11/05/2020
// „Wie hältst du es mit den Medenspielen 2020?“
Ein persönlicher Kommentar
Hallo Leute,
ausnahmsweise mal nicht der sandplatzgöttliche Plural, sondern die Ich-Form hier auf der Seite. Denn das wird mehr oder weniger genau mein Punkt sein in den nächsten Absätzen: Ich halte den Umgang mit der in der Überschrift aufgeworfenen Frage für eine sehr persönliche Angelegenheit. Deswegen habe ich das Thema hier – der eine oder andere wird es bemerkt haben – auch nicht groß forciert. Ich wollte da eben nicht „Meinung machen“. Wenn ich in der Sache irgendeine Kampagne in der einen oder anderen Richtung hätte starten wollen, hätte ich damit schon vor Wochen begonnen, als schon die DTB-Präsidiumsspatzen von den Dächern gepfiffen haben, dass die Mannschaftspiele definitiv kommen werden. So gut vernetzt im deutschen Tennis bin ich persönlich dann mittlerweile doch auch, dass sowas bis zu mir durchdringt.
Ende letzter Woche bin ich aber vom Lokalsport der Zeitung meiner Wahl zu dem Thema befragt worden, größere Teile eines langen Gespräches mit dem zuständigen Redakteur sind dann auch veröffentlicht worden. Daraufhin habe ich eine Menge Feedback zu meinen Aussagen bekommen, öffentlich oder privat, zustimmend oder konstruktiv kritisch, aber auch vereinzelt gelinde gesagt „seltsam“ im Ton. Und da ich dann doch meist mit „den Sandplatzgöttern“ gleichgesetzt wurde, habe ich mich entschlossen mich hier doch auch nochmal zu äußern.
Kurze Vorstellung: Ich bin Christian Schwell und der Grund dafür, dass die Sandplatzgötter nicht nur eine ganz normale Tennismannschaft mit überschaubarem Talent, sondern auch eine FB-Seite mit überschaubarem Humor sind. Aus dieser Grundkonstellation heraus bezahlen mich mittlerweile auch andere Publikationen dafür, dass ich unter meinem Namen oder dem Label Sandplatzgötter sowohl über Profi-Tennis als auch Tennis als Breitensport schreibe. Ich kooperiere mit Firmen, die Geld darüber verdienen, dass in Deutschland und anderswo Tennis gespielt wird. Ich habe mehr als 30 Saisons Medenspiele auf dem Buckel und dabei insgesamt zwei Partien verpasst. Meine Abi-Fahrt und ein Krankenhausaufenthalt haben mich jeweils abgehalten. Ansonsten bin ich der Typ, der bei Einladungen zu Taufen, Hochzeiten, Geburtstagen etc. für den Mai und Juni darauf hinweist, dass er erst nach Veröffentlichung der Spieltermine eine Zusage geben kann. Die Berichterstattung über unsere Medenspiele hat hier immer Raum eingenommen, gerade in Zeiten wo das professionelle Tennis noch eher ruht wäre sie eine schöne Alternative.
Den Sandplatz-Schuh, dass die Sache mit dem Tennis und den Mannschaftsspielen nicht so wichtig für mich ist, ziehe ich mir also eher nicht an. Und Verständnis für jeden, der mit Tennis direkt oder indirekt Geld verdient und im Moment schwer gebeutelt ist, habe ich – eben auch als einer davon – eh.
/ Die Entscheidungen der Verbände
Tatsächlich bin ich auch der Meinung, dass es die Aufgabe meines Heimat-Verbandes TVN und der anderen Landesverbände ist, Wettkämpfe auch in der jetzigen Situation zu planen und zu ermöglichen, wenn es die rechtlichen Vorgaben hergeben. Die Organisation des Wettspielbetriebs gehört zur DNA eines Sport-Verbandes. Ich bin davon überzeugt, dass sich die oft gescholtenen Verantwortlichen in den Landesverbänden ihre ja im Detail auch unterschiedlichen Entscheidungen nicht leicht gemacht haben und da ein intensiver Abwägungsprozess stattgefunden hat. Man kann ja jetzt auch noch relativ unkompliziert und ohne sportliche Abstrafung Mannschaften vom Spielbetrieb zurückziehen oder Mannschaften „zusammenlegen“. So weit, so gut. Ich wüsste auch nicht, was der Verband selbst da im Moment noch wirklich entscheidend besser regeln könnte. Auch wenn es mit Unsicherheiten behaftet und unbefriedigend ist, eine erst mal feste Entscheidung in einer eher im Fluss befindlichen Situation zu treffen.
/ Die persönliche Entscheidung
Der Rest ist jetzt der persönliche Abwägungsprozess. Und da wird es leider – so befürchte ich – kompliziert und stressig. Denn eine Tennismannschaft ist die Summe der einzelnen Spieler. Ein höchst heterogenes Gebilde. Man unterscheidet sich nicht nur im rein subjektiven Vorhandensein von Ängsten, Befürchtungen und Motivationen, man unterscheidet sich auch ganz objektiv in den Lebenssituationen. Es gibt Spieler, die sind für nur sich verantwortlich und dürfen sich auch so fühlen und danach handeln. Aber auf so ziemlich jeden, für den „die Risikogruppe“ nur ein relativ abstrakter Begriff ist, kommt auch einer, bei dem „die Risikogruppe“ jede Nacht mit im Doppelbett liegt. Oder der am Arbeitsplatz ständig auf die Risikogruppe trifft. Dass alle Medenspieler selbst gar nicht zur Risikogruppe gehören können, weil wir Tennisspieler ja ALLE so total fit und gesund sind, habe ich in den Diskussionen zum Thema auch öfter sinngemäß mal gelesen. Mir fehlt, auch ganz unabhängig vom Alter, der Glaube. Persönlich lebe ich zusammen mit „der Risikogruppe“ in einem Haushalt. Ich finde es äußerst dünn und von einem kubickiesken Mangel an Empathie behaftet, wenn ich lese, dass die Leute dann „eben einfach zuhause bleiben sollen“.
Alles kein größeres Problem, wenn sich innerhalb einer Mannschaft alle in der einen oder anderen Richtung einig sind. Es wird aber problematisch, wenn – wie es schon im Internet passiert- die „Vorsichtigen“ mit irgendwelchen krummen Vergleichen, was auch noch alles gefährlich ist im Leben, als „Angsthasen“ gebrandmarkt werden. Wenn Leute dann über Gruppendruck zur Teilnahme überredet werden sollen. Wenn nicht akzeptiert wird, dass eine mögliche subjektive Betroffenheit in bestimmten Lebensumständen jenseits von den statistischen Wahrscheinlichkeiten ausschlaggebend für die Entscheidung werden kann. Bei mir, der sich tatsächlich noch gar nicht entschieden, sondern nur angemerkt hat, dass ein Leben auch ohne Medenspiele in diesem Jahr aufgrund der Umstände auch möglich und aushaltbar wäre und der gerne Problematiken und Wertigkeiten gegeneinander abwägen möchte, kam das Wort vom „Verräter“ ins Spiel. Wohlgemerkt nicht von einem anderen aus dem Kreis der Sandplatzgötter. Auch nicht von jemandem aus unserem Verein oder dem Verband. Sondern von jemandem, der gar nichts mit uns zu tun hat, aber seine eigene Agenda fährt. Ich wünsche euch ein anderes Level an Verständnis für unterschiedliche Positionen, wenn ihr in euren Teams diskutiert.
/ Auf dem Platz
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man das Spiel mit seinen aktuellen Einschränkungen gerne auch schon früher in ganz Deutschland freigeben können. Die Ansteckungsgefahr ist nach meinem aktuellen Sachstand bei einem Einzel unter freiem Himmel beim Spiel selbst höchstwahrscheinlich tatsächlich vernachlässigbar. Beim Doppel sieht die Sache – nimmt man die allgemein gültigen Abstandsregeln als Grundlage – aber schon wieder etwas anders aus. Das trägt zur Verwirrung auch bei den Behörden bei. Einzelne Kommunen in NRW haben auch am Wochenende noch explizit mehr als zwei Leute auf einem Court ausgeschlossen. Anderswo in der Nachbarschaft darf schon mit vier Spielern auf dem Court plus Trainer Doppel trainiert werden. Die gleichen Leute, die beim allgemeinen „Sportverbot“ laut „Was für eine dumme Regel!“ in die Tastatur gehämmert und im Stundentakt Bilder gepostet haben, die die 20 Meter Abstand beim Tennis illustrieren, hinterfragen jetzt übrigens auffälliger Weise höchst selten, ob die Erlaubnis Doppel zu spielen denn umgekehrt logisch in den restlichen allgemeinen Regelkatalog passt.
Das alles wird, wenn ich Armin Laschet richtig verstanden habe (fällt mir manchmal schwer), aber die Mannschaftsspiele im Juni ja eh nicht mehr tangieren, da dann (Achtung, Ironie meinerseits) per Erlass anscheinend eine Corona-Ansteckung sportartübergreifend AUF dem Platz in NRW sowieso nicht mehr möglich ist. Anders kann ich die schon letzte Woche avisierten Wettkampfmöglichkeiten für dann wohl alle Sportarten nicht interpretieren. Was, wenn wir mal davon ausgehen, dass die sogenannte „neue Normalität“ abseits des Sports noch über den Mai hinaus gelten wird, zu etwas seltsamen Situationen führen dürfte. Denn während Person X mir dann am Samstagmorgen im Supermarkt immer noch nur mit Maske und Abstand begegnen darf, kann sie mir Samstagmachmittag bei diversen Sportarten die komplette Wettbewerbszeit lang keuchend ins Gesicht atmen. Das wiederholt sich dann nur ein paar Tage später wieder in komplett anderen personellen Konstellationen beim nächsten Spieltag.
/ Neben dem Platz
Womit wir dann wieder beim Tennis landen. Denn auch wenn ich glaube, dass man den rein sportlichen Aspekt der Mannschaftspiele gut in den Griff bekommen könnte, gibt es eben noch das Drumherum. Und da kehrt sich so mancher Vorteil, den Tennis unter Corona-Aspekten zweifellos gegenüber anderen Sportarten hat, ins Gegenteil um. Ein Medenspiel im Tennis dauert halt nicht 40, 60 oder 90 Minuten, sondern zieht sich mehr oder weniger über einen halben Tag. Anders als in anderen Bereichen und auch anders als beim Tennis nach den aktuellen Regeln ist dann eine lange gemeinsame Verweildauer vor Ort zu organisieren. Und „vor Ort“ bedeutet im Tennis unzählige verschiedene Varianten an Anlagen, auch ganz unterschiedliche Freiflächen auf dem Clubgelände, die keinesfalls immer analog zur Anzahl der Plätze größer werden. Es gibt also auch relativ kleine Anlagen, auf denen sich an Medenspiel-Tagen gleich vier oder gar sechs Mannschaften tummeln, es gibt vor allen Dingen Clubs, bei denen Terrasse wie Clubhaus durchaus überschaubar groß sind. Apropos Gastronomie: Mir liegen die Regeln vor, die eine Kommune am Wochenende für die Öffnung einer Clubgastronomie aufgestellt hat. Abgesehen davon, dass bei Einhaltung dieser Regeln vielerorts kaum Platz für auch nur zwei vollständige 6er-Mannschaften bereit gestellt werden kann, ist im Moment dabei alles auf das klassische Restaurant abgestimmt, bei dem die Gäste in kleinen Gruppen am besten vorangemeldet zu einer einzelnen Mahlzeit vorbei kommen, diese dann brav am und durchgängig an einem Tisch sitzend zu sich nehmen und danach zeitnah wieder gehen. Mit dem „Normalbetrieb“ während eines Spieltags hat das - sollten diese Regeln unverändert weiter bestehen und auf ihrer Einhaltung auch beharrt werden – wenig bis gar nichts zu tun.
Unter diesen Umständen treffen sich dann in meinem zugegebenermaßen Negativ-Szenario für lange Vormittage oder Nachmittage diverse Mannschaften aus verschiedenen Vereinen, deren Mitglieder ganz unterschiedliche Einstellungen zur Situation haben und auch den Rest ihres Lebens im Moment sicher sehr unterschiedlich gestalten. Regeln ernster oder weniger ernst genommen haben wollen. Vielleicht mischt auch noch ein armer Corona-Beauftragter des Gastgebers mit, der sicherstellen will, dass sein Verein keinen Ärger bekommt. Von Ausnahmesituationen wie kurzen oder längeren Regenpausen oder allgemein eher widrigen Wetterbedingungen möchte ich gar nicht erst anfangen. Ich hoffe tatsächlich, dass es dann etwas gesitteter und einander zugewandter zugeht, als bei entsprechenden Diskussionen im Internet bisher. Ich befürchte aber, dass das an so manchem Spieltag, der ja auch in normalen Jahren ehrlicherweise nicht immer vollkommen frei von Disput und Zickereien ist, nicht der Fall sein wird.
/ Fazit
Allen von euch, die bis hierhin durchgehalten haben, will ich gar keine Entscheidung nahelegen. Jeder muss tatsächlich für sich selber beantworten, ob Wettkampftennis in ein paar Wochen Sinn macht. Ich will einfach an euch appellieren, dass ihr in den nächsten Tagen innerhalb eurer Mannschaften offen aber auch verständnisvoll für andere Positionen diskutiert und zu einer eigenen Entscheidung kommt. Und wenn eure Mannschaften dann antreten und ihr persönlich dabei seid, wünsche ich euch, dass ihr die besonderen Umstände auch im Juni noch mindestens mal im Hinterkopf habt und auch auf und neben dem Platz entsprechend umsichtig handelt.
Ach ja, noch was: Ja, mein Vorhandgriff ist sehr extrem. Macht das bitte wie die meisten anderen Dinge, die ich im Tennis so mache, nicht nach.
Euer Schwelli