18/02/2026
SG Kronach: „Wir sind die Melkkuh“ – Schützen wehren sich
Maria Löfflervon Maria Löffler Fränkischer Tag
Kronach – 500.000 Euro Zuschuss für die Schützen – diese Nachricht löste in Kronach ein politisches Beben und einen heftigen Sh*tstorm aus. Doch hinter den Zahlen steckt eine ernste Realität.
Der digitale Raum kann grausam sein, das musste die Schützengesellschaft (SG) Kronach in den letzten Tagen schmerzhaft erfahren. Was als knappe 13:11-Entscheidung im Stadtrat begann – die Zusage über 500.000 Euro Zuschuss für die Sanierung des maroden Pistolenschießstandes –, mutierte in den sozialen Netzwerken zu einem regelrechten Flächenbrand aus Häme und Anfeindungen. Ausgelöst durch die scharfe Kritik der Stadträte Marina Schmitt (SPD) und Peter Witton (Grüne), die den Beschluss als „empörend“ geißelten und von einem „Schlag ins Gesicht aller anderen Vereine“ sprachen, sahen sich die ehrenamtlichen Mitglieder plötzlich einer Welle von giftigen Kommentaren gegenüber.
Die „Melkkuh“ wehrt sich
„Wir sind die Melkkuh von Kronach“, platzte es aus Schützenmeister Jörg Schnitzler heraus. Dieser Satz ist kein bloßer Slogan, sondern das Ergebnis jahrelanger Frustration. Während der Verein in der Öffentlichkeit oft nur als Empfänger von Geldern wahrgenommen wird, sei die Realität eine andere: Die SG Kronach trage seit Jahrzehnten Kosten, die eigentlich der Allgemeinheit zugutekommen. Die gesamte Infrastruktur auf der Hofwiese, von den Wasser- bis zu den Stromanschlüssen, wurde vom Verein finanziert. Selbst die Beschilderung des Geländes – ob 30er-Zonen oder Parkverbote – wird von den Schützen bezahlt. Hinzu kommt die voll ausgestattete Küche im Schützenhaus, die ebenfalls aus Vereinsmitteln finanziert wurde. Die Mieteinnahmen für das Gebäude und die kleine Wohnung darüber (1.200 Euro bzw. 150 Euro monatlich) decken dabei kaum die laufenden Unterhaltskosten.
Besonders deutlich wird die finanzielle Schieflage beim Freischießen. Als größtes Fest der Region generiert es enorme Umsätze für die lokale Wirtschaft – für Bäcker, Metzger, Brauereien und Beherbergungsbetriebe. Doch das Risiko trägt allein die SG. Im vergangenen Jahr beliefen sich allein die Kosten für den Sicherheitsdienst auf horrende 85.000 Euro. Der Reingewinn des gesamten Festes lag dagegen bei lediglich 44.000 Euro. „Wir für uns bräuchten kein Schützenhaus, uns würde ein Vereinsheim reichen“, so Schnitzler. Das Gebäude diene primär als Veranstaltungshalle für die Stadt – für Flohmärkte, Büttenabende, den Ball der Landfrauen und sogar dem Katastrophenschutz. Ohne die SG stünde Kronach vor einer gewaltigen Infrastruktur-Lücke.
Fakten gegen Fake News: Keine „Geheimoperation“
Ein Vorwurf, der die Schützen besonders trifft, ist der der mangelnden Transparenz. Doch Schützenmeister Jörg Schnitzler widerspricht: „Es gab keine „Geheimoperation“. Die SG habe die Fraktionen und Stadträte seit November 2025 mehrfach und umfassend informiert. Schnitzler: „Es fanden zwei ausführliche Vorgespräche mit allen Fraktionen, der Bürgermeisterin und Abgeordneten statt (10.11.2025 und 19.01.2026). Am 31.01.2026 gab es zudem einen Besichtigungstermin für alle Stadtratsmitglieder. Dabei wurde detailliertes Zahlenmaterial zu den Kosten, der geplanten Finanzierung und der Finanzlage des Vereins präsentiert. Auch die Kritiker wie Peter Witton und Marina Schmitt waren bei diesen Terminen anwesend." Dass nun behauptet werde, es hätten keine Informationen vorgelegen, bezeichnet er als „unredlich“. Man habe den Eindruck haben müssen, dass sich alle ausreichend informiert fühlten, da im Vorfeld keine weiteren Unterlagen oder schriftlichen Anträge angefordert wurden.
Das Erbe der Säureharzdeponie
Die Frage nach den fehlenden Rücklagen des Vereins lässt sich nur mit einem Blick in die Geschichte beantworten. Jahrzehntelang war die SG Kronach durch die Sanierung einer Säureharzdeponie auf ihrem Gelände finanziell gelähmt. Diese Altlasten aus dem „dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte“ führten zu Belastungen, die kein anderer Verein in diesem Maße zu tragen hatte. Sämtliche Einnahmen flossen über Jahre hinweg direkt in diese Sanierung. Erst seit dem vergangenen Jahr ist es dem Verein – dank neuer Vereinbarungen mit der Regierung von Oberfranken und dem Einsatz von Landrat Klaus Löffler – und MdL Jürgen Baumgärtner wieder möglich, überhaupt Rücklagen zu bilden. Wer dem Verein nun Misswirtschaft vorwirft, ignoriere diese historische Bürde geflissentlich.
Existenzangst und der „Super-Gau“
Für die Mitglieder wie Joachim Eckert geht es um mehr als nur Sport: „Ich engagiere mich hier im Verein. Das würde ich nicht mehr tun, müsste ich woanders trainieren“. Die Sanierung des Pistolenschießstandes sei unumgänglich, da die Betriebserlaubnis bereits im Sommer 2029 auslaufe. Ohne Schießstand verliere der Verein Mitglieder und damit die Basis für das ehrenamtlich organisierte Freischießen. Eine Umwidmung der städtischen Mittel für andere Zwecke, wie die Sanierung des Schützenhauses, sei rechtlich zudem ausgeschlossen. „Würden wir unsere Gemeinnützigkeit verlieren, wäre das der Super-Gau“, betont Schnitzler. Der Zuschuss ist zweckgebunden und dient allein dazu, die Existenzgrundlage des Vereins und damit ein Stück Kronacher Identität zu retten.