27/05/2026
Der Harz riecht heute nach feuchter Erde, jungem Farn und dieser ganz besonderen Mischung aus Morgentau und altem Fichtenharz, die einem das Gefühl gibt, der Wald habe über Nacht heimlich nachgedacht. Die Sonne schiebt sich langsam über die Bergrücken, der Nebel hängt noch träge zwischen den Tälern, und irgendwo schimpft ein Eichelhäher über Dinge, die vermutlich wieder einmal ausschließlich Menschen verursacht haben. Ich sitze auf meinem moosbewachsenen Stein, während der Eichkater versucht, eine Blaubeere vom letzten Herbst aus meinem Bart zu pulen, und der Kolkrabe bereits dieses Gesicht macht, das nichts Gutes verheißt.
Glück auf, liebes Tagebuch aus Birkenrinde!
Heute flatterte wieder so ein hübsch dekoriertes Wolfsmärchen durchs Unterholz. Mit Waldromantik. Mit Nebelbildchen. Mit sanfter Schrift. Kurz: dieselbe optische Stimmung wie bei einer Duftkerze namens „Spirit of Wilderness“, die in Hamburg Ottensen neben veganem Birkenzucker verkauft wird.
Und dann kommen die Zahlen.
45 bis 60 Prozent Rehwild.
20 bis 30 Prozent Schwarzwild.
10 bis 15 Prozent Rotwild.
Nutztiere unter ein Prozent.
Tagebuch, jetzt wird es interessant. Denn solche Angaben klingen wunderbar wissenschaftlich, bis man merkt, dass Deutschland kein biologischer Einheitsbrei ist, sondern aus völlig unterschiedlichen Lebensräumen, Wilddichten, Nutzungsformen und Wolfsrudeln besteht.
Der Buntspecht hämmerte trocken:
„Eine Durchschnittszahl ist ungefähr so präzise wie ein Wetterbericht vom Eichhörnchen.“
Richtig.
Natürlich besteht die Hauptnahrung deutscher Wölfe überwiegend aus wildlebenden Huftieren. Das ist unstrittig. Reh, Rotwild, Schwarzwild, regional auch Damwild oder Muffel. Je nachdem, was verfügbar ist. Opportunistischer Beutegreifer nennt sich das. Der Wolf frisst nicht ideologisch. Der frisst energetisch sinnvoll. Aber schon diese hübschen Prozentzahlen schwanken regional erheblich. In einigen Gebieten dominiert Rehwild. In anderen Schwarzwild. In wieder anderen Regionen spielen Nutztiere deutlich stärker hinein als dieses gemütliche „unter ein Prozent“ suggeriert. Denn jetzt kommt der Punkt, an dem aus Biologie plötzlich Werbeprospekt wird.
„Fast ausschließlich bei ungeschützten Herden.“
Ach herrje.
Der Eichkater verdrehte die Augen so stark, dass beinahe eine Blaubeere herunterfiel.
Denn natürlich sinkt das Risiko bei funktionierendem Herdenschutz. Natürlich helfen gute Zäune, Behirtung und Herdenschutzhunde. Aber diese romantische Vorstellung, jedes gerissene Nutztier stehe grundsätzlich hinter einem offenstehenden Gartentor mit handgemaltem Schild „Bitte fressen“, ist schlicht Unsinn. Deutschland ist keine flächendeckende Steppe mit perfekt umzäunten Modellweiden aus dem Lehrbuch. Wir reden über Mittelgebirge, Deiche, Moorflächen, Mutterkuhhaltung, Wanderschäferei, Kleinstbetriebe und hochzerschnittene Kulturlandschaften. Zäune funktionieren unterschiedlich gut. Manche Wolfsindividuen lernen. Manche testen aktiv Schutzmaßnahmen. Manche überspringen oder untergraben sie. Das ist längst dokumentiert.
Wolfgang, der vegane Wolf, hob kurz die Pfote:
„Es gibt unter Wölfen auch… kreative Kollegen.“
„Eben“, sagte ich.
Und dann kommt der ganz große Zaubertrick:
Der Wolf verändere Landschaften. Flüsse würden ihren Lauf ändern. Trophische Kaskade. Yellowstone. Naturwunder deluxe.
Tagebuch, jetzt wird es endgültig folkloristisch.
Ja, trophische Kaskaden existieren. Natürlich. Große Prädatoren beeinflussen Beutetierverhalten. Das ist solide Ökologie. Aber dieses ständige Übertragen nordamerikanischer Nationalparkprozesse auf die dicht besiedelte Bundesrepublik ist ungefähr so fachlich sauber wie ein Karpfen im Fahrradhelm.
Deutschland ist keine Wildnis. Deutschland ist Kulturlandschaft.
Zwischen Bundesstraße, Windpark, Maisacker, Rückegasse, Mountainbike Trail und Gewerbegebiet verhält sich ein Ökosystem etwas komplizierter als in einem Netflix Naturfilm mit sphärischer Musik.
Der Kolkrabe krächzte:
„Die Ilse ändert ihren Lauf hier nicht wegen eines Wolfs. Eher wegen dreier Genehmigungsverfahren und eines maroden Durchlasses.“
Exakt.
Und genau das fehlt in diesen weichgespülten Wolfsposts fast immer: Maßstab. Realität. Differenzierung.
Der Wolf ist weder Dämon noch Landschaftsheiler mit Fellkragen. Er ist ein hochangepasster Spitzenprädator in einer vom Menschen geprägten Kulturlandschaft. Nicht mehr. Nicht weniger.
Und natürlich beeinflusst er Wildbestände und Verhalten. Aber er ersetzt weder Jagd noch Waldmanagement noch Landwirtschaft noch Naturschutzkonzepte. Der Wolf allein rettet keine Biodiversität. Sonst müsste der Harz inzwischen aussehen wie der Garten Eden mit Hirschkonzert und Orchideenfestival.
Tut er aber nicht.
Der Buntspecht hämmerte:
„Und die Borkenkäfer lesen diese Facebookgrafiken offenbar auch nicht.“
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn man endlich aufhören würde, den Wolf entweder zum Weltuntergang oder zum ökologischen Wunderheiler zu erklären.
Er ist ein Tier.
Ein faszinierendes Tier.
Aber eben kein Märchenwesen aus dem Biobaukasten.
Aber gut. Ich bleib einfach stumpf in meinem taufeuchten Harzer Wald, auf meinem moosbewachsenen Stein sitzen, denke darüber nach, wie aus einem opportunistischen Beutegreifer plötzlich ein Landschaftsarchitekt geworden ist, umarme zwei Buchen, drücke ein paar Blaubären und kuschle den Eichkater – ob er will oder nicht. Mit harzigem Humor, einer Prise Fichtennadel und unerschütterlicher Abscheu vor menschlicher Naturromantik auf Postkartenniveau.
Glück Auf!
Euer Wald- und Wiesentroll