20/10/2015
Taijiquan im Stadtpark
Anfang des 20. Jahrhunderts als Landschaftspark eröffnet, blickt der Lübecker Stadtpark auf inzwischen über 100 Jahre lebendige Geschichte zurück. Dieser wird nun ein frisches Kapitel hinzugefügt: Seit einigen Monaten wagen sich, immer am Wochende, frühmorgens ein paar Unerschrockene im Zeichen des Taiji in den Park. Zu dieser Stunde liegt Tau auf dem Gras, die Luft ist klar und noch kühl. Der Park gehört den Katzen, die durchs Gras schleichen und dem Graureiher, der am Teich auf seinem Posten steht. Die Menschen, die vor diesem Panorama scheinbar bewegungslos verharren, stören sie nicht.
In China, denn von dort stammt die alte Kampf- und Bewegungskunst des Taijiquan, ist dieses Bild gang und gäbe – in Parks und auf öffentlichen Plätzen sieht man durchaus schon mal Hunderte von Menschen synchron in die langsamen Bewegung des Taijiquan vertieft. Schweigend, mal unter aufmerksamer Anleitung eines Meisters, mal einzeln für sich.
Von einer solchen Breitensportbewegung ist das Taijiquan im Lübecker Stadtpark natürlich noch weit entfernt – die Übungsgruppe, die unter Anleitung von Kursleiter Niclaas Thiele hier das Chen-Taijiquan praktiziert, ist noch klein. Doch das soll nicht so bleiben, wenn es nach dem Lübecker Thiele geht: „Jeder, der sich interessiert, ist eingeladen, mitzumachen.“ Ein Angebot , das schon den ein oder anderen Spaziergänger oder Jogger, der später am Tag an der Gruppe vorbeikommt, in Versuchung geführt haben mag.
In der morgendlich-harmonischen Atmosphäre beginnt man zunächst mit der „Stehenden Säule“. Was von außen nach minutenlanger Untätigkeit aussieht, ist, wie Thiele erläutert, in Wirklichkeit eine meditative Übung. Diese Einstiegsübung löst Verspannungen und fokussiert gleichzeitig den Geist. Dieser Fokus wird benötigt, denn die sich nun anschließenden „Seidenübungen“ fordern Konzentration, schulen aber Koordination und Körperhaltung. Das „Herzstück des Taijiquan“ beinhaltet die wesentlichen Elemente dieser Kampfkunst. Wieder aufgenommen werden diese in den sogenannten „Formen“, ritualisierten Bewegungsabläufen, die die Übenden unter Anleitung des Lehrers ausführen. Der Ursprung des Taijiquan als Kampfkunst kommt hier besonders zur Geltung.
„In der Form hat jede einzelne Bewegung einen Sinn“, erklärt Niclaas Thiele. „Dass hinter Schönheit und Harmonie, hinter den fließenden Abläufen, auch ein kämpferischer Aspekt liegt, sieht man am Anfang nicht. Doch Taiji ist als Kampfkunst sogar besonders effektiv.“ Entsprechend bildet den Abschluss der 3 bis 4-stündigen Einheiten des „Taiji im Park“ eine Einheit Tui Shou („Schiebende Hände“), bei dem man in Zweierteams respektvollen Umgang mit der Kraft lernt. Rücksichtnahme ist oberstes Gebot beim Versuch, das Gegenüber aus der Balance zu bringen.
Alle haben sichtlich Spaß beim Wettstreit und fühlen sich nach den Stunden an der frischen Luft, dem Lauschen auf das eigene Innere, bereits selbst als Teil des Parks. Und so ist das Taijiquan nun auch endgültig in Lübeck angekommen, stellt einen bleibenden, lebendigen Teil der Freizeitkultur im Stadtpark dar. Vielleicht aber ist es ja auch nur ein Vorgeschmack auf Dinge, die noch kommen können. Es braucht nur weitere Wegbereiter, wie eben Niclaas Thiele.
Peter Cordes