und wenn die Kinder dann in die Welt ziehen, ergeben sich neue Lebenslinien. Die Shidokan-Familie zählt viele Kinder.
Es gibt so viele Lebenslinien, die ihren Ursprung im Shidokan Honbu Dojo haben, dass daraus ein starker Spirit entstanden ist – und er ist überall dort zuhause, wo die Maxime von Miyahira Sensei zur Geltung kommen kann. Wo das Vermächtnis in Ehren gehalten und an die nächsten Generationen weitergegeben wird.
Heute sind wir traurig über den Verlust und werden uns an die unzähligen Tropfen Schweiß erinnern, die den Boden des Shidokan Honbu Dojo benetzt und durchdrungen haben. Sehen wir diesen Schweiß nicht als steten Tropfen, der den Stein höhlt, sondern als einen, der ihn formt – in jedem Shidokan-Dojo verdichtet er sich zu einem Stein, der das Fundament stärkt.
Morgen werden wir wieder mit einem Lächeln in unsere Dojo gehen, den Morgen im Seiza mit einem tiefen Rei begrüßen und an Miyahira Sensei denken. Diese Verbeugung ist nicht nur eine Geste – sie ist eine wichtige innere Ausrichtung.
Diese Ausrichtung ist verbunden mit einer großen Aufgabe – der Reinhaltung der Quelle. Wir alle erinnern uns an die Erdung im Shidokan Honbu Dojo, diese Struktur der Übung, die ganze Gruppen von Karateka auf eine gemeinsame Frequenz einstimmen konnte.
Hier steht die Schulung der eigenen Persönlichkeit durch stetiges Bemühen im Mittelpunkt. Diese Bemühung mündet nicht in die Wiederholung einer Kata – sie beginnt bereits beim respektvollen Umgang mit den Grundwerten der Shidokan-Schule.
Diese Werte und die damit verbundene Ethik sind in der Maxime »gō ri gō hō kyō son kyō ei« – »Der Vernunft und dem Recht folgen, in Gemeinschaft leben, gemeinsam erblühen.« verankert. Man betritt dieses Haus mit reinem Herzen. Und das ist ein wichtiger Aspekt, den es jetzt und zukünftig zu beachten und zu prüfen gilt.
Doch eine Quelle ist verletzlich. In den letzten Jahren haben sich dem Shidokan immer wieder Menschen genähert, die seinen Namen suchen, nicht aber sein Herz. Sie greifen nach der Form, ohne die Frequenz zu kennen, nach dem Titel, ohne den Weg gegangen zu sein. Wo der Weg gefragt wäre, werden Urkunden und Bilder hochgehalten – doch ein Vermächtnis lässt sich nicht vorzeigen, es muss gelebt werden.
Die Werte des Shidokan kennen viele Namen für das, was sie gerade nicht sind: Trittbrettfahrer, Kuchibushi (口武者), Karate-Konsumenten, Karate-Touristen. Vieles lässt sich kaufen – Urkunden, Aufmerksamkeit, sogar ein eigens erdachter Stil. Doch wer fragt, woher das Shidokan-Patch wirklich kommt? Man nimmt sich die Fahne und hält sie hoch, ohne den Pflichten eines Hatamoto nachzukommen, der sie trägt.
Einem Schüler, der für die Werte des Shidokan jahrzehntelange Opferbereitschaft, Hingabe und Liebe gegeben hat und weiterhin gibt, fällt man nicht in den Rücken. Man stellt sich nicht an seinen Platz – schon gar nicht im Wissen, dass wahre Schüler sich aus Ehre niemals selbst in den Vordergrund drängen.
Wer die Brücke beschädigt, die in echter Treue zwischen Lehrer und Schüler gewachsen ist, hat den Geist des Shidokan nie verstanden.
Darum ist die Reinhaltung der Quelle kein stiller Wunsch, sondern eine wachsame Pflicht: Es ist jetzt und in Zukunft unsere Aufgabe zu prüfen, wer mit reinem Herzen eintritt – nicht aus Härte, sondern aus Liebe zu dem, was hindurchfließen soll.
»Tradition verpflichtet, sonst kann man sie auf Dauer nicht fortführen.«
Sensei Laupp lebt diese Tradition und bewahrt mit der Shidokan-Shirasagi-Linie das Erbe seines Lehrers Miyahira Katsuya, 10. Dan Hanshi. In seiner Art zu unterrichten lebt Miyahira Senseis Weg fort – wer ihm begegnet, spürt dieselbe innere Ausrichtung, die das Honbu Dojo getragen hat.
Das kontinuierliche Wegschleifen des Unnötigen, das Schmieden und Wiederholen durch beständige Praxis der Kata lässt eine ganze Dojo-Gemeinschaft aufeinander einschwingen. Sensei Laupp ist dabei der Dirigent, und seine Stimmgabel ist das Wissen über die Übungswege seines Lehrers.
Die Übungswege von Miyahira Sensei sind der Schlüssel zur Reinhaltung der unsichtbaren Quelle des Shidokan, und es ist unsere Aufgabe, sie nicht zu verwässern. Sie tragen durch Genauigkeit, Hingabe und Gemeinschaft eine besondere DNA in sich.
Was ich von meinem Lehrer Sensei Laupp lernen kann, ist Sh*tei (師弟), das reinste Fundament der Kampfkünste: das unauflösliche Band zwischen Meister und Schüler. Es ist kein theoretisches Lernen aus Büchern, sondern das lebendige, energetische Übertragen einer jahrhundertealten Frequenz von Herz zu Herz.
Diese Frequenz verbindet alle Shidokan-Shirasagi-Dojo weltweit – es ist im Kern dieselbe Frequenz, die Miyahira Sensei gestimmt hat und die Sensei Laupp bewahrt und weiterträgt. In all den letzten Jahren meiner Ausbildung bei ihm durfte ich sie selbst erfahren, und sein Wissen, seine konsequente Arbeit in den Wegstufen seines Lehrers können heute meine eigenen Schüler hautnah erleben.
Denn ein solches Erbe ist nicht dazu da, behütet und für sich behalten zu werden. Es lebt nur, wenn es weiterfließt. In unserem Dojo ist diese Lehre längst zu spüren – in der Hingabe meiner Schüler, in ihrem Engagement, in der Art, wie sich jeder Einzelne und unsere Gemeinschaft als Ganzes entwickelt.
Was von Miyahira Sensei über Sensei Laupp zu mir gekommen ist, gebe ich weiter, so wie es mir anvertraut wurde. Sensei Laupp betrachte ich wie einen Vater. Was er mir gibt, geht über Technik weit hinaus — es ist eine Form von Vertrauen, die nicht zu kaufen und nicht zu eilen ist. Sie wächst nur durch Jahre.
Das Honbu Dojo schließt seine Türen. Doch der eine wahrhaftige Ort, an dem ein Vermächtnis bewahrt wird, bleibt für immer geöffnet – und in ihm schlägt das Herz des Shidokan weiter. In jedem von uns.
David Deinert 5. Dan Renshi
Shirasagi Shima Dojo
Okinawa Shorinryu Shidokan Karatedo Europe