Zeit ohne Wände

Zeit ohne Wände Deutschland und die Welt aus der Perspektive eines Nomaden. 2 Füße, 8 Pfoten und 9 Wochen Zeit die Republik zu erkunden - mit Zelt und Rucksack.

Deutschland aus der Perspektive eines Nomaden. Wie ist Deutschland eigentlich wirklich? Die Frage lässt sich womöglich leichter beantworten, wenn man seine Heimat zu Fuß erkundet...

Nordland-Tour, 14 / Out'n backDies ist nach zwei wunderbaren Monaten "Auszeit im europäischen Outback" mein letzter Eint...
31/07/2019

Nordland-Tour, 14 / Out'n back

Dies ist nach zwei wunderbaren Monaten "Auszeit im europäischen Outback" mein letzter Eintrag. Jede Reise geht mal zu Ende, sonst wäre es keine Reise. Du bist "out", aber anschließend wieder "back".
Doch vorher möchte ich ihn noch einmal genießen, den für mich stellvertretend schönsten Moment.

Ich verbringe eher spontan die vorletzte Woche auf dem Hof "Spannbyn" in Mittelschweden. Ein Ort der Achtsamkeit in jeder Hinsicht (bitte am Ende den Hinweis auf die Internetseite beachten).

Als man meine Affinität zur Natur und zum Haussee "Spannsjön" bemerkt, bekommen Bounty und ich das Faltboot, ein aus Plane gefertigtes Kanu, zur Nutzung angeboten. Ich muss unbemerkt schlucken, denn ich weiß, dass dieses Boot eigentlich jemandem gehört, der viel zu früh aus dem irdischen Paradies gerissen wurde.
Aber vielleicht freut es ihn, da wo er jetzt ist, wenn jemand wie ich es zu schätzen weiß. Dann hat er einen Fußabdruck hinterlassen, den ich gesehen und hinterfragt habe. Als ich zusage und das Boot mit zum Steg trage, ist "er" nicht "out", sondern "back". (Ich danke Dir, Yngve).

Es ist nicht meine erste Kanufahrt, aber an die letzte kann ich mich kaum noch erinnern. Jedoch meine erste Tour mit Hund. Bounty steigt sofort ein. Für sie dient eine dicke Isomatte als bequemer und rutschfester Untergrund. Kein Problem für meinen Hund, der mit mir wohl auch zum Mond reisen würde. Und das tun wird dann auch.

Dieses sanfte Gleiten im See. Schwerelos. Fast lautlos. Es wird gleich Mitternacht und wir sind umgeben von freundlichem Wasser, schlafenden Seerosen und schmeichelndem Restlicht. In Ufernähe taucht ab und zu eine Fledermaus blitzschnell auf und schnappt sich ein Fluginsekt, das damit vom Speiseplan eines bereits an der Oberfläche lauernden Fisches verschwindet.
Ich tauche mein Paddel nur sanft in die Oberflächenspannung, auf der noch wenige Wasserläufer mir vormachen, was sie am besten können. Aber, das kann ich auch. Dieses Boot ist wie eine zweite Haut.
Bounty und ich hören in der Ferne nur ein leichtes Rauschen; das ist der Abfluss des Wassers, der als Wildbach durch Steine und umgestürzte Bäume auch meine Gedanken und Gefühle mitnimmt. Irgendwann nehme ich das Paddel hoch und lasse mich treiben. Losgelöst. Wie "Major Tom" im Weltall.
Ich nehme diese unfassbar beruhigende Stille tief in mich auf. Sie geht mir wohltuend bis ins Mark. Mein Gott, wie schön ist das. Selbst Heulen vor Freude geht nicht, auch wenn mir das Wasser leicht in die Augen kommt.

Das erinnert mich an die Erklärung eines längst verstorbenen Kollegen, der mir vor mehr als 25 Jahren mit Vorfreude davon erzählte, dass er als Pensionär mit seiner Frau auf Seereisen gehen wolle, um dann auch mal seinen ganzen Frust und Ärger aufs Meer hinaus zu schreien. Als ich ihn vor seinem Ableben nochmal traf, fragte ich ihn auch, ob er denn seinen "Befreiungsschrei", so nannte er es, abgelassen habe.
"Ich wollte, aber ich konnte nicht", war seine zufriedene Antwort.

Du fühlst dich "back" im "out"; ich kann mich nicht erinnern, mir seit Ewigkeiten selbst nochmal so nahe gewesen zu sein. Minuten im Hier und Jetzt. Man nennt es auch: Eins sein, mit sich selbst. Und sich eingebettet zu fühlen, in alles um sich herum.

Bounty ist längst eingeschlafen; ein leises Schnarchen mischt sich jetzt mit dem Plätschern meines Paddels, wenn ich uns ohne großen Kraftaufwand durch den glänzenden See gleiten lasse.

Es kann nicht anders sein, das Wasser ist die Wiege des Lebens.

Irgendwann probiere ich es aus. Stört leise Musik?
Nein, wenn man ihr in diesem Moment für einen freundlichen Besuch die Türe selbst öffnet, ist sie ein berauschendes Element.

Ich koste es aus. Längst ist der Mond hinter hohen Wipfeln verschwunden. Als ich in der Nacht den Weg zum Steg zurück finde, bilde ich mir ein, dort stünde eine Kerze, die auf mich gewartet hat. Meine Einfahrt an die kleine Landungsbrücke bricht jeden Langsamkeitsrekord. Frieden ist mehr, als nur ein kriegsfreier Zustand. Es ist wie blütenreiner Honig, der alle Sehnsüchte auf einmal nährt.

Gut, dass es kein Traum war. Ich bin zwei Abende mit dem Boot draußen und es erfüllt mich mit Kraft. Die mir mit auf den Weg gegebene Vorstellung, dass dieses Boot mich auch durch den rauen Alltag geleiten könne, gefällt mir und soll mir einen deutlichen Impuls geben, wenn ich mich demnächst nach dem "back" mal wieder "out" fühle.

Mit wunderbaren Erinnerungen verlasse ich den Hof in Mittelschweden. Gezielt nutze ich Nebenstrecken in Richtung Süden. Sukzessive wird wieder alles mehr. Menschen, Häuser, Verkehr, aber immer noch Schweden. Da wirst du plötzlich von einer rechts neben der Straße auftauchenden alten Dampflok überrascht, oder bei der Suche nach einem Schlafplatz im Wald zur 400 Jahre alten Buche gelotst. Vieles was alt und "out" ist, kann faszinierend sein und als Erklärung dienen, um zu verstehen, warum jede Entwicklung von Dingen oder Zuständen eigentlich immer ein Prozess ist, der auf dem aufbaut, was Generationen zuvor gedacht und gemacht haben. Der Wert von "Erfahrung" darf niemals verloren gehen.

Am "Vättern", einem der riesigen Seen, finde ich schnell eine einsame Bucht für Bounty und mich alleine. Stundenlang ungestörtes Baden und aufs Wasser schauen. Ab und an zieht mal wieder ein Motorbötchen vorbei, in Gedanken umrunde ich die Ostsee mit dem Kanu.

Die nächsten Tage verbringen wird dann tatsächlich an und in der Ostsee, die ungewöhnlich warm ist und an den Küsten von Schweden und Dänemark noch Raum gelassen hat, Menschen mit Hund ohne Eingangskontrollen einzulassen.
Spätestens bei der Überfahrt von Malmö nach Kopenhagen wird dir klar, dass du die "Wildnis" längst verlassen hast, um in eine neue (gewohnte) einzutreten. Noch sacht, aber spürbar, wird wieder gerast und gedrängelt. Gefahren des Alltags lauern überall, man muss sich beim Überschreiten der Straße wieder mehrfach umschauen.

Ich glaube nicht, dass die Menschen abhängig von der geografischen Lage besser oder schlechter sind. Aber es gibt erklärbare Faktoren. Ich glaube, sie sind alle wie rasend auf der Suche nach Kanu-Momenten, aber sie wissen es nicht. Deswegen werden sie nicht stillstehen, sondern kompensieren und den Honig suchen, der ihnen als Balsam versprochen wird.

Der Grenzübertritt nach Deutschland findet nach Wegfall von Kontrollen und Formalitäten bei mir jedoch innerlich statt. Ich bin "back". Es regnet leicht. Als erstes spüre ich den klebrigen Sog eines links an mir vorbeiziehenden Lkw, der auf seiner Plane die mehrdeutige Aufschrift "AGROWORLD" in Großbuchstaben trägt. Eine Sekunde später fällt mein Blick zum Randstreifen, auf dem ein einzelner schwarzer Herrenschuh einsam verloren gegangen ist. Die Frage nach seinem Schicksal eröffnet Raum für Spekulationen. Wahrscheinlich ist er als symbolischer A***htritt für mich dorthin platziert worden, mit der Mahnung, der Rückkehr etwas mehr Freude zu spendieren, denn immerhin gehöre ich zu den Privilegierten, die in einem der reichsten Länder dieser Erde geboren wurden.

Da ich mir versprochen habe, den vorprogrammierten Kulturschock langsam zu absorbieren, fahre ich große Teile über Land weiter. Ich lande in Schleswig, an der Schlei. Mir war vorher nie bewusst, dass es auch in Deutschland schöne Städte an "Fjorden" gibt. Wasser hat schon etwas Magisches. Ich streife lange mit Bounty durch den Hafen und genieße die Atmosphäre. Die schönen Bistros sind alle voll. Jeder möchte einen freien Blick auf die Unendlichkeit haben, wenn man sich vom Alltag berichtet.

Ich finde ein Restaurant mit vielversprechender Außengastronomie. Herrliche Essen auf den Tellern und entspannte Leute. Nach wochenlanger Ein-Topf-Kost läuft mir zugegebenermaßen das Wasser im Munde zusammen. Wie das duftet. Dazu ein kühles Bier. Das wär´s.

Bounty ich nehmen Platz. Die Bedienung ist gestresst. Niemand mehr als ich hat dafür ein verständnisvolles Auge und macht es immer mit netten Worten und einem Trinkgeld gut. Ach, mein Bargeld habe ich aus Gewohnheit noch im Wohnwagen-Versteck gelassen; ich brauchte es zwei Monate nicht. Schließlich führe ich ja zwei Kreditkarten mit. Mir wird die Speisekarte "zugeworfen". Immerhin ist Schleswig eine lebendige Stadt mit renommiertem Yachthafen, so dass ich meine Frage "Ich kann doch sicher auch mit Kreditkarte zahlen" eher beiläufig stelle. "Ja, aber erst ab 40 Euro."
Ich rechne blitzschnell durch. Selbst bei einer höherpreisigen Speise würde ich mich betrinken müssen, um alleine auf den Zahlbetrag zu kommen. Scherzhaft, formuliere ich das auch so. Doch ich bin "out" im "back"! Dann müsse ich mich halt betrinken, lautet das qualifizierte Echo. Puh, selbst in Lappland, jenseits des Polarkreises hat man meine Geldkarte anstandslos genommen, weil es dort so üblich ist.

Hungrig stehe ich auf und weiß nicht, ob ich lachen soll. Als mich die Dame am Nachbarstisch beim Weggehen anspricht, bin ich über so viel menschliche Regung beinahe irritiert, doch sie findet Bountys Augen so faszinierend, sagt sie, während sie ihren letzten Bissen in den Mund schiebt.
Willkommen im Land der Äußerlichkeiten. Nach einer Viertelstunde finde ich ein anderes Lokal, das mich auch als Bargeldlosen akzeptiert und deren Kellnerin ungefragt eine Schüssel Wasser für meinen bunten Hund hinstellt.

Was wäre das Dasein ohne Alternativen.

Ich übernachte auf dem Parkplatz am Haithabu-Museum; lange vor mir waren schon die Wikinger hier.
Wahrscheinlich haben sie Deutschland wieder verlassen, weil es so laut und eng ist, sonst wären sie heute noch hier. Oder haben die es gar verbockt? Da Hunde keinen Zutritt ins Museum haben, entgeht mir die Antwort.

Ich fahre "an der Ostsee" weiter und war noch nie in Kiel. Im Olympiazentrum in der Nähe des Segelhafens finde ich einen guten Platz und ziehe fußwärts auf dem "Strandweg" entlang. Ganze Heerscharen von Jugendlichen machen Segelkurse. Begleitet von "Fahrlehrern" auf Motor-Schlauchbooten manövrieren sie kleine Jollen. Urlauber räkeln sich in Strandkörben. Alles vor den Augen der Damen und Herren der "Küstenwacht", die mich tatsächlich an Baywatch erinnern, was aber wohl nur an den nackten Füßen und Batman-Tattoos auf dem Rücken liegen kann.

Der Ostseestrand ist ziemlich verbaut und allerorten besteht für Hunde ausdrückliches Zutrittsverbot. Als ich eine Schweizerin mit zwei belgischen Schäferhunden treffe sind die pitschnass. Die Dame verbringt aktuell den schweizerischen Nationalfeiertag wegen pyrotechnischer Exzesse zum Wohle ihrer knallempfindlichen Tiere an der Ostsee. Sowas wie Silvesterflucht, mitten im Sommer.

Noch zwei Kilometer bis zum "Hundebadestrand"...

Schilder und Gejohle weisen dann den Strandabschnitt für Vierbeiner abseits sonstiger Zivilisation aus.

Ich hatte noch nie das Vergnügen. Denn es gibt hundert Gründe, sich und seinem Hund sowas nicht anzutun, wenn man Alternativen hat. Natürlich hat meine Bounty kein Problem sich im Umfeld anderer Hunde höchst sozial zu verhalten. Menschen, haben da allerdings bisweilen den Schuss nicht gehört. So auch die Dame mit dem gelben T-Shirt, die just im Moment des Kennenlernens einen Ball durch die Hundemenge schleudert. Unabgesprochen - ungefragt. Da hört der menschliche Sozialverstand bereits beim Kennenlernen frühzeitig auf.

Ich erspare mir hier kynologische Erklärungen, warum man das nicht tun soll. Aber binnen Sekunden hatte Bounty blutige Konsequenzen zu tragen. Nein, es gab keine Beißerei; Hunde sind im Sozialverstand Menschen noch weit voraus.
Es lag schlichtweg am gefährlichen Untergrund, der mit einem Scherbenmeer von zerbrochenen Muscheln scharfkantig übersät ist.
Ein fett blutender Einschnitt in der linken Vorderpfote, hervorgerufen durch die plötzliche jagdliche Animation der Meute. Auf mein vorwurfsvolles "Was soll das denn?" bekomme ich verächtlich "Meine hatten noch nie was" dahin geworfen. Welcome back.
Noch zu Beginn der Reise hätte ich der Dame eine der messerscharfen Scherben vors Gesicht gehalten. So belasse ich es beim sofortigen Abgang mit dem Hinweis auf meinen humpelnden Hund.

Im Land der Ge- und Verbote kennen die Menschen keine Grundregeln mehr. Da können noch so viel Schilder stehen.

Glücklicherweise ist der Schnitt nicht so tief, dass ich einen Tierarzt aufsuchen muss. Das wird bald wieder, aber der Weg ist für heute zu Ende.

Auf dem mit Pausen gespickten Rückmarsch zum Wagen komme ich an tollen Häusern mit Blick auf die Ostsee vorbei. Hinter einer Buchenhecke vernehme ich die laute Stimme eines Seniors. Meint der mich? Nein, er telefoniert bei offenem Fenster. Ich höre zu, wie er eine Reise bucht. Eine Kreuzfahrt im kommenden Jahr. Mit Frühbucherrabatt. Seine Kreditkartennummer habe ich mir nicht gemerkt, aber seine Frau heißt Ingrid und soll mit auf die Fahrt gehen. Aber getrennte Betten, ob das möglich sei, will er definitiv wissen. Akkurat lässt er sich seine Buchung nochmal vorlesen und sagt zehnmal "korrekt".

Natürlich ist es nicht korrekt, dass ich lausche, aber man kann in unserm Land der Akustik der anderen kaum entgehen. Vielleicht ist das der Grund, warum das offenbar gut betuchte Rentnerpaar sogar dem Alltagsblick auf die Ostsee entflieht. Oder einfach alles mitnimmt, was geht.

Man soll nie mehr geben, als man nimmt, wäre eine dagegen stehende Grundregel, die auch ich mir zukünftig weiter vor Augen halten muss. Denn man nimmt nichts mit und hinterlässt als Erbe, global gesehen, einen Haufen zerbrochener Muscheln.

Mich zieht es Richtung Lüneburg. Der Landkreis ist wunderschön und die Häuser aus rotem Backstein erinnern mich sogar ein wenig an Schweden.
Ich fahre noch einen Teil des Heimwegs durch die Heide zurück, damit die Vorfreude darauf wächst, wieder aufgenommen zu werden.

Ich bin denen sehr dankbar, die mir die Reise ermöglicht haben und freue mich auf Zuhause. Heimkehr ist womöglich sogar die Bedingung, sich öffnen zu können für all die Gedanken und Empfindungen, die so ein Kontrast erzeugt.

Natürlich ist der Gedanke auch schmerzhaft, dass mein Blick vor den Himmel in zwei Tagen nicht mehr sechs Schmetterlinge und zwei Bachstelzen, sondern wahrscheinlich eher acht Flugzeuge einfängt. Jedoch kann man seine Perspektive wählen. Und niemand sagt, dass Fernweh sterben muss, im Gegenteil. Sie darf zum Antrieb meines Kanus werden.

Vielleicht regt mein Blick auf die Dinge andere an, sich selbst näher zu kommen.

Menschen, die den ersten Schritt in ein Abenteuer noch scheuen, weil da so viel "müssen und sollen" im Raum steht, dem werfe ich etwas Mut und bei Bedarf auch meine Unterstützung zu. Fragt mich einfach!
Ich habe schon wieder viele neue Ideen für zukünftige "Zeit ohne Wände", auch wenn es nicht "Zeit ohne Ende" heißen kann.

"Wer etwas will findet Wege; wer etwas nicht will findet Gründe", sagt das Sprichwort.
So isses.

Ich fahre intuitiv auf die Elbe zu. Wasser!

Hier war ich doch vor Jahren schon mal, fällt es mir ein und als ich ein Schild "Bleckede" lese, kommt mir ein Bild vor Augen. Vor sechs Jahren war ich lange zu Fuß unterwegs, immer entlang an Flüssen und Kanälen. Es war meine erste "Zeit ohne Wände-Tour". Wir sind "back".

Das "Alte Fährhaus" gibt es noch. Und auch der Fährschiffer tut nach wie vor seinen Dienst auf dem großen Fluss, der mir zuflüstert, dass ich auch mit Kanu willkommen sei.
Man hat Geld in die Hand genommen und investiert in den Umbau der Anlage, wo jetzt noch dutzende von Schwalben unterm Dach die Nester besorgen.
Ein letztes Mal quäle ich den Selbstauslöser.

Dann geht es los, auf den letzten Tag der Reise. Mein Kopf arbeitet und puzzelt ein wunderschönes Bild aus all den Gedanken und Erinnerungen zusammen, für die ich dankbar bin.

Dann kommt noch ein letztes schönes Bild dazu. Auf einem Stoppelfeld liegen große, dicht gepresste Rundballen. Doch was ist das?
Störche, eine ganze Schar voll, niedergegangen auf den Acker, um in aller Erhabenheit, auf langen Beinen und mit gestreckten Schnäbeln zu finden, was satt macht. Störche, die bringen doch das Leben, oder?
https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=389985901127024&substory_index=0&id=364930673632547

https://www.swedishnatureness.com/

Nordland-Tour, 13 / Keine Angst vor der AngstNa, wie nennt man den Nachwuchs der Elche?Urplötzlich stehen die beiden da,...
21/07/2019

Nordland-Tour, 13 / Keine Angst vor der Angst

Na, wie nennt man den Nachwuchs der Elche?

Urplötzlich stehen die beiden da, am Waldrand meiner Straße. Drei Augenpaare glotzen einander an.
Auf der einen Seite ich, dessen Freude, menschentypisch geäußert mit entblößten Zahnreihen und offenem Mund vielleicht sogar bedrohliche Wirkung ausstrahlt. Auf der anderen Seite, gut 50 Meter entfernt, eine Elchkuh mit ihrem fast rehbraunen Kalb. Stillstand. Respektvoller Abstand. Gut zwei Minuten staunen wir und schätzen Blicke ein. Natürlich bleibe ich im Wagen sitzen, denn alleine die Tatsache, auf meiner Skandinavienreise frei lebenden Elchen überhaupt begegnet zu sein, ist Belohnung genug. Das verwackelte Foto nehme ich mit nach Hause und das Elchkalb hat Mutters Botschaft, beim Auftauchen von Menschen mal vorsichtshalber den Rückzug anzutreten, intuitiv verstanden.

Wenig später bin ich es, der an anderer Stelle die Sache mit dem Rückzug und der gebotenen Fluchtdistanz nochmal deutlich vermittelt bekommt. Abseits üblicher Touristenpfade entdecke ich an einem Naturreservat ein umranktes, stark verwittertes Informationsschild. Während ich, wie immer hochkonzentriert, die sicher vor mehr als dreißig Jahren dort aufgestellten Informationen über ein vor mir liegendes Hochmoor studiere, habe ich mich im Dickicht selbst vergessen. Schlagartig erinnere ich mich jedoch intensiv an meine Existenz, als es wirklich überall bis zur Hüfte krabbelt, beißt und säuerlich brennt. Ameisen. Ich stehe mitten in einem riesigen Haufen, der vom Hausrecht Gebrauch macht. Ich denke, die Insekten werden noch Generationen darüber lachen und erzählen, von dem Tag, als der zweibeinige Affe den Ameisentanz aufführte.

Linderung verspüre ich wenig später, als in dem Moor das Wasser des schwammigen Bodens kühlend bis über meine Knöchel steigt.

Ich werde manchmal aus der Heimat gefragt, ob ich keine Angst habe, z.B. vor Wölfen oder Bären, oder Geschehnissen, die einen hilflos alleine stehen lassen.

Nein, ich habe keine Angst, darf ich sagen. Und ich weiß auch warum.

Ich habe in der Spanne meines Daseins so vieles erlebt, erreicht und bewältigt, dass die Fülle der Abenteuer und Erfahrungen zwar das Fass in mir niemals füllen kann, aber dennoch für mindestens zwei bis drei Leben reicht. So bin ich inzwischen zur Überzeugung gelangt, dass ich nichts mehr verlieren oder gar verpassen kann. Wer alle Facetten, die das Leben uns freundlicherweise bereit hält, erkennt und als Herausforderung annimmt, der braucht keine Angst zu haben. Selbst wenn es mich jetzt in diesem Augenblick dahinraffen würde, es wäre nur schmerzhaft für die anderen. Ich habe Stein um Stein gestapelt, bin hinauf geklettert und habe von dort aus tolle Blicke auf die Sterne genossen. So steht es auch gemeißelt, in einem roten Block aus Sandstein, der in der Fassade meines Hauses eingelassen ist: "Per aspera ad astra" (Über die Steine zu den Sternen).

Wovor soll man dann noch Angst haben? Der Feigling stirbt tausend Tode, der mutige Mensch nur einen.

Überhaupt halte ich es mit steigendem Alter in schwierigen Minuten zunehmend mit LeiTsprüchen, weniger mit LeiDsprüchen, von denen so endlos viele kursieren.

"Du kannst entweder voller Vertrauen leben, oder in Angst. Beides zusammen geht nicht."

So losgelöst, wird es einem so klar. Es sind die vielen Kontraste und die zur Verfügung stehende Zeit, die einem Fragen stellen.

Deutschland ist zu einer extrem übertriebenen Angstkultur verkommen.
Auch Wut und Extremismus haben ihre Ursache in Angst, ebenso wie scheinbare Gleichgültigkeit. Ich hätte hunderte Beispiele dafür, aber ich habe genug damit zu tun, mich selbst an diesem Virus nicht weiter zu infizieren.

Auch meine "Abwehrkräfte" werden demnächst im Alltag wieder hinreichend strapaziert, das ist mir klar.

Keine Angst zu verspüren bedeutet aber nicht, keinen Respekt zu leben.

Im Gegenteil. Ein "Gegenmittel" wäre Achtsamkeit. Überall dort, wo diese auftaucht, greifen die Rezeptoren danach und stärken das Immunsystem, gegen unfriedliche Einflüsse.

Achtsamkeit, so meine gewonnene Überzeugung, müsste mindestens eine so starke Gewichtung in unserem gestressten Alltag einnehmen, wie die oft rein ökonomisch geführten Diskussionen über Sozial- oder Gesundheitssysteme, etc.

Achtsamkeit, die als bedingungslose Basisversorgung jeder Stufe gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Entscheidung voran gestellt ist.

Stattdessen wird uns überall nur Angst eingeredet, im persönlichen Vergleich oder als Kollektiv im globalen Wahnsinn zurück zu fallen...

Die, die alles besitzen, außer sich SELBST, frösteln vor dem Gedanken, die existentielle Bedrohung lauere schlichtweg ÜBERALL.

So habe ich selbst zwar keine Angst, aber gehörigen Respekt vor den Folgen. Diese werden mich bald und unmittelbar wieder betreffen... wenn ich denn (exemplarisch) auf einer bundesdeutschen Landstraße nicht 100 sondern vielleicht nur 70 km/h fahren möchte, weil mich die letzten blühenden Disteln oder eine besonders witzige Wolkenformation faszinieren. Aber nein, der allgemeine Fluss aus MÜSSEN und SOLLEN wird mich gewaltsam drängeln und letztlich erbarmungslos zwingen auf den grauen Asphalt vor mir zu stieren und galeerenartig in einem Tempo voran zu rudern, das zwar keinem Winde zu trotzen vermag, aber immer in Entkräftung endet.

Sportler wissen: Ohne ausreichende Regeneration oder durch ständig fehldosiertes Übertraining kann man nicht Weltmeister werden.
Ich befürchte, zumindest in er Tabelle der glücklichsten Menschen der Erde, fallen wir trotz steigender Sonnenstunden stetig weiter zurück.

Anders hier: Die Fahrt durchs blumenreiche Land, immer wieder unterbrochen von kleinen Spaziergängen, bleibt entspannt, auch wenn mit zunehmendem Kurs Richtung Süden die Menschheit wieder in größerer Dichte auftaucht.

Ich werde nicht satt, insbesondere die so unspektakulären Bilder des nordischen (Land-) Lebens in mich aufzunehmen. Längst wundert es mich nicht mehr, dass Dreirädchen und Kinderfahrräder sorglos am Straßenrand auf ihre Benutzer warten. Es gibt Indikatoren, die nicht lügen.
Erinnerungen an die eigene Kindheit tauchen auf, als die Welt rund ums Elternhaus unser Spielplatz war, auf dem wir uns ausprobieren und die Elemente des Lebens kennenlernen durften.

An vielen der roten Holzhäusern steht inzwischen auch ein gläsernes Gewächshäuschen, in dem Tomaten und Salate liebevoll selbst gezogen werden.
Für einen nostalgischen Kontrast sorgen auch immer wieder die alten, riesigen amerikanischen Chevys, Lincolns und wie sie alle heißen. Autos, mit denen ich bislang amerikanische Kleinstadtatmosphäre der 50er und 60er Jahre verbunden habe. Mir kommt "Grease" mit Olivia Newton-John und John Travolta
gar nicht mehr aus dem Kopf. Offenbar ein besonderes Hobby der Schweden, denen man eine intensive Nähe zu Nordamerika nachsagt. Nicht selten habe ich jugendliche Cliquen mit solchen fetten Limousinen abends mit meinem Wohnwagen-Gespann überholt, denn es gibt hier eine Regelung, dass die auf wenige km/h gedrosselten Fahrzeuge, selbst mit fantasievollen Aufbauten, sogar ohne Kennzeichen geführt werden dürfen. Einmal steht eine ganze Gruppe junger Leute um einen qualmenden Greyhound-Bus herum; der Motor raucht. Die Mädels hocken auf dem Boden; die Jungs arbeiten mit ölverschmierten Händen. Als sei nicht nur der Bus, sondern auch ein wenig die Zeit stehen geblieben. Unvorstellbar bei uns. Gelebte Nostalgie. Wir kleben uns Vintage-Tapeten an die Wand, oder kaufen Retro-Blechschilder im Supermarkt.

Als "old fashion retro style" empfinde ich zunächst auch die "Dekoration" des einen oder anderen Gartens.
Da stehen, auch Kilometer abseits des nächsten Wassers, schonmal ganze Kleinschiffe im "Trockendock".
Als ich mit Bounty an einem Nachmittag durch die Besiedlung einer Halbinsel wandere, schallt uns plötzlich klassische Musik entgegen. Nach wenigen Minuten passieren wir ein Häuschen, neben dem ein bärtiger Senior im Gleichklang zu einer Händel´schen Symphonie am Außenkleid eines betagten Kajütbootes schmirgelt. Der hat ordentlich was vor, geht es mir durch den Kopf, denn um dieses Schiff wieder aufs Wasser zu bringen, bedarf es augenscheinlich viel mehr, als Musik und Optimismus.

Der Mann bemerkt mich mit meinem bunten Hund und erwidert meinen Tagesgruß, indem er die schmirgelnde Hand kurz an seine Kappe hebt. "Aye, aye, Käpt´n", denke ich und ziehe lachend weiter. Einmal mehr bedauere ich, kein Schwedisch zu sprechen. Bewundere aber die Zuversicht und Arbeitsfreude des mutmaßlichen Seefahrers, der zwar beiläufig, jedoch stellvertretend für seine Landsleute etwas darstellt, was bei uns viel zu oft vergessen, verloren oder erdrückt zu sein scheint: Lebe Deinen Traum.

Inzwischen bin ich auf "Spannbyn", so der Name des Hofes, im mittelschwedischen Naturpark Malingsbo-Kloten, nicht unweit des Städtchens Ludvika.
Seit Stunden sitze ich vor schwedisch-roten Blockbohlen, wahrscheinlich mehr als 100 Jahre alt. Verbaut zu einer scheunenartigen Behausung und mit Sicherheit aus nordischen Stämmen. Die "Jägarstugan" (Jagdhütte) liegt abseits des von Deutschen betriebenen Hofes und ist urgemütlich. Dielenboden, Wände und Decken mit Holz verkleidet, Auerhahn und Elche auf den Bildern, Schlafempore, kleine Küche mit fließend kaltem Wasser und landestypischem Außenklo. Eine Vase mit frisch gepflückten Blumen auf dem Tisch.
Alles was man braucht, denn alles was man nicht braucht, gibt es hier nicht. Dafür wirst du in zigfacher Hinsicht üppig belohnt mit einer extravaganten Natur und einer Ruhe, die bei uns für kein Geld der Welt zu kaufen wäre. Hier bleibe ich.

Es ist das einzige Haus am See, dessen Ende ich beim Blick über spiegelglattes Wasser erahnen kann. Eingebettet in Kilometer von Wald wird mein Häuschen von Sonne überflutet. Jeder kleine Entdeckungsgang mit Bounty steigert sich zu einem euphorischen Moment, denn ich finde im Umkreis von fünf Gehminuten alles, was Natur liebende Menschen beglückt.

Einen mit Holzbrücken überspannten Fluss, der das Wasser aus meinem See weiter trägt. Riesige glatte Steine am Ufer, auf denen man wie die "Kleine Meerjungfrau" einfach nur sitzen und aufs Wasser schauen will, auf dessen Oberfläche sich der niemals ganz wolkenfreie Himmel in immer wieder neuen Aquarellen spiegelt. Natürlich bade ich und habe einen wunderbaren hölzernen Landungssteg für mich alleine, auf dem mich ein leichter, warmer Windhauch trocknet. Das Gelände wird umspannt von einer mit feinem Split belegten Bahn, die der frühere Besitzer offenbar zum Training seiner Traber nutzte. Inzwischen wachsen dort die herrlichsten Blumen. Eine fingergroße rote Raupe ist unterwegs; sie wird mal ein Schmetterling werden.

Heute geht es auf "Spannbyn" keinesfalls mehr im Renntempo zu. Es gibt Schafe, Kaninchen und Hühner; das Heu wird mit der Hand geschnitten und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Wie das duftet.
Dann wirst du in diesem Idyll von buntesten Schmetterlingen umflattert, die dem natürlichen Glanz auch noch einen zusätzlichen Zauber geben. Lebendige Farbtupfer, die auf den Blüten tanzen.

Plötzlich habe ich gar keine Lust mehr, einen großen Radius zu ziehen und bin nach all den Kilometern angekommen, wo spontan Ruhe einkehrt. Dieser Platz lässt eine Chance auf Frieden. Auch die Menschen hier verbreiten das oben erwähnte Leuchten, das eben diese Achtsamkeit ausstrahlt.

Ein Boot, noch ohne Namen, steht mir zur Verfügung. Wann bin ich zuletzt gerudert? Es ist ewig her. Nachdem ich mich vom Land abgestoßen habe, dauert es einige Minuten, bis meine beiden Arme den Rhythmus wieder entdeckt haben, den es braucht, um auf dem Wasser dahin zu gleiten. Aber dann klappt es. Gott sei dank ist Rudern wie Schwimmen und wird vom Körper, auch trotz der inzwischen intensiven Konditionierung auf Computermäuse und Co., nicht vergessen.
Ich umrunde eine mit langen, kraftvollen Kiefern besetzte Landzunge und genieße es, so schwerelos alles an mir vorbei ziehen zu sehen. Die Bäume, die Obelisken am Ufer, die Buchten, ein paar Wasservögel, die abends ab und zu einen urzeitlichen Ruf als Echo zu mir schicken.
Als ich mich auf der gegenüberliegenden Seite des Sees plötzlich zwischen blühenden Seerosen befinde, tauche ich die Ruderblätter nur noch ganz vorsichtig ein, um keinem der Blütenköpfe unachtsam zu nahe zu kommen.

Das Gefühl, diesen Genuss mit niemand sonst teilen zu müssen, macht es noch kostbarer. Dir gehört nicht nur der ganze See. Niemand sonst sieht in diesem Augenblick mehr Himmel als ich, denn der ist nicht nur über mir, sondern als glitzerndes Mosaik auch um mich herum, während ich die Ruder hochnehme und mein Schiffchen einfach nur mit dem Wind und der leichten Strömung treiben lasse.

Ja, hier bist du der König der Welt, wahrscheinlich belächelt von den Dorschen, die ab und zu hochspringen und sich wohl fragen, was der denn hier will.

Die Frage jedenfalls, warum der Kapitän im Vorgarten so optimistisch an seinem Boot herum werkelt, ist spätestens jetzt abschließend beantwortet.

Ich weiß vorausahnend, dass morgen ein unsichtbarer Freund meinem Körper einen Besuch abstatten wird. Sicherlich wird der Muskelkater am Latissimus anklopfen. Er ist herzlich willkommen.

Nordland-Tour, 12 / Flower-PowerMich locken die versprochenen Schären-Gärten aus den Wäldern Lapplands an die schwedisch...
12/07/2019

Nordland-Tour, 12 / Flower-Power

Mich locken die versprochenen Schären-Gärten aus den Wäldern Lapplands an die schwedische Ostküste. Schären, das sind die meist nackten Inseln und Inselchen, die wie Schildkrötenrücken aus dem Wasser leuchten, wenn die Sonne darauf scheint. Für einen wie mich, der sich mal ungeputzte Steine aufs Grab wünscht, Anreiz genug, die an Menschen karg bestückte Lappmark mal eben in Richtung der Kleinstädte Lulea und Pitea zu verlassen.

Obwohl schwedische Provinzhauptstädte nicht mehr Einwohner haben als in einziger Stadtteil von Düren, so haben sie jedoch eine unglaubliche Sogwirkung auf das Umland. Als kommunale Mittelpunkte spielt sich dort in einem Umkreis von zum Teil mehreren hundert Kilometern das ab, was wir aus unserem Alltag so kennen.

Ich bin im "Hohen Norden", dennoch wirkt alle Infrastruktur vergleichsweise modern. Jedoch ein wohltuender Kontrast zu deutschen Städten ist nicht zu verleugnen: Man hat Platz. Damit geht man auch sehr großzügig, aber organisiert um. Es gibt schätzungsweise dreimal so viele Parkplätze, wie nötig. Nur an absoluten Knotenpunkten ersetzt mal eine Ampel die gewohnten Kreisel und selbst mit meinem Schneckenhaus an der Anhängerkupplung finde ich nach kurzem Suchen eine Fläche, wenn ich mal halten möchte.

Unfassbar ist für mich, dass man überall, und damit meine ich ausnahmslos, ein noch absolut unausgelastetes Netz an Steckdosen für Elektro-/Hybridfahrzeuge gezogen hat. Zum Vorwärmen, im nordisch-kalten Winter.
Ob öffentlich, oder privat, es gäbe hier kein Problem, mit Batterie betriebenen Fahrzeugen durch die Wildnis zu ziehen, oder seinen städtischen Alltag darauf einzustellen. Doch, nur selten sehe ich mal ein dafür geeignetes Fahrzeug. Ist der Glaube an den mit begründbarer Kritik zu diskutierenden Silizium-Akku ein skandinavischer Irrglaube, oder doch Teil von Zukunft, oder technologischer Leitkultur?

Ich bleibe etwas ratlos; doch allein die Vorstellung, meinem Dienstvorgesetzten in einem Schriftstück mal den Vorschlag zu machen, eine Steckdose für ein E-Bike zu spendieren, bringt mich an den Unterschied. Man hat kein Interesse daran, wie ich zur Arbeit komme, Hauptsache ich bin da. Und ob meine Batterie leer ist, oder verbraucht, geht im Prinzip auch allen am A***h vorbei. Es gäbe auch keine Blumen aufs Grab, denn aus Kostengründen hat man sogar den "öffentlichen Nachruf" inzwischen eingespart, es sei denn, man versterbe während der aktiven Dienstzeit. Aber, wer will das schon. Da werde ich wohl abwägen müssen, was mir wichtiger ist.

Ich möchte das bitte tauschen; verzichtet überhaupt auf einen stereotypen Nachruf, investiert es lieber jetzt, z.B. (ich sagte es früher schon mal) in weniger schmirgelndes Klopapier. Schon bei meiner Oma hing an den gelben Küchenfliesen, direkt neben den Pril-Aufklebern, ein Leitspruch mit der bekannten Verszeile "...viel mehr Blumen während des Lebens, denn auf den Gräbern sind sie vergebens."

Ja, ich machen keinen Hehl daraus: Gelebte Wertschätzung ist aus systemimmanenten Gründen in der Struktur (nicht nur) meines Arbeitsumfeldes (also unabhängig von vielen liebenswerten Menschen um mich herum) nur noch ein Wort, und damit Spiegel der Gesellschaft. Aber, dies ist ein anderes Thema.

Jedenfalls haben auch Lulea und Pitea mit allen Küstenstädten dieser Welt eines gemeinsam: sie verstellen leider den Blick aufs Meer.
Also durchwandern Bounty und ich an einem Samstagnachmittag die gepflegte Innenstadt, mit offenen Augen.
Selbst bei sommerlichen Temperaturen ist eigentlich nichts los und gemütliche Sitzterrassen eher Seltenheit.
Als vor einem Hotel, 4 Sterne und roter Teppich, eine schwarze Stretch-Limousine vorfährt, betrachte ich dieses offenbar höchst wichtige Ereignis als Einladung, mich direkt nebenan auf der Holzveranda einer gemütlich wirkenden Kneipe niederzulassen. "The bishops arms", so der Name des Wirtshauses, ist wenig besucht. Eine Handvoll Rocker hebt die Tassen, drinnen.
Ich, immer auf der Suche nach dem freien Blick, binde Bounty an der Balustrade im letzten Eckchen draußen fest... und mache "Self-Service". Die blondierte Blondine spricht Englisch. Ein Bier vom Fass ist mein Wunsch und damit passe ich mich dem knorrigen Ambiente stilvoll an.

Nullkommafünf-Liter fließen in einen kleinen Henkel-Krug; umgerechnet acht Euro in die Kasse des Hauses.

Bounty freut sich wie immer über meine Wiederkehr, egal ob mit oder ohne Bier. Inzwischen ist leichte Bewegung in die Szenerie vor dem Hotelportal gekommen. Ein kräftiger Typ, schwarzhaarig und Knopf im Ohr, läuft bewachend um den langen Wagen herum. Ich überlege kurz, wo er wohl seinen Revolver versteckt und nippe am Glas. Nicht schlecht..., das teure Bier.

Filmstar, oder Staatsgast?

So ist das. Der eine bekommt - vielleicht - eine Steckdose zum Aufladen, der andere einen feinen Nachruf, und wieder andere eine fette Limousine mit dunklen Scheiben.

Etwa fünf Personen genießen ebenfalls eines dieser edlen Getränke und einer wirkt etwas "unruhig". Der saß schon da, als ich kam und war dann kurz weg... Jetzt steht die dritte Flasche Bier vor ihm, jede hat ein anderes Etikett.

Ein Biertester?

Anders als alle anderen Skandinavier hat er uns irgendwie... bemerkt. Er guckt und als es ihm endlich gelingt, mit der mindestens so aufmerksamen Bounty Blickkontakt hinzukriegen, ist es passiert: ein Skandinavier nimmt von sich aus Kontakt auf... zu Bounty.

Natürlich legt sich mein bunter Hund dankbar ins Zeug und macht alle Vorurteile gegen Deutsche binnen Sekunden zunichte.
Ja, freundlich sind sie und offen und ehrlich und herzlich...

Kaum merklich nicke ich und schon sitzt der Biertester bei uns am Tisch. Er spricht erstaunlich gut Englisch, für einen Biertester.

"No, she´s an australian shepherd."

Er liebt Hunde, sehr, aber er hat selbst keinen. Er ist zu viel auf Reisen, eigentlich immer.

Jonas, so heißt der adrette 50-Jährige, nordisches Aussehen, kurze, lässige hellbraune Lederjacke, ist ein Weitgereister. Beruflich immer in der Welt unterwegs.

Ich ja auch, allerdings eher freizeitmäßig.

Was er denn so mache, will ich wissen.

"IT-Business."

Wo es denn für ihn am schönsten sei, auf der Welt, frage ich den gebürtigen Dänen, der als junger Mann Kopenhagen verlassen hat und seitdem... unterwegs ist.

"Sydney!"
Ohne lange zu überlegen haut er die australische Metropole auf den Tisch.

Ich erzähle ihm, dass es mich auch stark nach terra australis zieht... man dort zwar Menschen, aber leider keinen Hund mitnehmen kann.
Warum er denn nicht dort bleibt?

Seine Mutter lebe noch, die sei jetzt 92 und melde sich des Öfteren mal, wenn sie ein Problem mit ihrem I-Pad habe... Dann besuche er sie alle Monate mal, was von Pitea, wo er eine Wohnung hat, aus "possible" ist.

Wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Meine, eher von kontinentaler, seine von globaler Natur.

Wir sind uns in vielem einig. Arbeiten aber auch Unterschiede heraus.

Man könne sich, und damit meint er mich, mit 56 Jahren doch gut noch einen neuen Job suchen, meint Jonas. In Skandinavien zähle Erfahrung viel. Mit leicht glänzenden Augen nippt er an seiner teuren Flasche.

Ich pruste in mein leeres Glas.
Manche Begriffe fallen mir nicht ein, in Englisch, um zu beschreiben, dass ich es bei uns als etwas anders empfinde.

Inzwischen steht der Bewacher der Stretch-Limousine stramm. Eine Braut schreitet aus dem Hotelzugang ins Freie. Lachsfarbenes Kleid, Blumen im Haar und einen vielleicht elf Jahre alten Jungen im blauen Anzug an der Hand. Ihr Sohn? Na, hoffentlich wird das keine Überraschung für den Bräutigam, der in diesem Augenblick, wohl umringt von Familie und Gemeinde, voller Vorfreude, an einem anderen Ort auf die Schöne wartet.
Der Chauffeur schließt mit unbewegter Miene die Türen und setzt das schwere Gefährt in Bewegung. Ein Stromkabel löst er nicht von der Hotel eigenen Ladestation.

Das ist auch für mich das Zeichen zum Abschied. Jonas und ich gehen mit einer Umarmung auseinander. Und Bounty bekommt mehr Komplimente, als die Braut. Das blecherne Wappenschild der Kneipe bewegt sich leicht im Wind. Darauf der Bischof, mit Bierkrug in der Hand, der als Namensgeber taugte. Hat der uns gerade zugezwinkert?

Später suche ich Google nach Luleas Sehenswürdigkeiten ab und erhalte den Hinweis, dass der Konzern Facebook genau hier ein gewaltiges Datenzentrum für Europa errichtet hat. Aha!
Mensch, Jonas, wenn ich das vorher gewusst hätte, dann hätte ich noch ein Bier spendiert und versucht, meinen neu gewonnenen Einfluss positiv geltend zu machen.

Stattdessen flüchte ich zurück in die Wildnis.
Auf neuen Routen zieht es mich wieder in den wilden Westen Lapplands. Nichts scheint mir bemerkenswerter, als das scheinbare Nichts.

Inzwischen hat auch der Norden mittags mehr als 20 Grad und so sind die Fenster genussvoll offen, während ich nichts anderes tue als Bäume zählen, Seen bewundern und Flüssen nachschaue.

Die Einsamkeit lässt es zu, dass man sein eigenes Tempo wählt. Ich fange an zu messen, wann mir das nächste Fahrzeug begegnet. Unter meinem Beifahrersitz hole ich ein Pflaster aus dem Verbandskasten; auf einem der vielen Stopps habe ich mir dann doch eine Blase gelaufen. Zufällig entdecke ich dort drei verschollen geglaubte CDs. Erst als "The best of Ennio Morricone", Alicia Keys´ "Element of freedom" und mehrere Songs von Paolo Nutini durchgelaufen sind, überholt mich erstmals ein rotbrauner Geländewagen.
Seine fetten Reifen künden vom Winter, der hier nur kurz unterbrochen scheint. Nicht selten warnen Schilder vor kreuzenden Schnee-Mobilen, die derzeit in den Garagen der wenigen Häuser auf ihren baldigen Einsatz warten.

In einigen Gegenden markieren liebevoll beblümte Milchkannen die Zufahrten zu Haus und Hof. "Välkommen".

Man kommt echt runter, in dieser Weite. Bewusst entscheidest du dich sogar für 14 Kilometer Schotterpiste, an Stelle der Asphaltroute. Gemächlich absolvierst du die Strecke im zweiten Gang, immer auf der Suche nach einer lohnenswerten Stelle, mit deinem Hund mal eben hinein zu gehen, in die Wildmark.

Hier, abseits von allem, genieße ich das kleine Stückchen der unendlichen Beweglichkeit meiner Gedanken. Nur dort, wo einen nichts überholt und man mit sich selbst im Gleichschritt zieht, denke ich... weiter.

Tausende von Kilometern erfreue ich mich an den Blumen am Straßenrand, den wir bürokratisch Bankett nennen. Da kannst du allerorten die schönsten Sträuße zusammen stecken, mit allen Farben, die uns die Natur spendiert.
Vor einiger Zeit habe ich einen heimatlichen Straßen-Baulastträger angerufen und interessiert gefragt, warum fette Bagger jeden Sommer über unzählige Straßenkilometer wochenlang die Oberfläche direkt neben der Fahrbahn abheben und eine leblose Narbe zurück lassen.
"Damit bei Regen das Wasser schneller abläuft."

Sind wir nicht irre?
Wer mir jetzt kommt mit "Gefahr durch Aquaplaning", mit dem möchte ich mich allenfalls auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen: Blumen pflücken während der Fahrt nicht erlaubt.

Ich schätze, 75 Prozent aller Häuser auf dem schwedischen Land sind mit der typisch in Schwedenrot gestrichenen Holzfassade gebaut. Egal wie rau die Landschaft sein mag, die Domizile aus Holzständerwerk passen perfekt zur Landschaft. Wie Farbtupfen eines unter einheitlicher Flagge stehenden großen Clans schmücken sie als Farbtupfen die Umgebung. Dennoch ist jedes individuell, hat den Platz um sich herum, den man sich bei natürlicher Betrachtung wünscht. Kein Baum steht schließlich näher an einem anderen Baum, als ihm zusteht. So anspruchslos wie hier die Vegetation ist, so leben auch die Menschen.
Bei uns bleiben viele um diesen Traum vom bezahlbaren Eigenheim in schöner Landschaft ein Leben lang betrogen.
Oder träumen wir wirklich von Dichte und Enge? Bedürfnisse sind halt individuell.
Wir haben die Standards dermaßen hoch getrieben, dass der Preis eines Hauses letztlich dazu führt, dass wir leben um zu arbeiten. Jetzt kann man lange hin oder her philosophieren und tausend Aspekte und Argumente suchen und finden, warum das in Deutschland (mit gut zehnmal so vielen Menschen) nicht mehr so sein kann. Ich kenne einige Menschen, die sich nach alternativen Lebensmodellen umschauen.
Denen darunter, die Fleiß und Disziplin in sich tragen, kann ich nur sagen: Werft mal einen Blick in die europäischen Nachbarländer. Vielleicht ergibt sich da eine Option, die nicht unbedingt besser sein muss, aber womöglich besser zu Dir passt.

Auch, wenn die Mücken hier zeitweilig das Verhalten einiger Mitmenschen offenbaren: echte Blutsauger, die dir auch ohne Tagesgruß den Lebenssaft abzapfen, aber nur soviel, dass du nicht austrocknest und dich im Schlaf an den juckenden Stellen kratzt.

Als ich mal wieder eine Brücke überfahre und darunter einen gewaltigen Strom dahinfließen sehe, suche ich einen guten Platz.
Es ist unglaublich. Zuhause fragen sie in Foren, wo man denn bei 35 Grad mal einen Hund ans Wasser lassen darf, aber hier ist der Mensch mit seinen Bedürfnissen in die Natur integriert. Hier darf er als Lebewesen noch teilnehmen an all den irdischen Wundern, von denen er bei uns aus immer wieder neu erfundenen Gründen auf der immer schon triftigen Basis von Sicherheit und Ordnung so lange und so systematisch ausgesperrt wird, bis dass der eigene Garten das letzte Idyll ist. Wenn nicht gerade die Luftaufklärung der Bau- und Ordnungsbehörden, oder der Nachbar, für Aktualisierung und Sanktionierung sorgt.

Ordnung muss sein. Klar.
Aber aus der anderen Perspektive, aus einem Habitat, wo alles noch halbwegs seine natürliche Ordnung hat, empfindest du die extreme Reglementierung allenfalls als goldenen Käfig. Aber, wie gesagt, Bedürfnisse sind immer individuell.

Plötzlich interessiere ich mich für Schmetterlinge. Nicht, dass Lappland üppig damit belebt wäre, aber mir fällt auf, wie schön sie sind, wenn sie von den Blumenköpfen aufflattern.

Ach ja, ich hatte ja an diesem Fluss mit dem unaussprechlichem Namen gehalten, "Skellefteälven".
Nachdem ich seine beachtliche Strömung getestet und die Temperatur als "überlebensfähig" befunden habe, schmeiße ich die Textilien in die Böschung. Mit einem Juchzen tauche ich ein, in diese Urgewalt der Natur, die mich frösteln, dann aber so gut fühlen lässt, wie lange nicht mehr.

Ich wette, mir gehören hunderte, wenn nicht gar tausende Kilometer seines Ufer soeben alleine.
Etliche Minuten schwimme ich gegen seine Strömung, die mich auf ein und derselben Stelle hält. Währenddessen bewacht mein Hund meine so kostbare Weste mit all dem, was an Besitz später wieder wichtig ist.

Schließlich stelle ich mich lachend zum Trocknen in die sanftmütige Sonne, neben ein paar Margeriten.

In diesem Moment bin ich glücklich. Nicht nur zufrieden.

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