14/05/2018
Eine kleine Pedelec-Geschichte...
Das sollte nun wirklich der letzte Schweißtropfen sein, der sich zielstrebig den Weg von meiner Stirn direkt in meine ohnehin schon wie Feuer brennenden Augen bahnte.
Einen Gang hoch schalten, den ausgelaugten Körper ein letztes Mal aus dem Sattel heben und im Wiegetritt unter dem imaginären Teufelslappen hindurch dem Gipfel entgegen.
Eine kleine Ewigkeit später war ich mit schmerzenden Oberschenkeln, stechender Lunge und gefühlten 250 Schlägen meines Herzens am Ziel, ich war auf dem Gipfel des Mont Ventoux...
An diesem Abend reichte der Hauch eines Glases mit herrlichem Rotwein, um mich wohlig erschöpft, aber zufrieden in den verdienten Schlaf zu träumen.
Dieses Erlebnis ist nun exakt 40 Jahre bzw. ein ganzes Arbeitsleben lang hinter mir. Heute stehe ich vor meinem treuen Weggefährten von damals, der, bis auf etwas antiquiert wirkende Technik, deutlich weniger an Leistungsvermögen als ich eingebüßt hat. Gut, neue Reifen und etwas Öl auf die Kette, aber dann wäre er schon wieder bereit.
Im Gegensatz zu mir: Wenn ich heute im Alter von 64 Jahren, trotz sportlicher Statur und vermeintlich guter Kondition, mit meinem Tourenrad eine Weile gegen den Wind fahren muß, merke ich unweigerlich, daß das Leistungsvermögen der Jugend für mich eindeutig Geschichte ist.
Da hilft moderne Technik mit ihren 27 Gängen zwar ein wenig auf die Sprünge, aber am Kernproblem ändert sie nichts: Irgendwann wird auch der kürzeste erste Gang zu lang.
Während ich mit mir im Allgemeinen und dem Alter im Besonderen so hadere, reisst mich meine Wohnungsklingel aus den Träumen. Es bietet sich ein mir bekanntes Bild, mein Schwiegersohn steht in voller Montur samt 6.4 kg Renner eines renommierten italienischen Herstellers vor der Tür. In seinem Schlepptau ein weiteres
Fahrzeug, das sich bei genauerem Hinsehen ebenfalls als Rennrad zu erkennen gibt. Lenker und Sattel in sehr komfortabler Position, so wie es sich für einen Rentner eben gehört, ansonsten jedoch eine bezaubernde High-tech-Optik, die mich allein schon wegen ihrer Ausstrahlung einige km/h
schneller macht. Zumindest hier im Hof. Einzig die etwas unförmig wirkende Trinkflasche und die doch sehr große Hinterradnabe passen nicht so recht ins elegante Bild, genau diese beiden Teile werden aber noch eine große Bedeutung bekommen.
Neben dem obligatorischen Fahrradcomputer befindet sich ein weiteres kleines Gerät, dessen Bedienung wird mir aber freundlich untersagt. Zwei Leuchtdioden in sattem grün signalisieren mir, daß es nun doch langsam losgehen sollte. Also rein in mittlerweile weite Fahrradklamotten, die Radschuhe, den Helm auf den Kopf und losgehts...
Holla, verdammt guter Tag heute oder starker Rückenwind ? Die Bäume im Garten standen aber still wie Zinnsoldaten! Das Rad strebt bei leichtestem Pedaldruck behende und völlig lautlos nach vorne und beschleunigt so, wie ich es nur von steilen Abfahrten kenne. Habe ich den Jungbrunnen entdeckt oder liegts doch am Umstieg auf Vollwertkost?
Weder noch, das Geheimnis dieses Erlebnisses liegt in eben jener Hinterradnabe und seiner unförmigen, so wie ich meinte, Trinkflasche. Ich saß auf einem Pedelec, auf einem Fahrrad mit elektrischem Hilfsmotor. Das besondere an meinem Untersatz war bzw. ist, daß es sich auch noch um ein Rennrad handelt! Bis vor wenigen Momenten war ich überzeugt, ein Fahrrad mit Hilfsmotor wäre nur für wirklich alte Menschen, deren Alternativen zur Fortbewegung keine große Vielfalt mehr bietet. Diese Ansicht wurde mit jedem Tritt und jedem Meter unter den Reifen komplett demontiert und pulverisiert. Was für ein erhabenes Gefühl, bei hohem Tempo im Windschatten meines Schwiegersohns ein Rennrad zu bewegen! Schlagartig fühle ich mich wieder in die Zeit rund um den Mont Ventoux zurück versetzt! Nur mit dem Unterschied, daß ich heute mit diesem neuartigen Rad noch schneller oben wäre und meine Schenkel am Gipfel nicht den gefühlten Umfang einer Litfaßsäule hätten!
Nach Klärung der Geheimnisse um dieses Rad erklärte mir mein Schwiegersohn verschmitzt alle weiteren Funktionen, die neben noch mehr Leistung auch Energierückgewinnung bieten. Diese Energierückgewinnung finde ich besonders interessant, gibt sie mir doch die Möglichkeit, meine dem Alter entsprechende vorsichtige Fahrweise bei längeren Abfahrten von der Geschwindigkeit an meine Bedürfnisse hin anzupassen, ohne ständig beide Hände an den Bremsen haben zu müssen.
Vor den Abfahrten stehen aber die Steigungen. Nicht umsonst wird in den Bergen bei den großen Klassikern die Entscheidung gesucht, haben schon ganz große Namen ganz schnell ihre Gesichtsfarbe in fahle Blässe gewechselt im Kampf um Sieg oder Niederlage. Für mich spielt die Gesichtsfarbe heute keine Rolle, wenn meine Kräfte nachlassen, bitte ich den Motor per Tastendruck um etwas Nachhilfe, wenn der belgische Kreisel sauber funktioniert, gönne ich ihm und dem Akku großzügig etwas Erholung. Sind meine jungen Mitfahrer platt, stelle ich mich selbstlos eine Weile in den Wind und ziehe den Nachwuchs durch die Luft!
Im Gegensatz zu früher bestimme ich selber, wann ich mich bis zu welchem Grad verausgabe. Ich kann meine zweifellos weniger gewordenen Kräfte somit besser einteilen und auch wieder große Touren in Angriff nehmen. Mein Tempo ist auf einem Niveau, bei dem ich auf Augenhöhe mit jüngeren Mitfahrern bin. Es macht ungeheuer Spaß, plötzlich ist man wieder „mittendrin“, statt „nur dabei“!
Wer nun meint, es wäre zur fehlerfreien Bedienung dieser Wundermaschine ein abgeschlossenes Informatikstudium notwendig, der irrt gewaltig. Neben Aus- und Einschalten und dem gelegentlichen Anpassen der Unterstützung ist nichts weiter notwendig. Einfach nur Fahrrad fahren – so, wie man es kennt und als alter Sportler auch liebt. Und am Abend lädt man, bei Bedarf und mit dem obligatorischen Glas Rotwein in der Hand, den Akku wieder auf, damit auch die nächste Etappe wieder ein so herrliches Erlebnis wird.
Aufgrund meiner Vorbehalte, ich bin ja schließlich noch kein altes Eisen, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, ein Rennrad, das klassische Sportgerät schlechthin, ein wenig Metall, das über Nacht ehemals Namenlose zu Helden machte, mit einem Motor zu versehen. Ich doch nicht!
Lieber bin ich gar nicht mehr gefahren und suchte neue, ruhigere und, zugegebenermaßen, langweiligere Hobbies. Kreuzworträtsel.
All das kommt nicht von ungefähr, mein Schwiegersohn, der Schelm, hat beruflich mit Pedelecs zu tun und vor geraumer Zeit die Firma Veelo gegründet. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er es schaffte, mir ein Pedelec unter den Hintern zu schmuggeln.
Das Renn-Pedelec, um das es in dieser Geschichte geht, war ursprünglich dafür gebaut worden, um bei einer der großen Bike-Messen einem breiteren Publikum vorgestellt zu werden.
Das, es tut mir wirklich leid, fällt nunmehr aus. Das Veelo Speedstromer, so heisst das Fahrzeug, ist sicher verschlossen standesgemäß bei meinem alten Renner verwahrt, der Schlüssel hängt um meinen Hals.
Jeden Tag drehe ich meine ständig erweiterten Runden, derzeit bin ich bei ca. 50 km pro Tag, und am Wochenende fahr ich seit langem zum ersten mal wieder mit dem Rad in die Berge – noch nicht bis zum Mont Ventoux, aber der Wendelstein darfs schon sein!
2011 waren bei veelo die ersten Rennräder schon elektrisch und haben verloren geglauben Spaß wieder zurück gebracht...und 2009 das erste elektrische Mountainbike. Aus Leidenschaft und Freude am Fahrrad!