04/06/2026
Physiotherapie gilt im System als Kostenpunkt. Dabei ist sie einer der wirksamsten Sparhebel, den wir haben. Und genau jetzt droht die Politik, das Gegenteil zu tun.
Erst die Fakten:
Muskel-Skelett-Erkrankungen sind nach Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland — und verursachen über 30 Milliarden Euro Wertschöpfungsausfall pro Jahr. Ein einzelner AU-Tag kostet die Volkswirtschaft im Schnitt rund 220 Euro.
Bringt eine leitliniengerechte, frühe Physiotherapie einen Patienten auch nur eine Woche früher zurück in die Arbeit, sind das über 1.000 Euro pro Fall — plus eingespartes Krankengeld, plus vermiedene Folgekosten durch Chronifizierung, plus ein Mensch, der schneller schmerzfrei und mobil ist. Multipliziert mit hunderttausenden Fällen: ein Milliardenhebel.
Das Problem: Genau diese frühe Therapie kommt oft zu spät. In vielen Regionen warten Patienten drei Wochen und länger auf den Behandlungsbeginn (ZVK-Wartezeitenbarometer). Der Grund ist der Fachkräftemangel — die Physiotherapie ist im Gesundheitswesen der Engpassberuf mit den meisten unbesetzten Stellen, rund 86 % bleiben unbesetzt.
Und statt das zu beheben, plant die Politik das Gegenteil.
Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (erste Lesung im Bundestag am 12. Juni) sieht die Rückkehr zur Grundlohnsummenbindung vor — verschärft um einen Abschlag von 1 Prozent, nach einem Preismoratorium 2027. Also genau der Mechanismus, der die jahrelange Unterfinanzierung verursacht hat und 2019 bewusst abgeschafft wurde.
Die Folgen, laut Berechnungen der Heilmittelverbände:
→ Allein in der Physiotherapie eine jährliche Deckungslücke von knapp 700 Millionen Euro ab 2029.
→ Ein Medianeinkommen von schon heute nur 3.228 Euro brutto in Vollzeit — dem niedrigsten unter vergleichbaren Gesundheitsberufen.
→ Ein Sockel-Effekt: Einmal abgesenkt, wachsen alle künftigen Steigerungen von einem niedrigeren Niveau aus.
Das treibt weitere Fachkräfte aus dem Beruf — und niedrige Lebenseinkommen, gerade bei Selbstständigen, Richtung Altersarmut, die am Ende die Sozialsysteme zusätzlich belastet.
Das Bittere: Es ist eine Sparlogik, die nur auf das kleine Heilmittel-Budget schaut — und die weit größeren Folgekosten ausblendet. Man spart an der Therapie und zahlt bei Arbeitsunfähigkeit, Pflege und Frühverrentung ein Vielfaches.
Dabei wäre der Weg klar — und für alle ein Gewinn:
→ Für Patienten: schneller schmerzfrei, mobil, arbeitsfähig.
→ Für Kassen und Arbeitgeber: weniger Krankengeld, weniger Produktionsausfall, weniger Folgekosten.
→ Für die Physiotherapie: bessere Bedingungen ziehen Fachkräfte an und entschärfen den Engpass.
Physiotherapie stärker zu fördern ist keine Ausgabe, die man sich leistet. Es ist eine Investition, die sich für alle rechnet.
Wer am Fundament der Versorgung spart, verschiebt die Kosten nur — in die Zukunft, und ins Vielfache.
Die Datenlage ist eindeutig. Die Richtung der Reform ist nachweislich falsch.
Wie seht ihr das?