21/06/2026
Interview mit deutschen Ringer-Meister Yassin Chopan
Yassin Chopan wird in der Vorwoche deutscher Meister in klassischen Ringen bei den Jugendlichen (wir berichteten). Ich komme zum ersten Training nach seinem Triumph in die Halle, um ihn zu Interviewen.
Seine Trainingskameraden stehen schon Stramm, aufgereiht wie die Soldaten. Ein Empfangskomitee aus dreißig wartenden Athleten. Als Yassin hereinkommt, fangen alle an, frenetisch zu applaudieren. Ein Gänsehautmoment. Die Leute schauen ihn anerkennend an. Die Kleineren blicken mit Ehrfurcht zu ihm hoch. Sogar bei den größeren kann man Bewunderung erkennen. Ein paar neidische Blicke sind sicher auch dabei. Dass liegt in der Natur der Dinge.
Der Vorsitzende Jochen Haeffner gratuliert und hält eine kurze Rede. Vom historischen Erfolg schwärmt er, denn so ein Titel wäre ein Meisterstück der ganz ganz besonderen Art. Eine Leistung, die aus eisener Disziplin und begnadeten Talent herrührt. Das macht Haeffner gut, die Leute kriegen feuchte Augen.
Cotrainer Mert Simsek, der live in Hösbach dabei war und seinen Teil zum Erfolg beigetragen hat, findet weitere lobende Worte. Dann wird Yassin mit einem dreifachen Kraft Heil entlassen, er rennt mir in die Arme. Ich belagere ihn zugleich, um ihn zu Interviewen.
Nach einer Gratulation frage Yassin als erstes, wie es zu der Diskrepanz zwischen seinen Vorkampfergebnissen und dem Finalkampf gekommen ist. Denn im Vorkampf hatte er alle technisch überlegen weggeklatscht, unter anderem gegen Nick Preuß vom SC Dynamo Hoppegarten aus Brandenburg. Im Finale dann musste er aber gegen Preuß dann nochmal kämpfen. Jetzt schafft er nur noch einen knappen 5:3-Punktesieg. Was sehr ungewöhnlich ist.
Er meint hierzu, es war ein Sicherheitskampf, er wollte seinen Vorsprung nur noch halten und kein Risiko eingehen.
Klar, das könnte so sein. Aber ich denke, er war vielleicht einfach nur platt. Zumal er mir erzählt, dass er 6 Kilo abtrainieren musste. Da wäre es nur zu verständlich.
Umso bemerkenswerter ist diese Leistung, physisch und psychisch ebenfalls. Zumal er noch vor einem Jahr selbst bei den NRW-Landesmeisterschaften als Kanonenfutter verwurstet wurde. Hier erreichte er lediglich eine Platzierung im unteren Mittelfeld. Und heute ist er der allerbeste von den allerbesten der 16 Bundesländer! Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen.
Dieser Leistungssprung kommt aber nicht von ungefähr. Denn er trainiert jeden Tag auf der Matte, er hat auch schon verschiedene Trainingslager im Irak und in der Türkei absolviert. Und auch zum Gewichtabtrainieren hat er sich schon einen Monat vorher informiert, seinen Ernährungsplan umzustellen. Auf diese Art hat er diese Hungertortur unbeschadet überstanden. Also ein 100-prozentiger Profi.
Ich warne seine Mutter Ani, die auch beim Training ist: Wer so unfassbar gut anfängt, hat es naturgemäß schwer, später noch eine Schippe draufzulegen. Denn wie will man den deutschen Meister noch toppen? Die deutschen Meisterschaften sind die kleinen olympischen Spiele auf nationalem Niveau. Er ist also deutschlandweit ganz oben. Man kann sich demzufolge nur noch mit internationalen Titeln steigern.
Die Mutter bleibt dabei ganz cool. Denn sie weiß es und dann sagt sie es auch: Egal, Yassin ist ein Profi! Durch und durch. Dann eben international.
Sie selbst hat in Hösbach ihre Fingernägel bis aufs blanke Fleisch heruntergeknabbert, so spannend wäre die Veranstaltung gewesen. Und sie sei außerordentlich stolz auf ihren Sohn, den sie jetzt schon als ihr Vorbild in Sachen Disziplin ansehe.
Ich frage Yassin, ob er auch beim Ringen bleiben wird. Das ist bei jungen Menschen oftmals die Frage, denn es gibt in der Freizeit viele Verlockungen. Vor allem die der weiblichen Art.
Er sagt zu mir, wäre er ein Fußballer, würde er jetzt sagen: „Ich bleibe am Ball.“ Wo er aber ein Ringer wäre, müsse er es folgendermaßen formulieren: „Ich bleibe auf der Matte!“ Und auf den Boden sowieso. Er ist ein Athlet, der nicht abgehoben ist. Voll der Profi eben.
Sein Vater Achmed Chopan war gleichfalls ein griechisch-römischer Ringer. In seinem Heimatland war er irakischer Meister. Was sicher noch viel höher einzuschätzen ist als in Deutschland, da Ringen in dem persischen Land eine Volkssportart ist. Es hat einen viel höheren Stellenwert. Anfang der 2000er Jahre kam er als 23-jähriger Flüchtling nach Krefeld, wo er später in der Krefelder Oberligamannschaft gerungen hatte. In der zweiten Bundesliga konnte er nicht mehr eingesetzt werden, da er zu viel arbeiten musste. Heute führt er ein Imbissimperium in Krefeld. Pardon, ich muss mich korrigieren, es ist nur ein Planet. Zwar ein ganz kleiner. Aber ein sehr, sehr leckerer: Der Döner Planet in Krefeld.
Achmed ist heute Jugendtrainer bei Germania und schon seit Jahren ein Hauptsponsor. Die Mutter sorgt sich um den Essensstand bei Mannschaftskämpfen. Was ist diese Familie nur für eine Bereicherung für den Verein. Hoffentlich bleibt sie uns möglichst lange erhalten!