27/06/2026
Bei über 35 Grad aufs Turnier? Ich sage: Nein.
Ich schreibe das nicht als jemand, der von außen auf den Turniersport schaut. Ich schreibe das als jemand, der selbst früher Turnierreiter war. Ich kenne diesen Sport. Ich kenne die Vorbereitung, die Aufregung, die Nennungen, die langen Turniertage, den Ehrgeiz, die Enttäuschung, wenn man nicht starten kann, und dieses Gefühl, dass man „jetzt doch nicht alles umsonst gemacht haben will“. Ich weiß, wovon ich rede. Und gerade deshalb sage ich so klar: Bei über 35 Grad mit dem Pferd aufs Turnier zu fahren, ist in den meisten Fällen nicht mehr vernünftiger Sport, sondern Ego.
Man hat genannt, hat Startgeld bezahlt, hat trainiert, hat sich vorbereitet, vielleicht sogar Urlaub genommen. Das Pferd ist fertig, der Anhänger gepackt, die Prüfung steht im Kalender. Ich kenne all diese Gedanken. Aber mein Pferd hat diesen Plan nicht gemacht. Mein Pferd hat nicht genannt. Mein Pferd hat nicht entschieden, bei brütender Hitze im Anhänger zu stehen, über einen aufgeheizten Parkplatz zu laufen, auf einem staubigen Abreiteplatz zu schwitzen und dann noch Leistung zu bringen. Das entscheide ich. Und genau deshalb trage ich die Verantwortung.
Dieses Schönreden muss aufhören. „Die Prüfung dauert doch nur ein paar Minuten.“ Nein. Der Turniertag dauert Stunden. „Mein Pferd ist fit.“ Fit heißt nicht unverwundbar. „Andere starten ja auch.“ Andere können auch falsch entscheiden. „Der Veranstalter hat nicht abgesagt.“ Dann muss ich als Reiter eben selbst den Anstand haben, abzusagen. „Wir haben Wasser dabei.“ Wasser macht aus extremer Hitze keinen pferdegerechten Wettkampftag.
Bei über 35 Grad ist nicht nur die Prüfung das Problem. Es ist der Transport, das Warten, die aufgeheizte Luft, die direkte Sonne, der Stress, die Insekten, der heiße Boden, die fehlende Erholung, der Kreislauf, die Muskulatur und die Konzentration. Während wir Menschen sagen können: „Mir ist schlecht“, „Ich kann nicht mehr“ oder „Ich höre auf“, macht das Pferd oft einfach weiter. Nicht, weil alles in Ordnung ist. Sondern weil es gelernt hat, uns zu folgen. Und genau das macht es so bitter.
Wir nennen uns Pferdemenschen. Wir reden von Partnerschaft, Vertrauen, Verantwortung, feinem Reiten und Horsemanship. Aber was ist diese Partnerschaft wert, wenn wir bei extremer Hitze trotzdem verladen, nur weil wir nicht auf einen Start verzichten wollen? Ein Pferd muss nicht erst taumeln, damit eine Entscheidung falsch war. Es muss nicht erst apathisch werden, damit wir merken, dass es zu viel war. Es muss nicht erst der Tierarzt kommen, damit wir von Tierschutz sprechen. Tierschutz beginnt nicht im Notfall. Tierschutz beginnt bei der Entscheidung, gar nicht erst loszufahren.
Und ja, ich weiß, wie schwer diese Entscheidung fallen kann. Ich weiß, wie viel Arbeit in der Vorbereitung steckt. Ich weiß, wie viel Herzblut, Zeit und Geld in diesem Sport hängen. Ich weiß, wie bitter es ist, eine Prüfung zu streichen, auf die man hingearbeitet hat. Aber genau das ist der Punkt: Wenn mein sportliches Ziel nur funktioniert, indem mein Pferd bei extremer Hitze funktionieren muss, dann ist dieses Ziel nichts wert. Keine Schleife rechtfertigt das. Kein Ergebnis rechtfertigt das. Kein Richterbericht, kein Ranglistenpunkt, kein Pokal und kein „wir wollten nur kurz starten“ rechtfertigt das. Ein Pferd ist kein Gerät, das man trotz Warnsignal weiterlaufen lässt.
Natürlich müssen auch Veranstalter Verantwortung übernehmen. Natürlich müssen Prüfungen verschoben, angepasst oder abgesagt werden. Natürlich braucht es klare Grenzen. Aber wir Reiter dürfen uns nicht dahinter verstecken. Denn am Ende bin ich es, der den Hänger anhängt. Ich bin es, der das Pferd auflädt. Ich bin es, der abreitet. Ich bin es, der in die Prüfung reitet. Ich bin es, der entscheidet, ob mein Pferd heute leisten muss. Und wenn ich bei über 35 Grad auch nur einen Moment denke: „Eigentlich ist das zu viel“, dann ist die Antwort klar: Dann starte ich nicht.
Nicht aus Schwäche, aus Angst, weil ich übertreibe. Sondern weil ich mein Pferd ernst nehme. Weil Verantwortung manchmal bedeutet, den eigenen Plan zu streichen. Weil gutes Reiten nicht erst im Parcours, im Viereck oder auf dem Abreiteplatz beginnt, sondern genau dort, wo ich mein eigenes Ego zurückstelle. Und das sage ich nicht theoretisch. Ich sage es als jemand, der den Turniersport kennt, der selbst Teil davon war und der weiß, wie leicht man sich Dinge schönredet, wenn man unbedingt starten möchte.
Deshalb mein klarer Appell an alle Turnierreiter: Bitte lasst es. Lasst den Start bei über 35 Grad. Lasst das Verladen in der Mittagsh*tze. Lasst dieses „wird schon gehen“. Lasst dieses „die anderen machen es doch auch“. Lasst dieses „wir fahren nur kurz hin“. Lasst dieses „jetzt haben wir schon bezahlt“. Bleibt zuhause, sagt ab, streicht die Prüfung und schützt eure Pferde.
Ein wirklich guter Reiter beweist sich nicht dadurch, dass er bei jedem Wetter startet. Ein wirklich guter Reiter beweist sich dadurch, dass er sein Pferd schützt, wenn es darauf ankommt. Und bei über 35 Grad kommt es darauf an. Bitte fahrt nicht. Bitte startet nicht. Bitte lasst es, euren Pferden zuliebe.
Wenn euch dies genauso wichtig ist, teilt diesen Beitrag für unsere Pferde.
Und vielleicht schaffen wir noch den ein oder anderen Reiter der zweifelt, davon zu überzeugen, das er dieses Wochenende mit seinem Pferd zuhause bleibt.
Euer Tommy