12/10/2019
Tja, und so schnell sind 5 Tage vorbei. Schauen wir uns an, wie die Woche für die Flotte gelaufen ist.
Der Montag wird ein hoffentlich einigermaßen entspannter Tag für die Flotte gewesen sein. Bei Winden zwischen 8 und 15 Knoten, ca. 19°C und sonnigem bis leicht bewölktem Himmel wird Zeit gewesen sein, endlich etwas ordentliches zu essen, zu schlafen und sich noch einmal die Routings anzusehen. Auch der eine oder andere Plausch über Funk wird stattgefunden haben, die Flotte war hier, vor dem Cap Finisterre, ja noch relativ eng zusammen.
"North wins" hätte man den Tag zusammenfassen können. Eine Hochdruckzelle über Santander beeinflusste stark den Wind für die Flotte.
Thibault Blanchet (774), das fast am südlichsten positionierte Boot der Flotte, hat mit seiner Pogo2 in 24h 102.1nm gesegelt. Hendrik Witzmann (920) mit seiner Pogo3 104.5nm, leicht nördlicher.
Im Gegensatz dazu hat Pierre Casenav-Péré (857) mit seiner Argo in 24h 119.4nm hinter sich gelegt. Das ist nur knapp weniger als Ambrogio (943) als führendes Boot zu dem Zeitpukt.
Je weiter nördlich bzw. westlich man positioniert war, umso mehr Wind hatte man.
Es lief nach den Wettervorhersagen darauf hinaus, dass eine Kaltfront am Dienstag Morgen die Flotte treffen sollte, auf deren Rückseite 20-30kn Wind herrschen sollten.
Doch es kam anders. Die letzten Wettervorhersagen am Montag zeigten es bereits an: Die Front war deutlich schwächer als angesagt, mit 15kn, in Böen 20kn, waren die Bedingungen recht "angenehm". Insbesondere bedeutete dies aber, dass die Boote, die extrem in einen nordwestlichen Kurs investiert hatten, nicht den großen Vorteil daraus ziehen konnten. (siehe 1. Foto)
Bei den Protos musste der führende Axel Trehin zwei Manöver einlegen, die seinen Vorsprung von 20sm (!) binnen weniger Stunden einschmelzen liessen. Als die drei führenden Protos, Axel (945, der "Halb-Scow"), Francois (865, Scow) und Tanguy (969, Scow mit Foils) das Verkehrstrennungsgebiet vor Kap Finisterre innen passierten, musste Axel seine Führung an Francois abgeben. Die beiden Scows segelten zu diesem Zeitpunkt deutlich schneller. Ich vermute aber, dass bei Axel auch ein Problem vorlag, er war über mehrere Stunden einfach viel zu langsam. (siehe 2. Foto)
Hut ab übrigens für Morten (934), der den Split aussen am Verkehrstrennungsgebiet wagte und dadurch einige Meilen auf die Spitze gutmachen konnte.
Bei den Serienbooten gab es einen ähnlichen Split. Die beiden Pogo2s von Guillaume (868) und Julien (869) wagten ebenfalls den Kurs aussen am Verkehrstrennungsgebiet vorbei und konnten durch dieses Manöver ca. 5sm aufholen, segeln heute um das Podium mit. Chapeau!
Ein ganz und gar unglaubliches und nicht nachvollziehbares Manöver konnten wir vom Führenden bei den Serienbooten, Ambrogio (943, Pogo3) beobachten. Er halste, mit ca. 9sm Vorsprung und ohne Not, in Richtung Küste und gab die Führung auf, um einen Lateralabstand von über 40sm herzustellen. Mehr Risiko geht nicht.
Dass dieser Kniff aber in irgendeinem Briefing gestanden oder irgendwie meterologisch erklärbar gewesen sein muss, erkennt man daran, dass drei andere Serienboote den gleichen Schritt ergriffen - und das obwohl sie ausser AIS-Reichweite waren. Pierre Le Roy (925) als Metereologe war einer von den dreien. Ich kann nicht erwarten, ihn nach Ankunft auf den Kanaren zu den Gründen zu fragen. Mein Taktik-Buch "Meteo&Strategie" gab diesbezüglich auch nichts her.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch begann der Wind dann deutlich zuzulegen. Mit nördlichen Winden um die 20-25kn raste die Flotte den gesamten Mittwoch und Donnerstag unter Spi gen Süden. Der mittlerweile führende Francois Jambou (865) segelte in 24h beeindruckende 274 Seemeilen, fast 20sm mehr als der Rest des Podiums.
Fast noch unglaublicher war aber die Leistung von Ambrogio, der nach seinem Schlag gen Küste offenbar den Turbo einlegte und 275 Seemeilen ersegelte.
Auf dem dritten Platz der besten Etmale liegt mein guter Freund Nico D'Estais mit ebenfalls unglaublichen 272sm, immer noch ein Schnitt von 11,3 Knoten.
Das die Pogo3s dermaßene Etmale liefern ist schlichtweg unglaublich, so nass segeln die Boote. Ich gehe davon auss dass nicht ein Zentimeter an und unter Deck am Donnerstag noch trocken gewesen sein wird.
Dass solche Bedingungen Tribut fordern, liegt eigentlich auf der Hand. Doch die Boote scheinen alle gut vorbereitet zu sein, erstaunlich wenig Ausfälle sind bislang zu beklagen.
Pavel Roubal (908) musste in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vom Helikopter abgeborgen werden, weil nach einer Kollision mit einem unbekannten Gegenstand der Spiegel (das ist quasi die "Wand" des Hecks) aufgerissen war. Diese Art von Schaden entsteht leider mittlerweile häufiger bei Kollisionen (das gleiche Problem hatte der Proto 260 von David Kremer, der sich aber noch an die Küste retten konnte, wo das Boot momentan repariert wird). Nachdem bei der Pogo3 zu Beginn häufiger die Ruderblätter nach Kollisionen mit kleinerem Treibgut brachen, wurden diese verstärkt, woraufhin bei den Kollisionen dann die Ruderbeschläge aus dem Heck rissen, woraufhin diese verstärkt wurden. Ein Prozess, der sich bei fast jedem Boot wiederholt. Die Pogo2 hatte das gleiche Prozedere, die Maxi 6.50 hat diese Evolution im letzten Jahr auch durchgemacht.
Sorgen machte uns auch Morgen Bogacki (934). Er hatte sich mit gut platzierten Halsen und gutem Speed auf den 5 Platz verbessert und war in absoluter Schlagweite des Podiums, als am frühen Donnerstagmorgen seine Geschwindigkeit und Kurslinie sehr unregelmäßig wirkten. Bange Stunden folgten, in denen das Boot scheinbar quer zu Wind und Welle zu treiben schien, es folgten Geschwindigkeiten, die auf Probleme hinweisen. Die Rennleitung informierte aber schnell, dass Morten den "Ich bin an Bord und komme klar" Knopf auf seinem Tracker gedrückt hatte.
Mittlerweile ist zu beobachten, dass Morten immer wieder "Pausen" einlegt, in denen das Boot treibt oder beigedreht zu sein scheint. Ich persönlich vermute momentan einen Ausfall des Autopiloten oder der ganzen Elektrik, so dass es sich tatsächlich um Schlafpausen handeln kann. Ansonsten könnte auch ein struktureller Schaden, vielleicht an der Ruderanlage, Laminierarbeiten erfordern, die immer wieder trocknen müssen.
Seit gestern ist die Zeit des Starkwinds nun vorbei und ein Hochdruckkeil hat sich über die Flotte gelegt. Die führenden Protos und Serienboote können momentan noch mit 2-4kn vorankommen, das Mittelfeld scheint komplett in der Flaute zu liegen. Die ersten Boote werden am Samstag im Etappenziel erwartet.
Mehr zur Ansteuerung und den Herausforderungen morgen.
Was ist sonst noch passiert?
- Joe Lacey (963) hat aufgrund von Energieproblemen nach Gijon abgedreht. Eine bittere aber kluge Entscheidung, das Problem zu lösen bevor er bei 20-30 Knoten vor der Küste Portugals ist. Dort gibt es bei westlichen Winden kaum sichere Häfen für Minis (die ja keinen Motor haben).
- Felix de Navacelle (916) hat in der Flaute das gleiche Problem lösen müssen, dass auch Andreas Deubel 2017 die erste Etappe versüsst hatte: die UKW-Antenne hatte sich mit dem Windmesser im Mast-Topp verheddert. Ein Dauerproblem bei den Minis, welches auch Olli Tessloff und ich beim diesjährigen Mini Fastnet hatten.
- Antoine Perrin (850) scheint beim Frontdurchgang vor dem Cap Finisterre seinen Bugspriet verloren zu haben. Darauf scheint seine reduzierte Geschwindigkeit und seine Windwinkel hinzuweisen. Möglich wäre aber auch der Verlust eines Ruders.
- Marie-Amelie Lenaerts (833) musste nach einer Kollision die Ruderbeschläge ihres Bootes neu einkleben. Damit das Harz trocknen konnte, drehte sie mehrfach für mehrere Stunden bei. Hut ab! Mir graute es bereits vor dem Gedanken, nur ein Ruderblatt tauschen zu müssen.
- Jean-Baptiste Ternon (880) musste das Rennen aufgrund von Problemen mit der Stromversorgung abbrechen. Ein harter Schlag für den Skipper, der 2018 bereits sein Boot während des Qualifiers in einem Sturm aufgeben musste, es dann aber bergen und seine Mini Transat Ambitionen weiterverfolgen konnte.
- Jonathan Chodkiewiez (958) musste das Rennen ebenfalls von Stromproblemen aufgeben. Die Schäden an der Elektrik (vermutlich durch Wassereinbruch) waren irreparabel.
- Raphael Fortes (858) hatte auf dem Weg zum Cap Finisterre wohl den Autopiloten im Windmodus und verschlief ein wenig den Winddreher. Passiert jedem einmal (siehe Alex Thomson bei der letzten Route du Rhum), trotzdem immer wieder schön anzusehen (siehe drittes Bild)
Scow oder nicht Scow?
Diese Frage können wir noch nicht abschließend beantworten. Ich hatte mir von den harten Bedingungen vor der portugiesischen Küste eigentlich erwartet, die Zeit der Scows kommen zu sehen, doch dem war nicht so. Wir werden auf der zweiten Etappe sehen, ob die Scows vielleicht bei der langen Atlantikdünung ihre Überlegenheit zeigen.
Wie schlagen sich unsere deutschen Teilnehmer?
Hendrik Witzmann (921) ist auf dem 16. Platz geführt. Er hat sich super an die Flotte herangekämpft. Hoffen wir, dass er seine Leichtwindfähigkeiten gut ausspielen kann.
Morten Bogacki (934) fährt auf Platz 9. Die flauere Phase sollte ihm hoffentlich gelegen kommen, die Probleme an Bord in den Griff zu bekommen?
Was wird spannend?
Wird Ambrogio das Serienfeld nach Gran Canaria führen oder wird Felix de Navacelle (916, Pogo3) das Rennen machen? Beide liegen mit ca. 30sm Querabstand momentan gleichauf. Dicht gefolgt übrigens von Julien (869), der sich wie gesagt durch seinen Schlag am Cap Finisterre ganz stark ins Rennen gebracht hat.