10/04/2018
Ihr habt nur einen Beckenboden 😉
Was nützt es euch, wenn ihr knallenge Leggins tragen könntet, wenn ihr drunter eine Inkontinenzwindel braucht....
Das Trampolin – Fluch oder Segen? (Teil 2)
oder
Stärkt Sport den Beckenboden?
Während es im ersten Teil um das kindliche Verletzungsrisiko beim Trampolinspringen ging, widme ich mich heute den möglichen Folgen auf den weiblichen Beckenboden.
Der Beckenboden hält die Beckenorgane an ihrem Platz und ist verantwortlich für die Verschluss- und Öffnungsmechanismen von Harnröhre, Va**na und A**s (Almeida et al. 2015). Funktioniert er nicht richtig, kann es daher zu Problemen wie Inkontinenz und sexuellen Dysfunktionen kommen.
Lange Zeit dachte man, Sportlerinnen hätten einen besonders starken Beckenboden und daher ein geringeres Risiko für Inkontinenz (Eliasson et al., 2002). Je nach Sportart kann jedoch das Gegenteil der Fall sein! Sportarten mit hoher Kraftanstrengung oder hohen einwirkenden Kräften belasten den Beckenboden und erhöhen das Risiko für Harninkontinenz, Windinkontinenz und sexuelle Dysfunktionen, wie Almeida et al. in einer brasilianischen Studie von 2015 feststellen.
Die Wissenschaftler befragten 163 Amateursportlerinnen und Nicht-Sportlerinnen. Die Sportlerinnen klagten öfter über Inkontinenz, vor allem bei Sportarten wie Kunstturnen, Trampolinspringen, Schwimmen und Judo. Die Schlussfolgerung der Forscher lautet, man müsse Sportlerinnen über Risiken aufklären und Präventionsprogramme anbieten.
Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Speziell beim Trampolinspringen wirken sehr hohe Kräfte auf den Beckenboden, stellen Eliasson et al. in einer schwedischen Studie von 2002 fest. Die Forscher befragten alle Elite-Trampolinspringerinnen des Landes zum Thema Inkontinenz. Ganze 80% (!) klagten über Harnverlust beim Trampolinspringen. Die Befragten waren kinderlos und 12-22 Jahre alt, wobei von den über 15jährigen ALLE inkontinent waren.
2008 weitete Eliasson, diesmal mit anderen Kollegen, die Erhebung aus und befragte 305 ehemalige Trampolinspringerinnen, die 18-44 Jahre alt waren (durchschnittlich 21), großteils keine Kinder hatten und ihre Trampolinkarriere schon vor Jahren beendet hatten. Von denjenigen, die damals beim Springen inkontinent waren, litten 76% nach wie vor unter unfreiwilligem Harnverlust. Ihr Beckenboden hatte sich also auch Jahre später noch nicht wieder erholt. Je länger und häufiger sie trainiert hatten, desto höher war ihr Risiko für Inkontinenz.
Eine neuere, portugiesische Studie (Da Roza et al., 2015) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 72,7% der befragten Leistungs-Trampolinspringerinnen klagen über Harninkontinenz beim Springen. Je öfter die Frauen trainieren und je höher das sportliche Niveau, desto schwerer der Grad der Inkontinenz. Die Wissenschaftler betonen, dass Sportlerinnen informiert und von Therapeuten o.ä. unterstützt werden müssen, da sie Beschwerden aus Scham oft nicht thematisieren.
Kurz zusammengefasst: Trampolinspringen und auch andere „High-Impact-Sportarten“ stärken den Beckenboden nicht, sondern belasten ihn. Die neue Trendsportart „Jumping“ sehe ich daher kritisch, vor allem, wenn sie als eine Art Rückbildung verkauft wird. Ja, die verwendeten Trampoline sind wesentlich kleiner als die untersuchten Hochleistungstrampoline und erreichen daher auch nicht deren hohe Beschleunigungen, doch die Beckenböden der Teilnehmerinnen sind auch wesentlich weniger belastbar als die von jungen, kinderlosen Sportlerinnen. Und selbst die werden zum Großteil inkontinent durch das Springen!
Der Beckenboden ist für solche Beschleunigungen schlichtweg nicht gebaut. In meinen Rückbildungskursen sehe ich wöchentlich, dass die Mehrzahl der Teilnehmerinnen Probleme hat, ihre Wirbelsäule, Bauchmuskulatur und Beckenboden in statischen Positionen zu stabilisieren. In der Dynamik ist das noch wesentlich schwerer! Laufen ist z.B. schon eine sehr hohe Belastung für den Beckenboden, mit der daher auf keinen Fall zu früh begonnen werden darf.
Aber beim Trampolinspringen wirkt ein Vielfaches dieser Kräfte auf den Beckenboden. Nicht umsonst höre ich bei meinen Rückbildungskursen immer wieder den folgenden Satz so oder so ähnlich: „Ich dachte eigentlich, mein Beckenboden funktioniert schon wieder ganz gut. Aber gestern war ich auf dem Trampolin und hab gedacht, mir fällt gleich alles unten raus!“
Also, schont euren Beckenboden! Ihr habt nur den einen ;)
Quellen:
Almeida MB, Barra AA, Saltiel F, Silva-Filho AL, Fonseca AM, Figueiredo EM:
Urinary incontinence and other pelvic floor dysfunctions in female athletes in Brazil: A cross-sectional study (2015)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26369504
Da Roza T, Brandão S, Mascarenhas T, Jorge RN, Duarte JA.
Volume of training and the ranking level are associated with the leakage of urine in young female trampolinists (2015)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25010151
Eliasson K, Edner A, Mattsson E.
Urinary incontinence in very young and mostly nulliparous women with a history of regular organised high-impact trampoline training: occurrence and risk factors (2008)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18224267
Eliasson K, Larsson T, Mattsson E.
Prevalence of stress incontinence in nulliparous elite trampolinists (2002)
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12121428
Foto: http://www.mz-web.de/leben/fitte-spruenge---trainieren-auf-dem-trampolin-23651246