24/06/2026
„Mein Bein tut so weh. Mein Bein tut so weh."
So klagt sie den ganzen Tag.
Nach kurzer Rücksprache mit der Pflege bin ich beruhigt: schmerztherapeutisch gut eingestellt, Physiotherapie läuft. Es wird alles getan. Also geht es um etwas anderes. Nicht um körperlichen Schmerz allein.
Wie erreiche ich sie? Welche Brücke trägt?
Ich mache mich auf die Suche.
Erst gehe ich über das Ohr. Greife ihre Worte auf, antworte auf ihre Klagen. Keine Veränderung.
Dann über das Auge. Ich lasse mich auf ihre Bewegungen ein, synchronisiere mich mit ihr, damit sie körperlich spüren kann: jemand ist bei mir. Keine Veränderung.
Eine sanfte Berührung am Bein. Auch das trägt sie nicht weit.
Also suche ich weiter. Was kann unser gemeinsames Drittes sein?
In der Arbeit mit Menschen mit Demenz nenne ich das: Sinnesbrücken suchen. Wege zur Verbindung, wenn Worte nicht mehr tragen.
Eine Rose auf der Dachterrasse – sie schaut kurz hin. Dann wieder: „Mein Bein tut so weh."
Dann kommen wir am Lavendel vorbei.
Ich pflücke einen Zweig. Wir riechen gemeinsam daran.
Ihr Gesicht verändert sich vollkommen.
Sie strahlt. Riecht noch einmal. Und noch einmal. Und sagt:
„Wie schön. Wie schön."
Zehn Minuten verharren wir so. Wenn der Lavendel ihr aus dem Sinn schwindet, knüpfe ich wieder daran an. Und die Freude kommt zurück. Immer wieder.
Zehn Minuten Genuss. Zehn Minuten bei sich.
Und das ist ihr Geschenk an mich heute:
Indem der Lavendel unser gemeinsamer Raum wurde – der Ort, an dem sie zu sich fand – hat sie auch mich darin gehalten. Zehn Minuten durfte ich staunend genießen, was jederzeit vor mir liegt. Und woran ich doch so oft vorbeigehe.