15/08/2026
**DEUTSCHE GEWÄSSER IM KLIMAWANDEL – WER IST HIER EIGENTLICH „FREMD“?**
Unsere Gewässer verändern sich. Und mit ihnen wird sich zwangsläufig auch ihre Fauna verändern.
Steigende Wassertemperaturen, längere Hitzeperioden, Niedrigwasser und sinkende Sauerstoffgehalte werden dafür sorgen, dass manche Fischarten Lebensräume verlieren, in denen sie heute noch selbstverständlich vorkommen.
Kälteliebende Arten wie die Bachforelle werden sich zunehmend in kühlere Oberläufe, Höhenlagen und andere geeignete Rückzugsräume zurückziehen müssen. Andere Arten werden profitieren. Wieder andere werden aus südlicheren Regionen zuwandern oder sich in Gebieten etablieren, in denen sie bisher kaum eine Chance hatten.
**Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob sich unsere Fischfauna verändern wird. Sie lautet: Wie gehen wir damit um?**
Denn noch immer begegnen wir Veränderungen häufig nach einem erstaunlich einfachen Schema:
War eine Art früher nicht hier, ist sie „gebietsfremd“.
Breitet sie sich aus und verursacht nachweislich erhebliche negative Auswirkungen, kann sie als invasiv eingestuft werden.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn **gebietsfremd ist nicht automatisch invasiv.**
Und trotzdem entsteht in der Praxis manchmal der Eindruck:
Was nicht hierhergehört, muss weg.
Angler werden bei bestimmten Arten verpflichtet oder angehalten, gefangene Tiere zu entnehmen. Zurücksetzen verboten – selbst dann, wenn eine sinnvolle Verwertung kaum möglich ist.
Aber was soll damit eigentlich erreicht werden?
Wenn eine Art ein komplettes Flusssystem bereits besiedelt hat, müsste zunächst nüchtern gefragt werden:
Kann sie überhaupt noch beseitigt werden?
Welche konkreten ökologischen Schäden verursacht sie?
Wie entwickelt sich der Bestand?
Welche heimischen Arten werden tatsächlich beeinträchtigt?
Welche Managementmaßnahme funktioniert nachweislich?
Und vor allem:
**Ist die angeordnete Maßnahme geeignet, das behauptete Ziel überhaupt zu erreichen?**
Wenn Millionen Tiere längst in einem vernetzten Gewässersystem leben, wird man eine Population kaum dadurch beseitigen, dass einzelne Angler ihre gefangenen Exemplare töten.
Dann wird aus Artenschutz schnell Symbolpolitik.
Dabei gibt es noch einen anderen Punkt, über den wir wesentlich unbequemer diskutieren müssten.
Wir reden über „invasive Fische“ – aber erstaunlich selten über **invasive Eingriffe des Menschen in unsere Flüsse.**
Flüsse wurden begradigt.
Ufer wurden befestigt.
Auen wurden abgetrennt.
Altarme verschwanden.
Staustufen und Wehre unterbrechen Wanderwege.
Flüsse wurden vertieft und für die Schifffahrt ausgebaut.
Natürliche Beschattung ging verloren.
Strukturreiche Flachwasserzonen, Kiesbänke, Nebenarme und Laichhabitate verschwanden.
Und nun kommt der Klimawandel obendrauf.
Ausgerechnet in dieser Situation versuchen wir teilweise, mit Verordnungen eine historische Artenzusammensetzung festzuhalten, während wir gleichzeitig die Lebensräume, die diese Artenzusammensetzung überhaupt ermöglicht haben, massiv verändert haben.
**Vielleicht liegt genau darin der Denkfehler.**
Natur ist kein Museum.
Ein Ökosystem besitzt keinen eingefrorenen Idealzustand eines bestimmten Jahres, den wir für alle Zeiten konservieren können.
Das bedeutet ausdrücklich **nicht**, dass jede eingeschleppte Art willkommen ist.
Natürlich gibt es gebietsfremde Arten, die erhebliche ökologische Schäden verursachen. Natürlich muss verhindert werden, dass Menschen weitere problematische Arten aussetzen. Und natürlich kann es bei neu auftretenden Populationen sinnvoll sein, schnell zu handeln, solange eine Beseitigung überhaupt noch realistisch ist.
Aber genauso falsch erscheint mir das andere Extrem:
**„War früher nicht da – muss weg.“**
Wir werden uns vielmehr damit beschäftigen müssen, welche neuen Lebensgemeinschaften unter den klimatischen Bedingungen der kommenden Jahrzehnte entstehen.
Vielleicht werden manche Arten verschwinden.
Vielleicht kommen andere hinzu.
Vielleicht entstehen Konkurrenzsituationen.
Vielleicht entstehen aber auch neue Räuber-Beute-Beziehungen und langfristig neue, funktionierende Lebensgemeinschaften.
Die Schwarzmeergrundeln beispielsweise sind inzwischen Bestandteil vieler Gewässersysteme und gleichzeitig Beute für Raubfische geworden. Weitere wärmeliebende Arten könnten folgen.
Ob uns das gefällt oder nicht, ist für die Natur ziemlich bedeutungslos.
Evolution und Ökologie kennen keine Landesgrenzen und keine Fischereiverordnungen.
Deshalb sollten wir vielleicht aufhören, jede Veränderung zuerst mit der Frage zu betrachten:
**„Wie bekommen wir diese Art wieder weg?“**
Und stattdessen fragen:
**„Was geschieht tatsächlich im Ökosystem – und welche Eingriffe sind ökologisch sinnvoll und nachweislich wirksam?“**
Und noch eine Frage gehört auf den Tisch:
Wenn wir Milliarden dafür aufwenden, Flüsse zu regulieren, zu befestigen, aufzustauen, zu vertiefen und für menschliche Nutzungen umzugestalten – dürfen wir anschließend wirklich so tun, als seien ausgerechnet einige neu auftretende Fischarten das große Problem für die Natürlichkeit unserer Gewässer?
Vielleicht wäre der wirksamste Schutz unserer heimischen Fischarten nicht die nächste Entnahmeverordnung.
Vielleicht wären es **natürlichere Flüsse.**
Mehr Schatten.
Mehr Struktur.
Mehr Auen.
Mehr Nebenarme.
Mehr Durchgängigkeit.
Mehr Rückzugsräume bei Hitze und Niedrigwasser.
Und weniger menschlicher Nutzungsdruck.
Denn eines dürfte der Klimawandel sehr deutlich zeigen:
**Wir können die Natur nicht auf den Zustand von gestern festschreiben.**
Wir können aber entscheiden, ob wir ihr genügend Raum lassen, sich an die Bedingungen von morgen anzupassen.
Liebe Behörden und Verordnungsgeber:
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, welche Fische angeblich „nicht hierhergehören“ – und mehr darüber, **welche Gewässer wir den Fischen überhaupt noch übriglassen.** Frag den Fisch - Gedanken zum Gewässe