05/05/2019
Eigentlich ist diese Geschichte zu schade für Facebook. Sie stammt aus meinem Buch "Zusammenhänge im Pferd" (Teil 1), aber ich möchte sie hier teilen, weil sie sehr viele Reiter zum Nachdenken anregen sollte - und das ist schliesslich das Ziel meiner Arbeit.
"Vor einigen Tagen gab ich der fünfjährigen Tochter einer Freundin Reitunterricht auf ihrem eigentlich noch viel zu großen Pony.
Als letzteres zum wiederholten Male die Ecken „abkürzte“, sagte ich ihr, sie könne das Pony ruhig einmal mit ihrem inneren Bein anbuffen, damit es vernünftig aussen herum ginge.
Sie sah mich entsetzt an.
„Nein!“ sagte sie bestimmt.
Verwundert fragte ich, warum nicht - für mich war es einfach völlig normal, dass man gewisse Ponys manchmal etwas buffen muss.
„Weil er mein Freund ist.“ sagte das kleine Mädchen und war offenbar sehr erstaunt darüber, dass ich ihr eine so dumme Frage stellte.
Also kam sie in die Mitte geritten und erklärte mir sehr nachdrücklich:
„Wenn er nicht in die Ecken gehen will, hat er entweder Angst, oder ich kann noch nicht so gut reiten, dass er mich versteht.“
Ich musste gleichzeitig lachen und hatte Tränen der Rührung in den Augen und stimmte ihr sofort zu. Persönlich glaube ich eher, dass das Pony nicht so große Lust hatte, gaaanz außen herum zu gehen, aber darum erzähle ich die Geschichte nicht.
Ich erzähle diese Geschichte, weil sie so hervorragend verdeutlicht, was alle Reiter eigentlich jeden Tag tun müssten:
Sich daran erinnern, warum sie ursprünglich eigentlich reiten lernen wollten.
Sich daran erinnern, wie sie fremde Pferde streichelten und davon träumten, einmal ein eigenes Pony zu haben. Wie sie stundenlang Pferde striegelten und Zöpfe flochten und Hufe einfetteten. Wie sie sich zu ihrem Lieblingspferd in die Box schlichen, um sich zu trösten, wenn sie traurig waren. Wie weiche Pferdenasen ihnen sanft in den Nacken bliesen und tröstlich schnaubten. Wie glücklich sie waren, ein Pferd zum Freund zu haben.
Alle Reiter sollten sich daran erinnern, dass es die Liebe zu Pferden war, welche sie ursprünglich zu Reitern werden liess.
Nicht die Sehnsucht nach Erfolg auf Kosten des Pferdewohles, nicht der Drang, mit dem Pferd Geld zu verdienen, nicht das Ausüben von Macht über das Pferd.
Sondern echte, reine Liebe zu diesen freundlichen und sanftmütigen und kraftvollen Geschöpfen.
Wenn man sein Pferd als Freund versteht, fügt man ihm keinen Schaden zu, man sucht die Fehler bei sich selbst und arbeitet stetig an dem eigenen Wissen und Können, um dem Pferd bestmöglich gerecht zu werden.
Ich finde, besser als in der Weigerung des kleinen Mädchens, seinem Pony in seinen Augen „weh zu tun“ sowie in seiner Antwort auf meine dumme Frage, kann man es gar nicht vor Augen geführt bekommen." (Auszug "Zusammenhänge im Pferd") ©Julie von Bismarck
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Foto: istockphoto
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