27/09/2024
LANZAROTE IM TOURISTISCHES FEGEFEUER
ZWISCHEN ANSPRUCH, REALITÄT & FLUCHTSZENARIEN
von Chris Ernst
Gedankenspiel: Ein Strategiewechsel nach Sun Tzu
Die touristische Ausgangsposition auf LANZAROTE
Lanzarote, eine Insel von atemberaubender vulkanischer Landschaft, ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Ziel für Massentouristen, die vor allem das angenehme Klima, günstiges Essen und Trinken sowie unkomplizierte Unterhaltung suchen.
Diese Form des Tourismus hat das Bild der Insel nachhaltig geprägt und zu einer weitreichenden kommerziellen Erschließung geführt. Doch diese Masseninvasion, die sich primär auf Pauschalreisen und All-inclusive-Angebote stützt, entzieht der Insel in weiten Teilen ihre Identität. Die Verschmelzung von Kultur, Landschaft und Massentourismus hat dazu geführt, dass Lanzarote zunehmend seine Seele verliert, was die Einwohner stärkt durch Demonstrationen und Petitionen zum Ausdruck bringen.
Im Selbstbild sieht sich die Insel als eine kulturelle Hochburg und ein Naturreservat von globaler Bedeutung. Sie wurde von der UNESCO als Biosphärenreservat ausgezeichnet – eine Würdigung ihrer einzigartigen Umwelt und des Bestrebens, diese zu schützen. Doch diese Anerkennung hat in der Außenwirkung kaum Strahlkraft.
Während Lanzarote stolz auf diesen Status verweist, sehen die meisten Touristen die Insel als preisgünstige Destination (Befragung der Touristen im Auftrag Estadística de Movimientos Turísticos en Fronteras (FRONTUR)), die wenig mit Natur oder Kultur verbindet.
Der Diskurs rund um Nachhaltigkeit und Schutzgebiete ist oft nichts anderes als ein Mittel zur Selbstbestätigung – ein Begriff, der dazu dient, lokale Eitelkeiten zu befriedigen, während die Realität des Tourismus diesen Ansprüchen diametral entgegensteht.
Lanzarote steht an einem Scheideweg.
Das Label "Biosphärenreservat" oder "Geoparque" scheinen Alleinstellungsmerkmale zu sein, doch die inflationäre Verbreitung solcher Reservate weltweit zeigt, dass diese Auszeichnung an Bedeutung verliert.
Derzeit gibt es weltweit über 750 UNESCO-Biosphärenreservate in 134 Ländern und zusätzlich 195 UNESCO-Geoparks. In dieser Masse verblassen ihre Bedeutung und der ursprüngliche Wert.
Der Naturschutz tritt in Konflikt mit dem Tourismus, da der anhaltende Besucherstrom die Insel fortlaufend belastet.
SUN TZU UND "Die KUNST DES KRIEGES" ALS STRATEGISCHES INSTRUMENT
Um einen Ausweg aus dieser Identitätskrise zu finden, könnte Lanzarote von den Lehren Sun Tzus profitieren. "Die Kunst des Krieges", verfasst vor über 2.500 Jahren, ist heute nicht nur ein militärisches Handbuch, sondern ein Werkzeug moderner Unternehmensstrategie. An führenden Institutionen wie der Harvard Business School wird es eingesetzt, um Management, Unternehmensführung und strategisches Denken zu schulen. Sun Tzus Prinzipien des strategischen Handelns haben universelle Gültigkeit – ob im militärischen Kontext, in der Geschäftswelt oder im kulturellen Überlebenskampf einer Insel wie Lanzarote.
Seine Lehren betonen die Bedeutung von Flexibilität, Vorbereitung und dem Erkennen von Stärken und Schwächen.
Erfolg liegt nicht in der starren Verteidigung alter Positionen, sondern in der strategischen Anpassung an neue Realitäten.
Für Lanzarote bedeutet dies, den überkommenen Status des Biosphärenreservats zu hinterfragen und den Tourismus in neue Bahnen zu lenken. Dabei sollte die Insel gezielt eigene Stärken ausbauen und zukunftsorientierte Strategien verfolgen, um sich von der Massenabfertigung abzuheben.
FLEXIBILITÄT UND ANPASSUNG STATT STARRER IDEALE UND RITUALE
Ein zentrales Prinzip von Sun Tzu lautet: "Beweglichkeit ist die Grundlage des Sieges."
Für Lanzarote könnte dies bedeuten, den starren Fokus auf das Biosphärenreservat aufzugeben, da es nicht mehr als Unterscheidungsmerkmal im globalen Wettbewerb fungiert.
Während der Schutz der Natur weiterhin ein wichtiger Aspekt bleibt, sollte die touristische Ausrichtung nicht auf der UNESCO-Auszeichnung basieren. Vielmehr muss die Insel auf aktuelle Trends und Bedürfnisse reagieren, um ihre Attraktivität zu steigern.
Drei wichtige Tourismussegmente bieten zukunftsweisende Ansätze, die weit über die Attraktivität eines Biosphärenreservats hinausgehen und mehr Erträge bei niedrigeren Besucherzahlen ermöglichen würden.
Laut einer Studie von Skift (2023) und der Adventure Travel Trade Association (2020) zeichnen sich folgende Trends als entscheidend für die zukünftige Tourismusentwicklung aus:
Erlebnisurlaub - Erlebnisse sind bleibende Eindrücke
Der moderne Tourist sucht nach authentischen Erlebnissen. Erlebnisreisen bieten die Möglichkeit, tief in die Kultur und Geschichte eines Reiseziels einzutauchen. In Lanzarote könnten dies etwa Führungen durch die Vulkangebiete, traditionelle Feste und lokale Handwerkskunst ode rkulinarische Highlights sein.
Eine tiefere Einbindung, die Touristen die Geschichte der Insel nahebringt (Fischfang, Salzgewinnung, Helden der Insel abseits von Manrique), würde die Identität der Insel stärken und gleichzeitig ein wachsendes Marktsegment anziehen.
Abenteuerurlaub:
Abenteuerreisen sind stark im Kommen und sprechen besonders jüngere, aktive Touristen an, die auf der Suche nach Herausforderungen und Naturerlebnissen sind. Laut einer Umfrage des Adventure Tourism Development Index (2021) wächst dieses Segment jährlich um etwa 8 %.
Lanzarote bietet mit seinen vulkanischen Gebieten, Steilküsten und der rauen Landschaft ideale Voraussetzungen für Langstrecken-Wanderungen, Survival- und Outdoor-Trainings im Stil der hier bereits durchgeführten NASA-/ESA-Training Camps
Diese Form des Tourismus würde nicht nur die Natur inszenieren, sondern auch die Outdoor-Begeisterten ansprechen, die nachhaltige Erlebnisse in der freien Natur suchen.
Aktivurlaub:
Eine weitere Studie der World Tourism Organization (UNWTO, 2022) zeigt, dass Aktivurlaub – insbesondere im Bereich Wandern, Radsport und Wassersport – weltweit an Beliebtheit gewinnt.
Lanzarote kann sich in diesem Segment klar positionieren, indem es die natürlichen Gegebenheiten der Insel und ihre vielfältigen Sport-Möglichkeiten in den Vordergrund rückt.
Dabei könnte ein Fokus auf nachhaltige, umweltfreundliche Aktivitäten gesetzt werden, die den Erhalt der Natur fördern und gleichzeitig ein gehobenes Klientel ansprechen.
SELBST- & FREMDBILD - Zeit für einen radikalen Wandel
Sun Tzu lehrt: "Vermeide Kämpfe, die du nicht gewinnen kannst." Lanzarote kann den unaufhaltsamen Trend des Massentourismus nicht vollständig stoppen, aber es kann seine Strategie anpassen. Der Versuch, die Insel als Biosphärenreservat zu vermarkten, hat im Laufe der Jahre seine Zugkraft verloren, weil der Massentourismus den eigentlichen Wert dieser Auszeichnung unterminiert. Der ständige Besucherstrom macht es unmöglich, den Ansprüchen eines Schutzgebiets gerecht zu werden, und verwässert die ursprüngliche Bedeutung dieser Anerkennung.
Der Blick nach vorne muss auf die Trends im Tourismus ausgerichtet sein, die authentische und abenteuerliche Erlebnisse bieten, ohne die Natur oder Kultur zu zerstören. Stattdessen gilt es, sich neu zu positionieren – als Ziel für Erlebnis-, Abenteuer- und Aktivurlaub.
Diese Segmente bieten ein weitaus stärkeres Unterscheidungsmerkmal, da sie auf aktuelle Bedürfnisse eingehen und die Landschaft integriert und 'bespielt' und sie nicht nur als Hintergrundmotiv nutzt.
ANPASSUNG ALS ÜBERLEBENSSTRATEGIE
Sun Tzus Prinzipien sind klar: "Sei flexibel und passe dich den Gegebenheiten an." Lanzarote muss eine flexible Haltung einnehmen und die wandelnden Anforderungen des globalen Tourismusmarktes anerkennen.
Ein Paradigmenwechsel unter berücksichtigung der bekannten eigenen Stärken – die vulkanische Landschaft, das Abenteuerpotenzial und die kulturelle Tiefe – könnte die Insel von einem bloßen Urlaubsziel in eine Destination mit echtem Mehrwert verwandeln.
Die Herausforderung besteht darin, diesen Wandel strategisch und gezielt umzusetzen.
Der Kampf gegen den Massentourismus kann nicht durch Abgrenzung gewonnen werden, sondern nur durch eine intelligente Neuausrichtung.
Zusammenfassung
Sun Tzus Lehren bieten Lanzarote wertvolle Einsichten in die Möglichkeit, den Kampf gegen den Massentourismus zu gewinnen. Die Vermeidung starrer Ideale, wie dem veralteten Konzept des Biosphärenreservats, und die Flexibilität, neue touristische Trends wie Erlebnis-, Abenteuer- und Aktivurlaub zu fördern, könnten der Insel eine neue Richtung geben.
Anstatt sich auf den Status als Schutzgebiet zu verlassen, sollte Lanzarote bereit sein, mit dieser Tradition zu brechen, um seine Identität zu wahren und gleichzeitig den Tourismus neu zu gestalten.
Die Zukunft der Insel hängt davon ab, wie geschickt sie sich an die neue Realität anpasst – und wie gut sie dabei die Lehren von Sun Tzu beherzigt.