19/05/2026
Rita Siebert vor der Heim-EM: Zwischen Druck, Dankbarkeit und dem großen Ziel
Wenn Rita Siebert in den kommenden Tagen bei der Karate-Europameisterschaft in Frankfurt für Deutschland auf die Matte geht, ist es für die bayerische Kata-Spezialistin weit mehr als nur ein weiterer internationaler Wettkampf.
Der Start im Kata Team Damen bedeutet für sie das Ergebnis eines intensiven Weges, geprägt von Disziplin, mentaler Stärke und einem Balanceakt, der ihr in den vergangenen Monaten vieles abverlangt hat.
"Die Nominierung ist für mich persönlich das Ergebnis aus einem aufwendigen Balanceakt der letzten Zeit“, sagt Rita Siebert. Sie habe alles gegeben, um im Einzel ihre volle Leistung zu zeigen und gleichzeitig auf das große Ziel hinzuarbeiten, bei dieser Heim-EM Deutschland vertreten zu dürfen. Gerade weil dieser Weg hart gewesen sei, habe die Nominierung für sie eine umso größere Bedeutung.
Eine Europameisterschaft im eigenen Land ist etwas Besonderes — und für viele Athletinnen und Athleten der aktuellen Kadergeneration eine Erfahrung, die sie so noch nie erleben durften. Auch Rita Siebert spürt diese besondere Atmosphäre schon in der Vorbereitung. Die Vorfreude sei groß, sagt sie, gleichzeitig bringe eine Heim-EM aber auch einen Leistungsdruck in einer neuen Dimension mit sich.
Vor ihrem Einsatz überwiegt bei ihr vor allem eines: Nervosität. Doch diese Nervosität ist nicht lähmend, sondern Teil eines Moments, auf den sie sich intensiv vorbereitet hat. „Wir haben hart gearbeitet unter schwierigen Bedingungen. Dort gilt es, unsere Bestleistung abzurufen“, sagt Siebert. Sie weiß, dass sie in diesem entscheidenden Moment vollständig fokussiert sein wird.
Die Vorbereitung auf die Europameisterschaft war für sie mit hohem Aufwand verbunden. Viele lange Hin- und Rückreisen nach Frankfurt standen auf dem Programm, um gemeinsam mit dem Team unter Bundestrainer Efthimios Karamitsos zu trainieren. Besonders herausfordernd waren dabei die individuellen Sh*to-Ryu-Techniken, die für das Team angepasst werden mussten. Die Unterschiede zu ihren Einzel-Katas, neue Technikausführungen und Feinheiten vertiefte sie zusätzlich in ihren Trainingseinheiten zu Hause.
In den letzten Tagen vor der EM waren vor allem Konzentration und Flexibilität gefragt. Neben der bestehenden Vorbereitung musste noch eine neue Kata für das Team eintrainiert und ein neues Bunkai erstellt werden. Eine Aufgabe, die nicht nur technisches Können, sondern auch schnelle Anpassungsfähigkeit und ein hohes Maß an Teamgefühl verlangt. Genau dieses Teamgefühl verändert auch den Umgang mit Druck. Im Einzel steht jede Athletin für sich selbst auf der Matte. Im Team dagegen wirkt sich jede Ausstrahlung unmittelbar auf die beiden anderen aus. Rita Siebert beschreibt, dass man sich im Team einerseits mehr zusammenreißt, weil die eigene Haltung und Energie direkte Auswirkungen auf die Teamkolleginnen haben. Andererseits sei es wichtig, viele Dinge offen miteinander zu kommunizieren, um aufeinander eingehen zu können.
Halt findet sie in solchen Phasen vor allem in ihrem engsten Umfeld. Gespräche mit ihrer Familie und ihrem Freund gehören für sie zu den wichtigsten Ritualen. Gemeinsam sprechen sie über Schwierigkeiten, Abläufe oder die Kata-Reihenfolge. Vor allem aber helfen sie ihr, Ängste abzufangen und innere Ruhe zu finden.
Der Weg von Rita Siebert in den Karate-Sport begann schon früh — und eigentlich durch ihren großen Bruder. Als dieser mit Karate anfing, wollte sie nicht nur daneben sitzen, sondern selbst mitmachen. Später war es besonders die Kata, die sie faszinierte. Der Perfektionismus, die Liebe zum Detail und die Präzision dieser Disziplin passten zu ihr und wurden zu einem zentralen Teil ihres sportlichen Weges.
Zu ihren prägendsten Momenten zählt sie ihre erste Bronzemedaille bei der Europameisterschaft 2020. Nicht nur wegen der Medaille selbst, sondern vor allem wegen des Weges dorthin. Ihr Heimtrainer hatte vor ihr keine Erfahrung im Wettkampfsport. Ohne den Hintergrund eines Leistungssportvereins oder langjährige Trainererfahrung arbeiteten sie sich gemeinsam von null bis zu einer internationalen Medaille. „Das bedeutet mir heute noch viel“, sagt Siebert.
Dass sie heute auf diesem Niveau für Deutschland starten darf, ist für sie untrennbar mit den Menschen verbunden, die sie seit Jahren begleiten. Ihre Familie, sagt sie, sei seit mittlerweile 17 Jahren durch alle Höhen und Tiefen an ihrer Seite. Sie hätten zurückgesteckt, viel investiert und oft vor allem die negativen Seiten des Leistungssports miterlebt — und trotzdem nie aufgehört, sie zu unterstützen.
Auch ihr Heimtrainer Manfred Pfeiffer habe über viele Jahre mit großem Engagement eine Grundlage aufgebaut, die heute in der Leistungsklasse von enormer Bedeutung sei. Eine Basis, die sich später nicht einfach nachholen lasse. In den vergangenen Jahren sei außerdem ihr Freund zu einer ihrer größten Stützen geworden — emotional ebenso wie trainingstechnisch. Er fange sie auf, motiviere sie immer wieder und lebe den Sport mit ihr.
Ihre größten Stärken sieht Rita Siebert in ihrem mentalen Durchhaltevermögen und in ihrer Liebe zum Detail. Beides sei im Kata-Sport unverzichtbar. Gerade diese Kombination aus Ausdauer, Präzision und innerer Stärke hat sie bis zu diesem Punkt geführt.
Vor ihrem Start bei der Heim-EM richtet sie ihre Worte an all jene, die sie auf ihrem Weg begleitet haben: „An alle, die für mich da sind und waren, ganz egal wann… DANKE.“
Für Rita Siebert ist die Europameisterschaft in Frankfurt damit nicht nur ein sportlicher Höhepunkt. Es ist ein Moment, in dem sich viele Jahre Arbeit, Unterstützung, Rückschläge, Leidenschaft und Entwicklung bündeln. Wenn sie nun für Deutschland im Kata Team Damen startet, trägt sie nicht nur den Bundesadler auf dem Gi — sondern auch die Geschichte eines Weges, der von Familie, Vertrauen, Perfektionismus und außergewöhnlichem Durchhaltevermögen geprägt ist.
Bericht und Bilder:
Melanie Feldmeier