12/01/2023
Wir Erwachsenen sind die Behüter der zarten Herzen unserer Kinder.
Wann hattest Du zuletzt Dein Kind im Arm, hast im tief in die Augen geschaut, im Deine uneingeschränkte Aufmerksamkeit gegeben, Dich von ihm treiben lassen, bist mit ihm durch den Wald gehüpft, hast es zum lachen gebracht, seine Spiele gespielt und es Deine unendliche Liebe spüren lassen?
Mir bricht fast das Herz, wenn ich mir vorstelle, wieviele Kinder nach Hause kommen und nicht geliebt werden, nicht in den Arm genommen werden oder sogar in ein gewalttätiges, kaltes zuhause kommen, jeden Tag. Viele von ihnen sind uns Erwachsenen ohnmächtig ausgeliefert. Mich erschüttert nicht die Tatsache, dass in all unseren Seminaren Menschen sitzen, die weder Liebe, noch Aufmerksamkeit, Nähe oder Wertschätzung erfahren haben, sondern die unglaubliche Anzahl von denen, die berichten, sie wurden nicht ein einziges Mal in ihrer Kindheit umarmt. Kleine Menschen, die nicht erfahren dürfen, dass es über die Kälte, Distanz, Abwesenheit oder Gewalt hinaus noch etwas anderes gibt. Denen vorenthalten wird, in einem warmen und geborgenen Zuhause aufzuwachsen.
Das einzige was Kinder wirklich brauchen, ist, dass sie gesehen, geliebt und in ihrer Verletzlichkeit gehalten und gewürdigt werden. Als Vater von 2 kleinen Kindern ist mir absolut bewusst, dass es fast unmöglich ist, immer in Verbindung, anwesend und liebevoll zu sein. Trotzdem versuche ich jeden Tag von neuem, die in uns allen angelegte Kapazität, die Bewusstheit und Liebesfähigkeit freizulegen, die es mir ermöglicht meine Kinder ab und zu im Arm zu halten, um ihnen das zu geben, was sie mehr brauchen als alles andere: das Urvertrauen richtig und angenommen zu seine, genug zu sein, die Gewissheit willkommen zu sein und die Sicherheit geliebt zu sein.
Welch warmer und entspannter Schauer durch unseren Körper geht, wenn wir liebevoll und fürsorglich in den Arm genommen werden, wenn jemand für uns da ist, uns hält und uns vertrauensvoll den Raum schenkt. Das ist heute als Erwachsener richtig und das wäre vor allem richtig und wichtig gewesen, als wir Kinder waren. Viele Männer erzählen mir in Männerseminaren, wie befreiend und erlösend es ist, einmal, manchmal das erste Mal, von einem Mann in den Arm genommen zu werden, ihn und seine kraftvolle Präsenz, Nähe und Liebe spüren zu dürfen. Wie nährend und wärmend es ist, wenn mich meine geliebte Frau umarmt und ich mich in ihren Schoß legen und zur Ruhe kommen kann.
Kinder brauchen in ihren ersten Jahren das Nervensystem von uns Erwachsenen, damit sie sich, in unserer absichtslosen Präsenz, ganz ihrem Schmerz, ihrer Angst oder ihrer Wut hingeben können. Unsere fürsorgliche Liebe und unser Dasein hilft ihnen durch diese manchmal heftigen Emotionen hindurchzugehen, bis zum anderen Ende ihrer Empfindung, was dann immer wieder den nächsten Zustand für sie bereit hält. Wenn sie das Gefühl bekommen, mit all dem was in ihnen auftaucht sicher, aufgehoben und angenommen zu sein, können sie sich diesen Gefühlen ganz hingeben und sie vertrauensvoll zulassen. Wenn wir als Erwachsene vielleicht nie oder wiederholt die Kapazität nicht haben, unsere Kinder und ihre Gefühle auszuhalten, sie so wie sie gerade sind haben zu können, vielleicht sogar noch dagegen angehen, wie sie sind und sie direkt oder indirekt auffordern diese Gefühle zu beenden, werden die Gefühle entweder noch intensiver oder die Kinder beginnen sie zu unterdrücken.
Wenn mein kleiner Sohn wütend wird und in dieser Wut und einem fast unendlichem Trotz mein Nervensystem, also meine Kapazität mich wieder zu regulieren, an den Rand meines Möglichen bringt, dann ist der Moment gekommen, mich an meine Mitte zu erinnern, indem ich atme, meine Füße auf dem Boden spüre und mich in meine Anspannung hinein entspanne und so mein Möglichstes dafür tue, dass ich seiner Wut Raum gebe. Ich schütze ihn davor sich selbst, mir und anderen weh zu tun und versuche so gut es geht ihn energetisch und manchmal, wenn er das möchte und erlaubt, auch in meinen Armen zu halten, bis die ganze Wucht seines kindlichen Impulses seinen Höhepunkt erreicht hat und dann irgendwann wieder abflaut. Das alles ohne das ich ihn damit verändern möchte, falsch mache, bestrafe oder bewerte. Ich versuche so der Behüter seines verletzlichen Herzens zu sein. Welche Gnade es für mich als Vater ist meinen Sohn zu fragen ob er in den Arm genommen werden möchte und er mit strahlenden Augen auf mich zuspringt, er mich fest drückt und ich in dieser Berührung verschmelze, Wärme und Liebe in seine Richtung fließen und ich spüren darf wie gut ihm das tut.
Wenn meine Tochter traurig ist und weint, fühle ich mich in sie hinein und halte sie in ihrem Schmerz. Auch hier ohne etwas verändern zu wollen und bis sie sich von alleine beruhigt. Manchmal braucht das viel Zeit und immer wieder meine Besinnung auf das bewusste „für-sie-da-sein-ohne-etwas-zu-wollen“. Ich streichle ihre Haare, höre ihr zu und erfahre die Gnade mich dadurch beschenkt zu fühlen, dass sie sich mir als Vater anvertraut. Es ist wunderschön für mich, wenn ich meine Tochter in den Arm nehme und spüren darf, das sie ihren Schmerz betrauern kann und sich in meine Vaterhände hinein entspannt und loslässt. Ein unerschütterliches Band zwischen uns wird spürbar, in das meine reinste, nichts erwartende und unerschöpfliche Liebe fliest. Für mich gibt es nichts berührenderes und nährenderes als meinen Kindern ein Gefühl von Sicherheit, Vertrauen und Liebe zu geben.
Wenn diese großen Gefühle durch die beiden durchgeflossen sind, ohne dass ich dem meinen Wunsch nach Veränderung dagegengestellt habe, kommt unaufhaltsam der nächste Zustand oder das nächste Gefühl. Meistens wechselt unser Sohn aus der trotzigen Wut in Millisekunden in ein Lachen oder macht sich an seine Spielsachen, als ob nichts gewesen wäre. Bei meiner Tochter kommt nach dem Schmerz oder der Trauer meist ein entspanntes Bedürfnis von Kuscheln. Für mich ist das immer wieder ein unglaubliches und lehrreiches Phänomen, wie schnell wir Menschen von einem emotionalen Zustand in den anderen wechseln können, wenn wir Gefühle zulassen und ihnen nichts in den Weg stellen. Irgendwo habe ich einmal gehört, das durchschnittliche Gefühl dauert ca. 60 Sekunden, wenn wir uns darauf einlassen und es zulassen. Aus meiner persönlichen Erfahrung und aus der Arbeit mit vielen Menschen, würde ich sagen, es gibt eine Bandbreite, die abhängig ist von der Qualität und Intensität des jeweiligen Gefühls. Dennoch steht außer Zweifel, dass ein frei gefühltes Gefühl, ein fließend stattfindender Zustand, so unangenehm er auch ist, über kurz oder lang schwächer wird, weniger Macht über uns hat und sich wieder verabschiedet.
Die meisten von uns haben schon früh gelernt ihre Gefühle zu verdrängen, weil sie erfahren haben, dass sie nicht traurig, wütend oder wie auch immer sein sollten. Wir sollten eben genau nicht so sein wie wir oft waren, weil unsere Eltern damals nicht den Raum und die Liebe zur Verfügung hatten, weil sie selbst nie erfahren durften, wie es ist liebevoll im Schmerz gehalten worden zu sein. Sie waren als Eltern mit ihren Anforderungen an den Alltag überfordert, hatten keine Zeit oder waren gar nicht da. Uns hat jemand unmissverständlich gezeigt oder gesagt, dass das was jetzt ist so nicht in Ordnung ist. Wir haben damals verlernt Gefühle durch uns hindurchfließen zu lassen, wie das Kleinkinder und Babys ganz natürlich tun, weil sie noch nicht gelernt haben sich an das anzupassen, was wir Erwachsene von ihnen erwarten. Sie schreien, protestieren, weinen - bis Mama oder Papa sie hoffentlich halten und tröstet.
So werden wir als Kinder zu etwas konditioniert, was wir als Erwachsene nur schwer wieder ablegen bzw. wieder erlernen können: Dem Gefühl von Schmerz, Einsamkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit oder Wut und Angst einen inneren Raum zu schaffen, in dem wir diese Gefühle und Zustände wach, offen und ohne sie zu bewerten zulassen, in uns halten und aushalten können. Heute haben viele von uns Älteren dadurch auch heute nicht mehr die Kapazität in Stille, Präsenz und mit Ausrichtung, dem einen inneren Raum zur Verfügung zu stellen, was uns alltäglich an unangenehmen Wahrnehmungen begegnet und uns davon abhält uns auch dankbar, entspannt und glücklich zu fühlen.
Wenn wir aber das wieder erlernen, was wir in den Kindertagen verlernt haben, uns also selbst liebevoll in diesem Schmerz halten zu können, dann wird er sich in all seinen Fassetten wieder auflösen und es wird sich unter diesen Gefühlen eine unendliche Weite und Verbundenheit zeigen, die nicht beschreibbar ist, nur im erleben erkennbar wird. Gefühle zu spüren und Zuständen wahrzunehmen, sie so zu lassen wie sie sind und sie ganz und gar zuzulassen, auch wenn unser Verstand uns sagt, dass sie uns überschwemmen oder sie zu groß für uns sind oder das sie falsch sind, ist das Tor zu unserer innersten Essenz. Manchmal und meist nur am Anfang, brauchen wir für diesen Prozess immer noch jemand, auch als Erwachsene, die oder der uns darin hält und uns ein Gefühl von Sicherheit, Liebe und Vertrauen gibt.
Vor allem Angst, Trauer und Wut sind Zustände, die uns vom eigentlichen Gefühl oder der noch tiefer liegenden, uns allen bereitstehenden, unbeschreiblichen und ekstatischen Weite, trennt. Immer wieder darf ich erfahren, dass sich zuerst Angst, Trauer oder Wut zeigen und dann, wenn ich präsent bin und alles zulasse, ohne mich dagegen zu wehren, die trägen Schichten für das was dahinter kommt Platz machen und dass das dann den Raum nehmen kann, was mein wahres Selbst ausmacht. Wie die vielzitierte Sonne, die hinter den dunklen Wolken immer scheint und alles erdenkliche ausfüllt. Mit der sich dann einstellenden Entspannung, unendlichen Weite und einer tiefen Liebe, die alles (!) umfasst, kommt der Mut und die Zuversicht auf alles was kommt und das Vertrauen, dass das was kommt genau so richtig ist. Das ist es was ich unter Urvertrauen und Hingabe verstehe und auf die jeder Mensch ein Geburtsrecht hat.
Wenn wir also unsere Kinder in den Arm nehmen, kurz über unsere täglichen Anforderungen und wichtigen Tätigkeiten hinwegsehen, ihnen für einige Augenblicke unsere komplette und ungetrübte Aufmerksamkeit schenken, sie hören, sehen und lieben wie sie sind und sein wollen, dann erschaffen wir für sie das Himmelreich und für uns Dankbarkeit und Wärme.