02/06/2026
Der Zügel ist nicht zum Lenken da.
Wenn ich diesen Satz in meinen Kursen sage, schaue ich oft erst einmal in erstaunte Gesichter.
„Wie, der Zügel ist nicht zum Lenken da?“
Doch, natürlich hat der Zügel eine richtungsweisende Funktion. Aber er ist nicht das Lenkrad des Pferdes. Und genau da liegt für mich ein ganz entscheidender Unterschied.
Viele Reiter haben gelernt: Will ich nach links, ziehe ich links. Will ich nach rechts, ziehe ich rechts. Will ich langsamer werden, ziehe ich hinten. Das funktioniert vielleicht irgendwie — aber es ist kein feines Reiten.
Denn wenn ich nur über den Zügel lenke, bewege ich oft lediglich den Kopf des Pferdes. Der Körper bleibt dabei gerade, fällt über die Schulter aus oder verliert seine Balance. Das Pferd wird vorne „gestellt“, aber nicht wirklich durch den Körper geführt.
Ein Pferd wird nicht korrekt geritten, indem ich vorne am Maul bestimme, wohin es gehen soll. Richtiges Lenken beginnt viel früher: in meinem eigenen Körper.
Mit meinem Blick.
Mit meinem Sitz.
Mit meiner Balance.
Mit meinem Gewicht.
Mit meinen Schenkeln.
Und erst dann mit einer feinen, begleitenden Hand.
Der Zügel ist für mich keine Bremse, kein Lenkrad und schon gar kein Werkzeug, um ein Pferd in eine Form zu ziehen. Der Zügel ist eine Verbindung. Eine feine Kommunikationslinie zwischen meiner Hand und dem Pferdemaul.
Er ist dazu da, zu fühlen.
Zu begrenzen.
Zu begleiten.
Impulse aufzunehmen.
Halbe Paraden durchzulassen.
Stellung fein zu erfragen.
Den Rahmen mitzugestalten.
Aber er ist nicht dazu da, das Pferd durch die Wendung zu ziehen.
Der innere Zügel darf fragen.
Der äußere Zügel darf begrenzen und führen.
Aber der Körper des Pferdes wird durch Sitz und Schenkel geformt.
Genau das wurde übrigens nicht erst heute erfunden. Schon die alten Rittmeister wussten, dass gutes Reiten nicht aus Ziehen besteht. Die klassische Reitlehre spricht seit Jahrhunderten davon, das Pferd zwischen Schenkel und Hand zu reiten — nicht an der Hand, nicht gegen die Hand, sondern fein verbunden zwischen treibenden und annehmenden Hilfen.
Xenophon schrieb schon in der Antike sinngemäß gegen Zwang und grobe Einwirkung. Später betonten Rittmeister wie La Guérinière immer wieder die Bedeutung einer leichten, maßvollen Hand und eines Pferdes, das aus der Hinterhand an die Hand herantritt.
Das bedeutet: Die Hand empfängt, was von hinten kommt.
Sie produziert es nicht.
Und trotzdem sehe ich immer wieder, dass Unsicherheit beim Reiten zuerst in der Hand landet. Das ist menschlich. Die Hand ist schnell. Der Zügel ist direkt. Ziehen gibt uns für einen Moment das Gefühl von Kontrolle.
Aber Kontrolle ist nicht dasselbe wie Kommunikation.
Ein Pferd, das nur über den Zügel gelenkt wird, lernt oft, sich festzumachen, sich auf die Hand zu legen, sich hinter dem Zügel zu verkriechen oder gegen die Einwirkung zu gehen. Ein Pferd, das über Sitz, Schenkel und eine feine Hand geritten wird, kann dagegen in Balance bleiben.
Für mich ist der Zügel also nicht „unwichtig“. Ganz im Gegenteil. Gerade weil er so fein und bedeutungsvoll ist, sollte er nicht grob benutzt werden.
Der Zügel ist nicht zum Ziehen da.
Er ist zum Fühlen da.
Er ist nicht die erste Hilfe.
Er ist die letzte Verfeinerung.
Und vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zwischen Reiten und Festhalten.
Denn feines Reiten beginnt nicht in der Hand.
Es beginnt im Sitz.
Im Gefühl.
In der Balance.
Und in der Bereitschaft, dem Pferd zuzuhören, statt es nur zu korrigieren.
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