03/09/2026
Vor einigen Wochen ist er ins Pflegezentrum gezogen. Plötzlich, nach einem Krankenhausaufenthalt. Er konnte nicht mehr alleine laufen.
Das Haus hatte er sich selbst ausgesucht, lange vorher schon, mit wachem Kopf. Ein Teil in ihm hatte zugestimmt. Und doch: jetzt ist er überwältigt von der Fülle der neuen Eindrücke, der neuen Herausforderungen.
Daher treffen wir uns einmal pro Woche. In diesen Gesprächen breitet sich sein Inneres aus – und entwickelt sich dabei selbst weiter.
Seine Frage in diesen Tagen:
"So viele kranke Menschen um mich herum. Manche schauen nur noch ins Leere. Andere antworten nicht, wenn ich grüße. Was bedeutet das? Wieder andere erzählen mir Krankheitsgeschichten, die mich nachts wachhalten."
Im Gespräch wird klar: Es ist nicht nur der Verlust des Zuhauses. Es ist eine komplett neue soziale Wirklichkeit. Mit Krankheit und Gebrechlichkeit so konfrontiert, wie er es zuvor nie erlebt hat.
Und er findet seinen Weg.
„Bei dieser Person lass ich künftig eine Jalousie runter. Ich darf mir das nicht zu dicht an mich heranlassen."
„Hier grüße ich jemanden, es gibt diesen kleinen Blickwechsel. Das ist schön für uns beide. Aber ich erwarte nicht, dass wir uns unterhalten können. Das kann die Person nicht mehr."
Ich achte in diesen Gesprächen sehr genau auf seine Körpersprache. Wenn ich ein Zögern spüre, bleibe ich dran. Wenn ich ein kleines Gefühl wahrnehme, das noch keine Worte gefunden hat, spreche ich es für ihn aus – mit Stimmklang, mit Geste, mit einer Präsenz, die dieses Gefühl plastischer macht. So entsteht nicht nur ein Gedankenraum. Es entsteht ein Erlebensraum.
Er durchläuft einen Entwicklungsprozess, den ich kaum in Worte fassen kann. Findet sich zurecht. Passt sich an seine neue Wirklichkeit an. Erfindet seinen eigenen Weg.
Ich bin tief berührt davon, wie beweglich ein Mensch im hohen Alter sein kann. Wie innerlich gesund er bleibt.
Und wie viel möglich wird, wenn da jemand ist, der ihn bei seinen Gedankengängen begleitet.