16/08/2026
Ein bisschen falsch ist immer noch falsch
Die Diskussion um das Dressurreiten wird mittlerweile aus fachlicher Sicht eher absurder. Es wird oft argumentiert, dass die Pferde weniger eng seien
Aber: Ein bisschen hinter der Senkrechten dauerhaft ist halt immer noch ein beständig falsches Gehen des Pferdes mit all seinen Ursachen beziehungsweise Folgen.
Und auch wenn das Pferd nicht hinter der Senkrechten geht, gibt es noch viele weitere Kriterien, die dazu führen, dass ein Ritt nach klassischen Kriterien eben nicht korrekt ist. Wie zum Beispiel die Reinheit bzw. Natürlichkeit der Gänge, die ich in einem der letzten Beiträge ansprach.
Das korrekte Stehen an den Hilfen- Genick höchster Punkt, Stirn-Nasenlinie nicht hinter der Senkrechten bei leichter Anlehnung- ist in der klassischen Reitlehre nicht umsonst kein «nice to have», sondern ein unabdingbares Kriterium. Nur diese korrekte Haltung zeugt von korrekter, pferdefreundlicher Ausbildung und einer relativen Aufrichtung. Und im ursprünglichen Sinne ging es ja um die Überprüfung der Ausbildung, nicht vorrangig um eine gezeigte Leistung in der Prüfung. Nur durch dieses richtige Gehen ist der Reiter in der Lage, das Pferd behutsam zu gymnastizieren und auf die Hinterhand einzuwirken. Nur wenn das Pferd so korrekt am Zügel steht, ergibt sich zum Beispiel eine Rahmenerweiterung, die Verstärkungen weg vom Showtrab überhaupt sinnvoll macht.
Mein persönliches Fazit: Solange ich ohne Suchen zu müssen sofort und durchgängig eklatante Fehler sehe, hat sich nichts verbessert.
Es sagt viel über dieses falsche System des Reitens aus, wenn eine Umstellung zum Besseren nicht in kurzer Zeit möglich ist. Denn dann handelt es sich gesichert um ein systematisches Ausbildungsproblem und die Veränderung eines Korrekturpferdes bedarf eben langer Zeit, sofern sie gewollt und reell umgesetzt wird.
Meistens würde zur Beurteilung eines Rittes, wenn es um das Pferdewohl ginge, schon der regelmässige Blick ins Pferdegesicht genügen. Offene Mäuler, stramme Anlehnung, dauerhaft klappernde Unterlippe, hochgezogene Nüstern, in sich gekehrter Blick usw.- und ich spreche hier nicht von Momenten - sind deutliche Anzeichen von Stress, wenn nicht gar Schmerzen. Es wird Zeit, dass das mit in die Kriterien einfliesst. Das wäre für das Pferd hilfreicher als die zahlreichen schönen Worte und Umarmungen.
Ich bin nicht gegen den Sport. Ich würde ihn gerne mal wieder mit Freude ansehen können: Ich möchte wie früher einen Ahlerich erleben, der mal eben aus Lebensfreude und nicht aus Undurchlässigkeit, sondern auch, weil Pferde sich das da noch trauten, mal eben einen Renngalopp in der Prüfung einlegt, um danach in aller Ruhe und Korrektheit seine Prüfung fortzusetzen. Oder Reiter auf ländlichen Turnieren, die mit feiner Hand in korrekter Haltung reiten, auch wenn sich das unerfahrene Pferd vielleicht dann einmal heraus hebt. Ich würde mich freuen, gespitzte Ohren zu sehen, wache Pferde mit langen schönen Hälsen und persönlicher Ausstrahlung.
Ich will meinen Schülern Vorbilder im Sport nennen können und nicht ihnen erklären müssen, was falsch an dieser Reiterei ist-obwohl die Abweichungen von der klassischen Reitlehre dort mittlerweile so offensichtlich sind, dass sie es selber sehen.
Bild Dr. Reiner Klimke aus Grundausbildung des jungen Reitpferdes, S. 106