12/06/2026
Renier präsentiert noch einen Doppelspieltag aus Istanbul...
Am nächsten Tag stand das Fatih Mimar Sinan Stadyumu auf dem Programm. Zwei Spiele der 2. Amatör Lig sollten dort um 14 Uhr beziehungsweise 16 Uhr stattfinden. Dass dieser Nachmittag deutlich ereignisreicher werden würde als ursprünglich erwartet, war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht abzusehen.
Der Weg führte erneut durch Fatih. Rund um die imposante Fatih-Moschee entsteht eine Atmosphäre, die selbst für Istanbul außergewöhnlich wirkt. Traditionelle Kleidung dominiert das Straßenbild, zahlreiche Geschäfte bieten orientalische Gewürze, Süßigkeiten und Handwerkskunst an. Berufe wie Schirmmacher, Hutmacher oder Kesselflicker begegnet man dort tatsächlich noch. Fast alle Frauen sind verschleiert, viele Männer tragen traditionelle Gewänder und das gesamte Viertel wirkt wie eine kleine Zeitreise mitten in einer Megacity mit über 15 Millionen Einwohnern.
Mitten im Wohngebiet liegt das Fatih Mimar Sinan Stadion. Ein echter Käfig. Meterhohe Zäune umgeben die Anlage vollständig. Eine große überdachte Tribüne steht auf der Gegengeraden, hinter einem Tor befindet sich auf einer erhöhten Ebene ein Parkplatz samt Sportcafé. Auf der anderen Seite entstand gerade eine neue Tribüne. Kostenloser Eintritt inklusive.
24.05.2026 Küçükpazar – Güneştepe 2:4 (2:1) Spielabbruch in der 90.+1 Minute - Fatih Mimar Sinan Stadyumu – 2. Amatör Lig (9. Liga TUR) - 120 Zs.
Im Sportcafé wurden zunächst Schwarztee, türkischer Kaffee und hausgemachte Limonade getestet. Bier war in Fatih erwartungsgemäß nicht erhältlich. Neben uns saßen einige Polizisten, spielten am Handy und genossen ebenfalls ihren Tee. Vermutlich gingen auch sie von einem ruhigen Sonntagnachmittag aus.
Das Spiel entwickelte sich überraschend gut. Es wurde gesungen, gepöbelt und gekämpft. Küçükpazar führte zur Pause mit 2:1, doch in der zweiten Halbzeit wurde die Partie zunehmend hitziger. Die Zweikämpfe bewegten sich irgendwo zwischen Fußball und Körperverletzung mit sportlichem Hintergrund. Man merkte als Zuschauer, dass hier ordentlich Spannung im Kessel war.
Etwa zehn Minuten vor Schluss begann hinter der Gegengeraden bereits das Aufwärmen der Mannschaften für das nächste Spiel. In der 88. Minute zeigte der Schiedsrichter neun Minuten Nachspielzeit an. Verständlich angesichts der zahlreichen Unterbrechungen.
Kurz vor der Ausführung eines Freistoßes entschied sich die Nummer 2 der Gäste dazu, der Nummer 9 des Gastgebers seine Meinung auf besonders direkte Art mitzuteilen. Nicht verbal, sondern per Faustschlag. Eine Kommunikationsform, die regeltechnisch umstritten ist.
Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das Fußballspiel in etwas, das entfernt an einen schlecht organisierten Mittelaltermarkt erinnerte. Zunächst rannten die Spieler beider Mannschaften aufeinander los. Dann kamen die Ersatzspieler hinzu. Kurz darauf die Trainer und Betreuer. Irgendwann verlor man komplett den Überblick, wer eigentlich zu welcher Mannschaft gehörte und wer lediglich zufällig in der Nähe stand.
Während man noch versuchte zu verstehen, wer gegen wen kämpfte, betraten plötzlich die Ordner die Bühne. Diese wirkten allerdings weniger wie klassisches Sicherheitspersonal, sondern eher wie die Besetzung einer türkischen Rockerkneipe. Statt zu schlichten, beteiligten sie sich mit bemerkenswertem Enthusiasmus am Geschehen.
Nun wurde auch die Polizei aktiv. Die Beamten hatten bis dahin entspannt Tee getrunken und vermutlich gehofft, ihren Dienst möglichst bewegungsarm zu absolvieren. Wenige Sekunden später fanden sie sich jedoch mitten in einer Lage wieder, die aussah, als hätte jemand gleichzeitig einen Bud-Spencer-Film, den Royal Rumble und die Schlacht um Helms Klamm gestartet.
Besonders beeindruckend war die Dynamik der Situation. Kaum hatte man eine Prügelei auf der linken Spielfeldseite entdeckt, entstand bereits die nächste auf der rechten. Dazwischen rannten Personen umher, die entweder schlichten wollten oder selbst nicht mehr genau wussten, warum sie eigentlich auf dem Platz standen.
Die Mannschaften des folgenden Spiels hatten sich inzwischen hinter der Gegengeraden aufgewärmt. Auch dort schien irgendwann die Meinung entstanden zu sein, dass man sich dieses Spektakel nicht nur anschauen, sondern aktiv mitgestalten könne. So entwickelte sich die Veranstaltung endgültig von einem Fußballspiel zu einem generationsübergreifenden Gemeinschaftsprojekt.
Zu Spitzenzeiten dürften etwa 60 Personen gleichzeitig auf dem Platz beschäftigt gewesen sein. Einige kämpften, einige trennten Kämpfende, andere trennten wiederum die Trennenden. Manch einer lief einfach nur hektisch von links nach rechts und schien selbst nicht genau zu wissen, welchem Lager er angehörte.
Dem Schiedsrichter blieb angesichts der Lage nichts anderes übrig, als die Partie abzubrechen. Vermutlich überlegte er kurz, ob man die verbleibenden neun Minuten Nachspielzeit nicht doch noch irgendwie absolvieren könnte, verwarf den Gedanken aber angesichts der Tatsache, dass sich inzwischen mehr Menschen prügelten als Fußball spielten.
Besonders bemerkenswert war die Atmosphäre auf den Rängen. Niemand wirkte wirklich überrascht. Die Zuschauer beobachteten das Geschehen mit einer Gelassenheit, als würde gerade jemand die Speisekarte vorlesen. Der Kellner servierte weiterhin Tee, als sei ein Massenaufstand im Istanbuler Amateurfußball eine völlig normale Begleiterscheinung eines Sonntagnachmittags.
Nach rund zwanzig Minuten beruhigte sich die Situation langsam wieder. Witzigerweise wurde später sogar ein Ordner in Handschellen abgeführt, was angesichts seines vorangegangenen Engagements auf dem Spielfeld durchaus nachvollziehbar erschien. Tatsächlich wurde anschließend das nächste Spiel des Tages noch angepfiffen, auch wenn auf den Rängen und vor den Kabinen weiterhin intensiv diskutiert, gestikuliert und die eine oder andere offene Rechnung verbal beglichen wurde.
24.05.2026 Siirt İstanbul Spor – Bayrampaşa Demirspor 0:2 (0:1) -Fatih Mimar Sinan Stadyumu – 2. Amatör Lig (9. Liga TUR) - 120 Zs.
Das anschließende Spiel hatte es schwer. Die Aufmerksamkeit richtete sich weiterhin auf sämtliche Bewegungen außerhalb des Spielfelds. Der Kellner beobachtete inzwischen fasziniert zwei Deutsche, die bei erheblichem Konsum von Tee und Mokka Amateurfußball der untersten Istanbuler Spielklasse verfolgten.
Sportlich blieb die Partie eher durchschnittlich. Highlight waren die jungen Anhänger von Siirt İstanbul Spor. Die vielleicht 14- oder 15-jährigen Fans verfügten über ein erstaunlich konstantes Repertoire türkischer Gesänge und unterstützten ihre Mannschaft mit bemerkenswerter Leidenschaft. Es war schon beeindruckend, wie viel Herzblut dort auf der Tribüne vorhanden war, obwohl wahrscheinlich kaum jemand außerhalb des Stadtteils wusste, dass dieses Spiel überhaupt stattfand.
Auf dem Feld ging es deutlich friedlicher zu als zuvor. Wahrscheinlich hatten alle Beteiligten bereits genügend Tagesprogramm erlebt.
Der Abend wurde schließlich auf der Dachterrasse des Hotels verbracht. Mit Blick über die Dächer der Altstadt wurde der außergewöhnliche Fußballtag ausgewertet.
Die folgenden Tage standen ganz im Zeichen der Stadt. Es ging auf die asiatische Seite Istanbuls, zu einer Bosporus-Rundfahrt und nach Beşiktaş. Besonders die dreistündige Schiffstour erwies sich als überraschend gutes Angebot. Für rund 35 Euro gab es Buffet, Getränke und fantastische Ausblicke auf Paläste, Festungen und die Skyline der Stadt.
Beşiktaş wiederum wirkte fast wie eine andere Welt. Während Fatih stark religiös und traditionell geprägt erscheint, erinnert Beşiktaş eher an eine europäische Party- und Studentenstadt. Straßencafés, Bars und ein entspanntes Publikum prägen dort das Bild. Vielleicht macht genau dieser Kontrast den besonderen Reiz Istanbuls aus. Zwischen Weltkulturerbe und Wohnviertel, Muezzin und Fangesang, Bosporus und Beton, Raki und Schwarztee findet sich hier eine Stadt, die selbst nach 13 Jahren Pause noch genügend Geschichten produziert, um drei Amateurspiele zu einem kleinen Abenteuer werden zu lassen. (Renier)