27/09/2025
So wichtig!
Irrtümer über Hunde: Nackenschütteln als artgerechte Bestrafung!?
Hartnäckig hält sich die „Bestrafungsmethode“ des Nackenschüttelns in der Annahme, das würde die Mutterhündin auch mit ihren Welpen tun, um sie zu maßregeln.
Fakt ist, dass eine Hundemutter niemals ihre Welpen im Nacken packt und schüttelt. Bei ungebührlichem Welpenverhalten reagiert sie vielmehr mit hundlichem Drohverhalten: sie erstarrt, runzelt die Nase, starrt böse vor sich hin und knurrt dazu oder blafft den Welpen an. Es kann auch zu Abschnappen oder dem Schnauzengriff kommen. Eine andere maßregelnde Reaktion von Hundemüttern und erwachsenen Individuen im Rudel ist das „Pinning“, das Niederdrücken des Welpen auf den Boden, am Nacken mit offener Schnauze Das geschieht schnell, energisch, aber nur kurz, d.h. es handelt sich nicht um ein „Auf-den-Rücken-Drehen, bis der Welpe aufgibt“, „Alphawurf“, wie man auch immer wieder mal hört.
Was man auch sieht im Hundewurf, ist das überschwängliche, wilde Spiel der Mutter mit ihrem Nachwuchs, das den Welpen, die ja noch ziemlich schwach und zerbrechlich sind, schnell zu viel wird und sie aus dem Gleichgewicht bringt oder zum unterwürfigen Auf-den-Rücken-legen motiviert. Dann wird durch den liegenden Welpen aber wieder der Pflegetrieb der Mutter aktiviert und sie beginnt, wie seit Geburt praktiziert, das Bäuchlein und die Genitalien zu lecken. Auch das kann den Welpen unter Umständen lästig sein, sie strampeln und wehren sich, was die Mutter aber meist ignoriert und überlegen mit ihrem „Zwangsgrooming“ fortfährt. Bei all dem lernt der Welpe enorm Wichtiges: Dass man Maßregelungen entgeht, indem man Drohungen ernst nimmt. Oder indem man sich unterwirft. Dass die Mutterhündin überlegen ist und sich zu wehren nichts nutzt. Aber auch, dass die erwachsenen Rudelmitglieder nichts wirklich Böses tun, sondern vor allem für den Welpen sorgen. Beißhemmung und Formen hundlicher Kommunikation sind ebenfalls wichtige Lernziele in diesen ersten wichtigen Wochen des Hundes, sollten aber beim Welpenbesitzer unbedingt durch Besuch einer moderierten Welpenspielgruppe fortgeführt werden.
Im Nacken packt eine Mutter ihre Welpen nur in einem Fall: um sie zu tragen – z.B. weil Gefahr droht und sie ihre Welpen anderweitig unterbringen muss.
Im Nacken packen und SCHÜTTELN bedeutet "ich töte dich". Das ist ein Beuteverhalten, sowohl bei Hunden, als auch bei Wölfen: Beute wird im Nacken gepackt, um das Genick mittels Totschütteln zu brechen. Und auch beim Ernstkampf unter Hunden kommt Schütteln vor, aber halt ebenso mit Tötungsabsicht. Das zu imitieren kann nicht Ziel eines Hundebesitzers sein!
Somit können Hunde eine solche „Bestrafung“ niemals verstehen, man wird den Hund damit lediglich verängstigen, verstören, das Vertrauen zerstören und im schlimmsten Fall aggressive Abwehr dieser „Todesgefahr“ ernten.
Bei Welpen untereinander kann man manchmal leichte Ansätze von Nackenschütteln erkennen, und zwar in Spielsequenzen. Im Spiel werden Bewegungsabläufe geübt, einzelne Sequenzen von Beutefang und Jagd, denn Spiel hat v.a. einen Zweck: Erwachsenenalltag einzuüben. Deshalb sieht man hier eine breite Palette an Verhaltensweisen aus dem Jagdverhalten, Aggressionsverhalten, Sexualverhalten etc. Auch das Aufreiten gehört dazu, was immer wieder erstaunte Blicke der Welpenbesitzer nach sich zieht („der fängt aber früh an!“ 😉 ).
Anatomisch ist das Nackenschütteln ebenfalls nicht unbedenklich. Bei Babys hört man in ähnlichen Fällen immer wieder von Schleudertraumen mit teils lebenslangen Behinderungen, beim Hund kann sich durch Schwerkraft und Beschleunigungskräfte unter Umständen sogar die obere Hautschicht vom Muskelgewebe lösen, was schwere innere Verletzungen nach sich zieht.
Fazit: Lasst es einfach!!!
Was können aber nun wir Menschen tun, um Welpen klar zu machen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht tolerierbar sind?
Viele Trainer raten von maßregelnden Aktionen, wie sie die Mutterhündin zeigt, ab, weil hierbei auch viel falsch gemacht werden kann. Mit leiser Stimme „nein“ zu murmeln und den Hund zaghaft zu Boden zu bringen wird nicht funktionieren, übermäßige Härte, besonders auch bei emotionaler Beteiligung des Besitzers, sowie falsches Timing den Hund verstören.
Realistisch betrachtet kommt man bei fast(!) allen Hunden aber nicht ganz ohne „das-ist-nicht-erlaubt-Botschaften“ aus, denn das entspricht nicht dem Wesen des Hundes. Wenn man einen sensiblen Hund hat, reicht vielleicht bereits ein Knurren, Erstarren, böses Anblicken. Für einen wirksamen, aber angemessenen Einsatz gehört auf jeden Fall schnelles, unaufgeregtes, überlegtes Handeln, angepasst an das einzelne Hundeindividuum. Eine gewisse Energie und schauspielerische Begabung tun ebenfalls Not. Am besten, man lässt sich das einmal von einem guten, erfahrenen Hundetrainer zeigen – und das möglichst bald. Denn einen Welpen zu erziehen und souverän zu beeindrucken ist wesentlich einfacher, als bei einem ausgewachsenen Hund im womöglich besten Flegelalter.
“Natürlich muss man Grenzen setzen. Manche Leute übertreiben es ein wenig mit der positiven Verstärkung und halten jedes Nein, jede Grenze für eine aversive Trainingsmethode. Auch Tiermütter tadeln ihre Jungen, dazu haben sie jedes Recht. Ein Tadel ist keine Strafe, eher ein Signal zum Aufhören. …”
(Karen Pryor, 2014)
© Angelika Prinz; Rundumhund-Ostalb