07/07/2022
Sag ich auch immer wieder… 🤪
100% gibt es nie
Besorgte Eltern fragen häufig, wie sicher denn diese Reiterei ist. Na, ich kann verraten: Nicht sicher. Weil das Kind auf einem Lebewesen mit einer eigenen Meinung und eigener Entscheidungskraft herumgurkt. Dieses Pferd wird irgendwann mal die Entscheidung treffen, dass es nicht das macht, was das Kind oder der erwachsene Reiter darauf möchte und dann trennen sich die Wege. Oder aber, es macht überhaupt gar nichts anderes und trotzdem liegt am Ende jemand im Sand. Denn ein Pferd kann über seine eigenen Füße stolpern, sich erschrecken und der Reiter auch noch falsch reagieren. Ich bin als Kind einfach mal von einem schwungvoll trabenden Schulpferd runtergeschüttelt worden, weil ich es nicht mehr aussitzen konnte und ich ohne Bügel trabte.
Natürlich kann man (und soll man) sich schützen. So ein Helm hilft schon wirklich gut vor schweren Kopfverletzungen und Leute, die sagen: “Du vertraust wohl deinem Pferd nicht, wenn du einen Helm anziehst!” kann man getrost ignorieren. Sicherheitswesten helfen auch durchaus (nicht wenn man in der Startmaschine eingequetscht wird, habe ich für euch getestet) auch. Das sind so die Dinge, die man selbst machen kann. Auch Handschuhe schaden per se nicht, vor allem gegen fiese Verbrennungen beim Longieren - falls das Pferd mal kurz an der Longe loszischt. Aber auch diese Dinge schützen nie vor Verletzungen. Wir interagieren mit einem viel größeren Lebewesen, das dazu noch mehrere hundert Kilo schwerer als wir ist. Das muss uns überhaupt nichts böses wollen, um uns schwer zu verletzen.
Und dann ist da ja noch der Faktor: Umfeld. Ein ganz liebes Pferd, das wirklich total nett mit Anfängern ist und nie buckelt, kann sich trotzdem erschrecken. Auch vor ganz kleinen Sachen, die wir nicht mal wahrnehmen. Aber auch vor Dingen, die wir gar nicht beeinflussen können. Ein Ausritt im Dorf, ein Traktor denkt, er könne sich doch locker an den Pferden vorbeiquetschen und dann geht plötzlich auch dem liebsten Kinderpferd der ganze Spaß zu weit und es startet durch. Oder ein mitgeführter Hund fängt urplötzlich am Hallentor an zu kläffen und überrascht das Pferd. Ein Kind schmeißt irgendwas auf den Boden. Die Liste ist lang und übersichtlich. Pferde sind keine Panzer. Die können immer erschrecken.
Außerdem haben wir dann noch gar nicht darüber geredet, dass Kinder eben auch nicht die besten Unfallverhüter sind. Liebe Eltern - ihr erfahrt eh NIE alles, was im Stall passiert. Kein Mensch erzählt euch von “ohne Sattel Aufsteige-Challenges”, bei denen das Kind nachher im Sand unterm Pferd liegt, die erzählen euch auch nicht, dass sie über eine Wippe am nahen Spielplatz gesprungen sind und natürlich auch nichts vom Wettrennen im Gelände, obwohl sie euch natürlich hoch und heilig versprochen haben, nicht zu galoppieren. Klaro. Alle Kinder sind NIE im Gelände unbeaufsichtigt galoppiert. Ist ja klar. Ich auch nicht. Nur fürs Protokoll! Ganz bestimmt nie!
100% Sicherheit gibt es nicht. Die gibt es ja schon sonst nirgendwo. Das Kind kann selbstständig vom Klettergerüst fallen, sich selbst mit seinem Tennisschläger K.O. schlagen oder beim Schwimmen einen Krampf im Bein kriegen. Warum wird also von Pferden 100% Perfektion erwartet, wenn wir die doch selbst nicht 100% unfallfrei durch unser stinknormales Leben ohne Pferdebeteiligung kommen?
Foto: Ist relativ nah an den 100%. Allerdings funktioniert Statistik so auch einfach gar nicht.