29/08/2026
Eintracht Braunschweig - Hertha BSC 3:5 (2.Bundesliga), Eintracht-Stadion, 21.883 Zuschauer, Spielnote 1
Leute, wenn ihr um einen Menschen trauert, stellt man sich ja immer die Frage: Wie gestaltet man das für sich am sinnvollsten? Vor einer Woche rief mich mein Fußballfreund und Herthaner Stefan an und erfragte, ob ich für seine Frau den Platz einnehmen würde und mit nach Braunschweig komme. Da ich aufgrund organsatorischer Umstände die "Alte Dame" leider erst im Oktober sehen kann, willigte ich ein. Ich habe mich sehr gefreut auf diese Auswärtssfahrt, bis mich am Donnerstag die Nachricht ereilte, dass unser Keeper von der SG Grün-Weiß Deutsch Wusterhausen in Gosen bei dem Femizid an eine 18-jährige Schülerin ermordet wurde. "Perle" war ein 30-jähriger Erzieher, großartiger Mensch und ehrliche Haut. Und genau deshalb ging er dazwischen, rettete somit selbstlos viele Kinder und ging als Held. Perle, ich vermisse Dich! Was in den nun letzten 40 Stunden für mich emotional abging, kann ich gar nicht so richtig greifen. Ich entschied mich also meinen geregelten Ablauf anzugehen und mit Seppi nach Niedersachsen mitzufahren, wo eine Hertha beim BTSV antrat, der man zwei Siege aus zwei Spielen nicht zugetraut hat. Die Abgänge haben ordentlich gerüttelt im Kader und mit Eintracht wartete ein Gegner, der im eigenen Stadion immer seine eigene Dynamik entwickeln kann.
Da Stefan als Lehrer tätig ist, konnte wir erst um 14:30Uhr aus Storkow los auf die Autobahn und mit ein paar kurzen vereinzelten Stauphasen sowie seiner Dreistigkeit, konnten wir uns durch das fiese Fahrmanöver von ihm in Stadionnähe einen Parkplatz in der Siegfriedstraße ergaunern. Die allgemeine Verkehrssituation rund um die Hamburger Straße ist allerdings wirklich bedenklich und wer mich kennt, der weiß, wie ich immer Panik schiebe, nicht eine Stunde vor Anpfiff im Stadion sein zu können.
Das klappte gestern so leider nicht, aber mit 35 Minuten gehe ich auch noch mit. Für 29,50€ kauften wir uns Karten in der Nordkurve, direkt neben dem Gästeblock, doch auch bei uns war alles in Blau-Weißer Hand. Bye the way: Traditionstickets! Lieber BTSV, allein dafür seid ihr mir sympathisch!
Seppi versorgte mich, während ich die ersten Eindrücke im Stadion aufsaugte, mit der leckeren Bratwurst für 4€ und dem Humpen "Zero" für 4,50€ im Eintracht-Becher, den ich aber schon in meiner Sammlung habe. So war der Gastro-Check auch durch und den hat Eintracht locker bestanden.
Beide Kurven sangen sich nun warm und bevor wir zum Spiel kommen, bleibe ich doch gleich mal beim Vergleich beider Lager. Eintracht-Capo "Benny" feierte heute "20 Jahre auf dem Zaun". Dafür möchte ich meinen Respekt und Hochachtung aussprechen. Besonders seine Ansprache damals vor dem Relegationsspiel um den Ligaverbleib, vor allen Menschen im Stadion, hat mich mega abgeholt. Er sprach nicht nur vom gewinnen! Er dachte an die Mitarbeiter, die aufgrund von Kürzungen im Budget ihren Arbeitsplatz verlieren würden. Er stachelte nicht nur die Anhänger sondern auch die Mannschaft an damals. Heute kann ich den Support der Heimkurve aufgrund meiner Position nicht einwandfrei bewerten. Es wäre ihnen gegenüber nicht fair zu sagen sie wären leise, weil ich eben direkt neben der Kurve der Hertha saß. Optisch riss man jedenfalls nach dem 2:0 ein paar Fackeln an und kurz vor dem Abpfiff rollte man ein "Danke Benny"-Banner aus und zündelte dazu ein weiteres Mal kräftig. Ohne überraschende optische Signale, außer der Aufforderung zum Kompassmodell in den Regionalligen via Spruchbändern, spulte man im Gästeblock sehr stark den akustischen Support ab. Besonders das "100 Punkte-Lied" schallerte nach dem Treffer zum 3:2 richtig rein. Ein solider Auftritt beider Kurven, mit den optischen Highlights im Heimbereich, würde ich jetzt konstatieren.
Die Highlights auf dem Platz setzten die Hausherren, auch wenn Hertha die klare Hoheit hatte in Sachen Ballbesitz. So nutzte Yann Sturm einen Bock von Niklas Kolbe aus und stürmte los zum 1:0. Nach zwei Versuchen von Josip Brekalo und der Kopfballchance an die Latte von Sebastian Grönning, war es Kevin Ehlers, der freistehend nach einem Eckball per Kopf auf 2:0 für den BTSV erhöhte. Aaron Opoku hätte später nach einem guten Konter dann das 3:0 machen müssen und Hertha wäre weg vom Fenster gewesen. Tja, so kam es dann, wie es sich eben entwickelte. Jon-Dagur Thorsteinsson verkürzte und als Hertha nach einem Konter und Fehler in der Ballkontrolle von Ehlers durch Brekalo doch noch an die Pille kam, schlenzte dieser das Leder mit dem Halbzeitpfiff am in den Kasten stürmenden Braunschweiger Torwart Ron-Thorben Hoffmann vorbei zum 2:2-Pausenstand. Ich brüllte mit Tränen in den Augen alles, was ich in den 24 Stunden vorher erlebt habe, aus mir raus und begann zu heulen. Die Mischung aus Treffer und den Verlust eines lieben Menschen, haben mich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, sage ich euch! Alles war also wieder in der Reihe und Hertha spielte sofort weiter zielstrebig nach vorne und bekam nach Hereingabe von Thorsteinsson Hilfe vom armen Kevin Ehlers, der die Kugel in die eigene Kiste grätschte. Grotesk dann das 4:2 für die Alte Dame. Mitten in ihrem "1967 Meisterlied", was das ganze Stadion voller Leidenschaft intonierte, entschied sich der gute Referee Richard Hempel auf Hinweis seiner Kollegen im "Kölner Keller", mal an den Monitor zu schreiten. Kolbe wurde nämlich nach einer Ecke gehalten und es gab Strafstoß, den Hertha-Kapitän Brekalo verwandelte. Nun kam in mir erste leichte Siegessicherheit hoch, die sich mit dem fünften Tor von Neuzugang Adewumi nach Vorarbeit Schuler festigte. Eintracht gab aber nie auf und konnte das Ergebnis im Anschluss per Abstauber von Jan Urbich noch etwas aufhübschen. Auswärtssieg hieß es also für die Hertha und man ist jetzt erstmal Tabellenführer. Schöne Momentaufnahme, nicht durchdrehen und auf Magdeburg fokussieren. Mehr will ich vor Freunde und mit viel Demut gar nicht schreiben.
Mit einigen Braunschweigern liefen wir zusammen zum Auto und plauderten über das Spiel. Genauso sollte Fußball sein. Ein faires Miteinander, mit Respekt und diesem Austausch über den jeweilig anderen Verein. Ich liebe solche Momente. Am nun durch das Flutlicht strahlende Eintracht Stadion vorbei, was trotz der Laufbahn einfach schön ist, ging es wieder zu den Autos. Horst Wolter, Meistertorwart der Eintracht, sagte es auf meiner Bundesliga-DVD sehr treffend. "Eintracht ist gelebte Tradition. Das bekommst du hier mit der Muttermilch aufgesogen". Diese Liebe zum BTSV merkst du überall am Stadion und gerade die Zeit, als es mit Torsten Lieberknecht wieder in die Bundesliga ging, war für mich als neutraler Beobachter einfach ne schöne Phase des Vereins, die ich der Eintracht sehr gegönnt habe.
Wir sangen im Auto noch kurz ein Liedchen und sollten mit einem Zwischenstopp um 23:45Uhr wieder Storkower Boden erreichen. Diese Tour hat mir unfassbar viel gegeben. Ablenkung, auch wenn das nicht immer funktioniert hat, meine Hertha, einen Auswärtssieg und das ich diesen mit zwei Kumpels genießen konnte.
Eines ist mir aber zum Schluss ganz wichtig. Leute, genießt euer Leben! Denkt nicht so viel nach und macht einfach. Diese Welt ist nämlich krank und das habe ich leider am Donnerstag erfahren müssen. Ein Fußballkollege, toller Mensch, der mit seiner lieben Frau eine Familie gründen wollte, ist nicht mehr da! Er starb, weil er helfen wollte Leben zu retten. Perle ist ein Held und deshalb widme ich dir diesen Bericht. Ich vermisse dich, mein Keeper! Ruhe in Frieden!