18/08/2024
Die Leidens- und Erfolgsgeschichte unseres Mulis Olly
Alles fing etwa 2 Wochen vor Pfingsten an. Uns fiel auf, dass Olly etwas lahmte. Hierüber machten wir uns zunächst keine Gedanken. Es war wieder an der Zeit, seine Hufe bearbeiten zu lassen. Olly kam vor 13 Jahren als Absetzer zu uns und bekam seit eh und je keine regelmäßige Hufbearbeitung, da er sich während der ganzen, langen Zeit weigerte, seinen Kopf auch nur ansatzweise in ein Halfter zu stecken. Wir haben viel Zeit damit verbracht, Vertrauen zu ihm aufzubauen. Sehr viel Zeit. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Tom sich damals mehrere Tage und Nächte mit ihm im Roundpen verschanzt hat - komplett isoliert von äußeren Einflüssen. Lediglich ein Eimer Futter stand zwischen Toms Beinen, an dem Olly sich jederzeit hätte bedienen können. Das Ergebnis war, dass Olly ihm den Stinkefinger äääh -huf zeigte und vermutlich lieber verhungert wäre, als sich näher als 1 Meter an Tom heranzutrauen. Da kam definitiv sein Vater durch, ein typischer störrischer Esel mit seinem ganz eigenen Kopf. Im Grunde konnten wir all die Jahre nicht wirklich etwas mit ihm anfangen ausser ihn süß zu finden.
Somit waren Hufbearbeitungen jedesmal ein riesen Drama, bei dem wir uns Tage vorher immer schon den ultimativen Plan austüfteln mussten, um ihn irgendwie zu überlisten. Wir haben bis hin zum Lasso wirklich alle Möglichkeiten durch. Die letzten Male erreichten wir mit einem Fangstand die besten Ergebnisse.
Naja, als Olly kurz vor Pfingsten etwas lahmte, wussten wir, dass es wieder Zeit war, Nele mit ihrem mobilen Gerüst zu bestellen und wir machten einen Termin für die kommende Woche. Doch Ollys Zustand verschlechterte sich rapide und das sonst so hyperaktive Muli legte sich verdächtig oft hin. Am Tag der Hufbearbeitung ließ er sich sogar zum ersten Mal in den letzten 13 Jahren widerstandslos ans Halfter nehmen. Wir hätten uns darüber freuen können. Taten wir aber nicht, da dies völlig untypisch war und Olly sich sehr viel humpelnde Zeit ließ, um sich mit hängendem Kopf die 600 Meter hoch zum Ort des Geschehens führen zu lassen.
Die Hufbearbeitung verlief völlig unproblematisch. Seine Hufe waren auch bis auf die uns bekannte Tatsache, dass sie viel zu lang waren, absolut in Ordnung. Keine Rehe, kein Hufgeschwür, nichts. Und trotzdem. Auch nach der Bearbeitung war keinerlei Besserung in Sicht. Olly lief einfach grottenschlecht und er verbrachte den größten Teil des Tages lieber liegend als stehend.
Wir machten uns Gedanken, ob er den Weg von der Tränke zum schützenden Weidezelt überhaupt noch schaffte und Tom holte ihn runter von der großen Weide. Seine Weidekumpels wieherten ihm hinterher und er wieherte zurück. Naja, was man bei einem Muli so wiehern nennt.
Tom führte ihn die 600 Meter durch die Weidegasse hoch in einen Paddock, in dem er Wasser, Unterstand und Stall mit kurzen Distanzen erreichen konnte. Ausserdem hatten wir ihn dort wesentlich besser im Blick. Das Halfter anzulegen war wieder kein Problem, aber der Weg. Olly musste sich etwa alle 20 Meter hinlegen und eine Pause einlegen. Er schwitzte und pumpte und wir befürchteten, dass er uns kollabiert. Gut 2 Stunden dauerte es, bis Tom endlich mit Olly den Paddock erreichte. Wir brachten ihn ins schützende Weidezelt und Olly ließ sich gleich erschöpft auf die Seite fallen. Zur Gesellschaft stellten wir unsere 30 Jahre alte Rentnerstute Fairy dazu. Eine gemütliche, alte Dame, die ihm ganz sicher keinen Stress bereiten würde.
Ich denke, Olly war das alles zu diesem Zeitpunkt sowieso egal. Er war froh, dass er geschützt liegen konnte mit Wasser, Futter und Heu in direkter Nähe und einfach nur sein Leben hatte.
So weit, so gut. Aber was war die Ursache für das alles? Es folgte das volle Programm. Tierarzt, Physiotherapie, Osteopathin, Blutuntersuchung, etc. Die Ursache für seine Symptomatik war uns allen ein Rätsel. Olly hätte in eine Klinik gemusst, um ihn umfangreich zu untersuchen, aber es war schlichtweg unmöglich, ihn in seinem Zustand zu transportieren. Nachdem hier vor Ort so gut wie alles an Krankheiten ausgeschlossen werden konnte, kamen wir zu dem Schluss dass Olly entweder einen heftigen Tritt von einem seiner Weidekumpels abbekommen hatte und daraufhin Nerven im Lendenwirbelbereich geschädigt wurden oder er vielleicht einen Schlaganfall erlitten hatte. Was auch immer. Olly lag und lag... und lag... und lag.
Fressen und Trinken funktionierte im Liegen. Zum Äppeln stand er auf, aber es kostete ihn unheimlich viel Kraft und er erinnerte von seiner Körperhaltung her an einen Hund, der gerade sein Geschäft verrichtet. Dieser Anblick trieb uns mehr als einmal die Tränen in die Augen.
Natürlich, wir dachten sehr oft darüber nach, diesem quälenden Zustand ein Ende zu bereiten und Olly zu erlösen. Wir sind keine Menschen, die ihre Tiere mit aller Gewalt am Leben erhalten. Wir sind aber Menschen, die davon überzeugt sind, dass Tiere uns sagen, wenn sie so weit sind. Und Olly war noch nicht so weit. Das zeigte er uns ganz deutlich. Wenn wir in den Paddock kamen, um ihm frisches Heu und Wasser zu bringen, hob er gleich den Kopf und schaute uns freudig an. Manchmal sprang er auch auf und kam uns mit hängendem Hinterteil ein paar Schritte entgegen gehoppelt. Olly lag sich also glücklicherweise nicht fest, was sicherlich sein Todesurteil gewesen wäre. Immer 5 Meter weiter bewegte er sich nach und nach komplett durch den gesamten Paddock, um dort Stück für Stück das Gras abzufressen, das er innerhalb seines Liegeradius finden konnte. Problematisch war nur (zumindest in meinen Augen), dass Olly im Bedarfsfall nicht schnell genug in seinen schützenden Unterstand flüchten konnte, so dass ich nach einem Starkregen zu ihm rannte, um ihn mit einem Badehandtuch trocken zu rubbeln. Beim nächsten Regen legte er sich ganz bewusst vor das Zelt, als wolle er sagen :"Hau ab mit Deinem doofen Handtuch! Ich bin nicht aus Zucker und ich find Regen toll!"
Olly bekam in den darauffolgenden Wochen Schmerzmittel und eine gut abgestimmte Mischung aus unserer Hexenküche in Form von Säften, Tabletten und Pülverchen, aber das alles verbesserte seinen Zustand nicht. Wir arbeiteten mit einer Magnetfeld Matte, die Tom ihm jeden Abend für 20 Minuten auflegte. Dies bewirkte zwar keine deutliche Verbesserung, aber man sah, wie unter der Matte gewisse Bewegungen aufkamen. Leichte Muskelkontraktionen zeigten sich, die Faszien tanzten Samba und wir freuten uns riesig. Offenbar hatte er doch noch Gefühl in der Hinterhand. Ollys Blutwerte waren in Ordnung, aber um einer eventuellen Entzündung entgegen zu wirken, setzten wir Blutegel an, die sich mal mächtig vollfressen durften.
Und so gingen die Wochen ins Land. Mittlerweile dokterten wir seit 8 Wochen an Olly herum und er hatte alles bereitwillig über sich ergehen lassen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Weglaufen konnte er ja nicht.
Dann hatte eine Freundin von uns die Idee, es mal mit Körperbändern nach der "Tellington Methode" zu versuchen. Hierzu werden das Hinterteil und die Brust anhand elastischer Bandagen in einer bestimmten Technik miteinander "verknotet", wodurch das Pferd ein ganz neues Körpergefühl bekommen soll. So ganz konnten wir nicht an diesen Hokuspokus glauben. Als wenn so ein paar Strippen was bewirken könnten. Blödsinn.
Wir bemerkten aber, dass Olly innerhalb kürzester Zeit mobiler wurde. Er stand nun auch zum Fressen und Trinken auf, legte größere Distanzen zurück und erweiterte seinen Wirkungskreis. Eines Morgens mussten wir ihn suchen und fanden ihn schließlich an dem Zaun, der den Paddock von der Fohlenweide trennte. Hier hatten wir ihn ja mal gar nicht vermutet, da er einen Weg von gut 50 Metern zurück gelegt hatte, um dort hin zu gelangen. Ein paar Tage später wiederholten wir die Behandlung. Und siehe da - dies gab seiner Mobilität noch einmal einen Schub. Er fing an zu traben, galoppierte sogar ein Stück und trat nach hinten aus, wenn wir ihm zu sehr auf den Keks gingen. Zum ersten Mal freuten wir uns, dass wir von ihm einen vor den Latz bekamen. Ollys Körperhaltung veränderte sich. Er baute langsam wieder Muskeln auf. Tagtäglich begeisterte Olly uns aufs Neue mit seinen Fortschritten.
Allerdings tat sich nun eine neue Baustelle auf...
Eines Tages bemerkten wir, dass ungewöhnlich viele Fliegen um Olly herumschwirrten. Bei Fairy tummelten sich nicht so viele Fliegen. Was also war es, das Olly so lecker machte? Tom fasste ihm unter den Bauch, um diese summende Invasion zu vertreiben. Plötzlich sagte er: "Iiiiiihhhhhh? Was ist das denn?" und hielt ein Stück felliges Etwas zwischen den Fingern. Bei genauerem Hinschauen erkannte man, dass es sich um ein Stück Haut handelte. Wir konnten einen Blick unter Ollys Brust erhaschen und es stieg ein Würgereiz in uns auf. An seinem Brustbein befand sich eine große, klaffende Wunde, die an ein explodiertes Kotelett erinnerte. Das erklärte die ganzen Fliegen, die an seiner Brust eine willkommene Nahrungsquelle gefunden hatten. Wir konnten diese Stelle zuvor nie sehen, da Olly stets völlig krumm stand oder eben lag.
Er hatte sich durch das wochenlange Liegen einen riesigen Dekubitus zugezogen, bei dem große Teile des Gewebes geschädigt worden sind.
Was tun? Als erstes mussten wir die Stelle desinfizieren und ich fuhr für den Anfang schwere Geschütze auf, die Olly überhaupt nicht so super fand : Wasserstoffperoxid. Es schäumte wie verrückt und ich - die eigentlich keiner Fliege was zu Leide tut - musste grinsen bei der Vorstellung, eine riesige Fliegen Nachzucht zerstört zu haben. Als nächstes warf ich eine Handvoll Zeolith Pulver in die Wunde. Das wirkt entzündungshemmend, entgiftend und ist einfach das absolute Zauberzeug, mit dem wir auch in der Vergangenheit schon schlimme, eiternde Verletzungen in den Griff bekommen haben.
Olly ließ das alles mal wieder geduldig über sich ergehen.
Nun überlegten wir, womit wir die Wunde abdecken können. Kompressen haben wir ja immer da, aber mit handelsüblichen Pflastern kann man bei Fell nichts ausrichten. Mithilfe von Lammfell Gamaschen bastelten wir für Olly einen Latz, der die Wunde zumindest vor Schmutz schützen würde und das Brustbein wenigstens ein kleines bisschen abpolstert, wenn er sich wieder drauf legt. Wir hatten sie irgendwo ganz hinten in unserem Lager gefunden, und legten sie Olly mithilfe von elastischen Kompessionsbinden an. Sie passten perfekt. Ollys Wunde wurde in den kommenden Tagen immer wieder mit Desinfektion und Zeolith Pulver versorgt. Statt Wasserstoffperoxid verwendeten wir nun Kochsalzlösung. Aber damit dieser überdimensionale Krater richtig abheilen kann, muss das Brustbein nun regelmäßig mit ordentlichen Wundverbänden versorgt werden. An diesem Punkt bin ich wirklich sehr froh, dass ich mir zumindest theoretisch als Altenpflege-Helferin die nötigen Kenntnisse aneignen durfte. Danke an dieser Stelle an meine Chefin Jacqueline, die immer wieder meinen Wissensdurst stillt. Ich bestellte im Internet jede Menge Verbandsmaterial, von Schaumverbänden über Hydrogel bis hin zu Pflastern, die sich hervorragend auf Fell anbringen lassen. Schließlich will ich Olly nicht auch noch die Brust rasieren. Er hat echt genug durchgemacht. Alle 2 Tage wechsele ich nun den Verband und habe bereits innerhalb einer Woche tolle Erfolge erzielt. Man kann förmlich zuschauen, wie die Wunde immer kleiner wird.
Da Olly beim Verarzten schnell ungeduldig wird, muss ich im Vorfeld mit den Verbandsmaterialien eine Art Sandwich bauen, das ich schnell an der Brust befestigen kann. Die Lammfell Gamaschen werden nach wie vor zum Fixieren eingesetzt. Falls Ihr also ne Wundschwester für Tiere sucht... ich bin jetzt Experte. 🤣 Glücklicherweise liegt Olly mittlerweile nur noch wenig. Ansonsten hätten wir ihm noch ein Antidekubituskissen gebaut, um den Druck auf das Brustbein zu verringern. Den Bauplan hatte ich schon im Kopf. 😉
Bald haben wir es geschafft, Olly. Das bekommen wir auch noch hin.
Danke, dass Du in den letzten 3 Monaten so sehr gekämpft hast und uns immer wieder gezeigt hast, dass Du nicht aufgeben willst.
Danke, dass Du uns nun vertraust und spürst, dass wir Dir nichts Böses wollen.
Wir können Dich nun ans Halfter nehmen.
Wir können Dich durchkuscheln und Du kannst es endlich genießen.
Wir können Dir völlig problemlos - freistehend und ohne Fangstand - die Hufe bearbeiten.
Danke für Deine Kraft und Deinen Lebenswillen. ❤️❤️❤️