30/05/2026
Shikan Ken 指貫拳 der Kukishin Ryū und das Prinzip dahinter
Vielleicht kann ich hier etwas zum besseren Verständnis der Schlagart Shikan Ken beitragen. Warum Schlagen wir eigentlich auf diese Weise?
Es gibt einige interessante Besonderheiten in den Bujutsu-Traditionen, die in Rüstung kämpfen. Der Begriff Shikan Ken wird oft uneinheitlich geschrieben, darum hier die häufigste Schreibweise:
Shi 指 = Finger
Kan 貫 = Durchbohren, durchdringen und hindurchgehen
In der On-Lesung bedeutet es Kan und in der Kun-Lesung Tsuranuku (貫く). Hier wird es interessant. Die Kun-Lesung ist japanisch und die On-Lesung wird chinesisch beeinflusst. Es ist ein sehr wichtiges Kanji im Zusammenhang alter Kampfkünste und bedeutet nicht bloß schlagen, sondern durch die Struktur gehen. Eben nicht nur mit Kraft treffen, sondern eher die eigene Struktur, Absicht, Kraftlinie und Präsenz angreifen, ohne Unterbrechung durch das Ziel hindurch. Interessant ist es auch, dass das Kanji die Prinzipien des konsequenten Durchhaltens, bedeuten kann.
Darum taucht es auch oft in Prinzipien wie dem durchdringen der gegnerischen Kamae auf. Ebenso in der ungebrochenen Kraftlinie, der Körperstruktur statt isolierter Muskelkraft und der Absicht der geistigen Konsequenz. Das macht das Kanji in den alten Kampfkünsten so kraftvoll.
Ken 拳 = Faust oder geballte Hand
Verbunden kann man hier auch die Bedeutung einer durchdringende Finger-Faust sehen, oder der Faust mit durchdringender Fingerstruktur. Auch gibt es Übersetzungen als Penetrierende Faust oder Spaltende Faust. Aber alles deutet auf einen Kern hin.
Nun betrachten wir die Besonderheit dieser Schlagart, der stark vom Kampf in Yoroi, der Rüstung geprägt ist. Hierbei gibt es drei wichtige Bereiche die ihren Einfluss hatten:
1 Katchū Gassen 甲冑合戦
Der allgemeine Kampf auf dem Schlachtfeld in Rüstung.
2 Yoroi Kumiuchi 鎧組討 #
Vielleicht der bekannteste Begriff, wenn es um die Kukishin Ryū Dakentaijutsu geht. Es ist der waffenlose oder halbbewaffnete Nahkampf innerhalb einer solchen Schlacht.
3 Ōyoroi Dōshi 大鎧通し
Bezeichnet eine Waffe, die im Yoroi Kumiuchi genutzt werden konnte, um einen gepanzerten Gegner zu töten oder kampfunfähig zu machen.
Die Taijutsu Anwendungen darin, waren durch die Rüstung eher kompakt und effizient. Nutzbare Ziele wurden unter anderem in den Helmöffnungen, Achseln, Gelenkspalten, Halsbereich usw. gesucht, eben den offenen Stellen der Rüstung, die den Gegner verwundbar machen.
Nun wird es auch verständlicher, was wirklich hinter dem Kanji Kan 貫steht. Waffen und Faustformen müssen also so angepasst sein, damit sie eine durchdringende Wirkung besitzen. Der Begriff Shikan Ken wird in verschiedenen Traditionen etwas unterschiedlich interpretiert, aber das Grundprinzip ist sehr ähnlich.
Das Grundprinzip ist eine schmale Hand- und Fingerpositionierung, deren Knöchel- und Gelenksstruktur stabilisiert. Die Daumenpositionierung unterstützt dabei und kann auch zum verriegeln der Handhaltung dienen.
Es ist kein klassischer Boxschlag, sondern eher ein Spaltschlag in Rüstungslücken. Es kommt einem Druckstoß gleich, der in der Rückführung auch zu einem Haken werden kann. Eine reine Schlageinwirkung allein, würde stark von der Rüstung absorbiert. Darum ist Pe*******on und Strukturbruch wichtiger sind als ein reiner Impact. Allein die Handhaltung ohne Schlagausführung bietet bereits einen Schutz vor möglichen Verletzungen der Finger und ist auch typisch für Koryū im Rüstungsbereich.
Ähnliche Prinzipien gibt es auch in der Araki Ryū, deren Handformen oft halbgeschlossen und klammernd sind, mit viel Druck- und Stoßbewegungen. Oder die Takenouchi Ryū, die ein sehr ausgeprägtes Yoroi Kumiuchi besitzt und deren Faust eher an ein Strukturwerkzeug erinnert, als ein reines Schlaginstrument. Hierbei wird in Gelenke gedrückt, gehebelt und kontrollierte Stöße in Lücken ausgeführt.
Alle Traditionen besitzen die gleiche Kernidee. Im Rüstungskampf ist das reine Schlagen sekundär, entscheidend ist immer die Struktur, der Eintrittswinkel und letztendlich die Kontrolle über den Gegner.
Ein anderer Aspekt ist auch der Zusammenhang mit Kote 籠手 und der Biomechanik der Finger und des Handgelenks. Kote, bezeichnet den Arm- und Handschutz der Rüstung. Wenn diese richtig an den Körper angepasst wurden, dann war es auch eingeschränkt die Finger stark einzurollen, so wie wir es von einem Faustschlag kennen. Das führt dann auf natürliche Weise zu halbgeschlossenen Fäusten, die die Waffen gut halten konnten, mit der Fähigkeit durchdringender Schläge und Griffoptionen.
Auf den ganzen Körper betrachtet, beeinflusste das tragen der Rüstung die gesamte Biomechanik des Körpers. Große Rotationen werden schwerer, darum auch die spezielle Art der Körperbewegung. Die Schulterfreiheit sinkt, die Ellbogenfreiheit wird beeinflusst und wie beschrieben, die Freiheit der Fingerbeweglichkeit nimmt ab und dennoch wird die Hand multifunktional eingesetzt.
Hier noch eine interessante Anekdote von Daishihan Arnaud Cousergue aus seinem Blog, vom 01.05.2013:
„How To Use Shikan Ken?
Eines Tages fragte ich ihn im Unterricht:
„Sensei, warum ist es so, dass ich mir jedes Mal beinahe die Finger breche, wenn ich Shikan Ken benutze?“
Seine Antwort war so einfach, dass ich mich dumm fühlte:
Wenn man den Gegner mit Shikan Ken trifft, beginnt das Ken aus einem entspannten Fudō Ken heraus (die zweite Bedeutung: „Entspannung“). Beim Aufprall muss man dann die Knöchel und die Hand in einem bestimmten Winkel überstrecken und dabei alle Finger anspannen. Wenn man das im nächsten Training ausprobiert, merkt man, dass die Schmerzen verschwinden.
Aus meiner Erfahrung ist genau dieser Winkel der Hand das Geheimnis.
Durch das Erzeugen eines dynamischen Winkels spannt man die Muskeln der Hand an, die Sehnen werden stabilisiert und die Knochen an ihrem Platz gehalten.
Aber denkt daran: Beginnt Shikan Ken immer mit einer entspannten Faust und spannt sie erst im Moment des Aufpralls an.
Die Grundlagen heißen Grundlagen, weil sie das Fundament bilden, auf dem man starkes Taijutsu aufbaut. Und um diese Grundlagen zu verstehen, muss man endlos forschen und qualifizierte Personen befragen. Und die qualifizierteste Person im Bujinkan ist unser Sōke, Hatsumi Sensei.
Technische Anmerkung: Je nach Lehrprogramm verwendete Sensei entweder „Hōken Jū Roppō“ (16 Waffenprinzipien) oder „Hiken Jū Roppō“ (16 verborgene Waffen), daher sind beide Begriffe korrekt.“
Ich denke jetzt wird es klarer warum die Schlagart des Shikan Ken im Bujinkan und seiner Historie so bedeutend ist.
Jürgen Bieber 風流