26/02/2023
Wären wir Hobbits, würden wir sagen: „Wir waren noch nie so weit von Zuhause weg“ - also sinngemäß, wir sind noch nie so weit am Stück gelaufen. Angefühlt hat sich das gestern ein bisschen wie „aufs Meer hinaus schwimmen ohne an den Rückweg zu denken“. Ich glaube ja fest, dass alle, die immer an den Rückweg denken, nicht so weit kommen wie sie könnten.
Gestern nahmen Melanie und ich also den zweiten Anlauf zum Mammutmarsch in Hamburg (das verkorkste vergangene Jahr ist somit abgehakt). 60 Kilometer zu den schönsten Stellen der Stadt (kann ich mir vorstellen, bin aber selten in Hamburg). Alster, Elbe, Blankenese und dabei die Hälfte der Zeit mit einem weiten Blick über das Wasser - das Meer gefühlt zum Greifen nah. Morgens bei Schnee und Graupel (in Maßen), dann bei Sonne und blauem Himmel.
60 Kilometer sind lang. Das wurde uns bewusst als wir zwischendurch immer wieder von netten Hamburgern und Hamburgerinnen gefragt wurden „Entschuldigung, was ist das, was machen Sie alle hier?“ - und dann in das immer gleiche freundliche aber leere und erschrockene Gesicht guckten.
Ja, das ist lang, eigentlich zu lang. Jetzt haben wir wieder lästige Blasen an den Füßen und sind am Tag danach wie immer nach „sowas“ noch etwas „dulle“ im Kopf (letzteres ist aber eigentlich ganz schön).
Warum? Diese Frage vorher ist so einfach wie schwer. Klar, wir wandern oder laufen gern, sind gern draußen, der Mammutmarsch ist immer sehr liebevoll von netten Menschen organisiert. Wer ins Ziel kommt, wird getragen von der großartigen Stimmung und ist glücklich, weil er „es“ geschafft hat. Stimmt alles - aber eigentlich geht es um die mehr als 13 Stunden vorher - die wir unterwegs sind - also die wir gestern unterwegs waren.
Ich hab immer das Gefühl, dass in diesen langen Stunden die eigene Befindlichkeit so schnell wechselt wie das Wetter in den Bergen - mit ähnlicher Wucht. Interessante Erfahrung. Immer wieder. Am Anfang: Nicht darüber nachdenken wie lange das hier wieder wird, nicht auf die Uhr schauen, nicht rechnen. Ich glaube, gestern habe ich bei km 24 zum ersten Mal geguckt. Vorher dachte ich mir - es ist doch egal. Du hast heute nichts anderes zu tun als hier langzulaufen und anzukommen. In Deinem Kopf muss nur dieser eine Gedanke sein. Das ist eigentlich die Antwort auf die Frage „Warum?“. Ein Gedanke im Kopf - nur der - sonst nichts. Mehr Entspannung kann ich mir kaum vorstellen und dazu kommen unweigerlich etliche, teils unerwartete positive Gefühle an die Oberfläche, die irgendwo in den Ecken des sonst so angestrengten Gehirns rumliegen. Erinnerungen, Pläne, Gedanken zu anderen Menschen. Das sind immer wieder ausschließlich schöne, herzliche Gefühle. Darum.
Aber das Wetter ändert sich, es wird anstrengend. Kälte. Müdigkeit. Es gibt immer Probleme unterwegs - und die müssen gelöst werden. Werden sie. Auch das ist eine Antwort auf die Frage „Warum“. Es ist zutiefst befriedigend unterwegs ein Problem zu lösen, festzustellen, dass es weitergeht auch wenn nichts dafür sprach.
Gestern hielten sich unsere Probleme zum Glück auch in Grenzen und wir konnten ganz nebenbei noch den etwa 18-jährigen Hamburger Justin mit ins Ziel ziehen. Bei km 52 tauchte er plötzlich auf und wollte so gern aufgeben. Alles habe ihm weh getan. Ich weiß nicht, ob es am Ende sein Dickkopf war oder meine Anmerkung, dass das alles jetzt sowieso weiter weht tut - auch wenn er aussteigt. Einziger Unterschied: Er wird sich den ganze Sonntag ärgern - oder eben, er ist den ganzen Sonntag stolz. Stolz war er dann umgehend hinter der Ziellinie.
Wir auch - und froh… über das Taxi ins Hotel.
Die Saison ist damit eröffnet. Ich hoffe, das Jahr bleibt so munter. Melanie und ich haben ja das eine oder andere vor.