25/08/2026
Stichtag 25. August 1930. Vor 96 Jahren erklärt der Westdeutsche Spielverband die Spieler von Schalke 04 zu Profis und löst damit eine Tragödie aus, die letztlich den Mythos vom Schalker Markt begründet.
Seit dem Aufstieg in die höchste Liga 1926 gewinnen die Knappen vier Mal in Folge die Meisterschaft in der regionalen Ruhrbezirksklasse, erreichen anschließend stets die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft. 1927 und 1928 bedeutet für sie das Achtelfinale Endstation. Nach Einweihung der Glückauf-Kampfbahn im August 1928 kommt die Mannschaft um Ernst Kuzorra ihrem Traum wieder einen Schritt näher: 1929 und 1930 steht sie jeweils im Viertelfinale, gehört also bereits zu den acht besten Mannschaften im Land.
Zwei Wochen vor dem geplanten Start der Saison 1930/1931 hat der S04 zwei Freundschaftsspiele an einem Wochenende beim Dresdner SC (4:1) und beim BC Chemnitz (4:2) gewonnen, da zerstört ein drakonisches Urteil des Westdeutsche Spielverbands alle sportlichen Träume. Er erklärt folgende Spieler von Schalke 04 zu Berufsspielern: Emil Rothardt, Walter Badorek, August Sobotka, Ferdinand Zajons, Wilhelm Böke, Alfred Jaczek, Valentin, Hennes Tibulsky, Ernst Kuzorra, Fritz Szepan, August Simon, Wilhelm Kampmann, Wilhelm Neumann.
Der S04 habe Spielern zu hohe Spesen gezahlt und weitere finanzielle Vergünstigungen wie Darlehen und Geschenke gewährt, so das Vergehen. Dabei ist diese Praxis in vielen Vereinen üblich. Der Deutsche Fußball-Bund zahlt seinen Länderspielteilnehmern hohe Tagesspesen, Reisen im damals luxuriösen Schlafwagen und Übernachtungen in den besten Hotels.
Es ist nicht das einzige Urteil dieser Art. Elf Tage vorher hat es in einer Verhandlung in Düsseldorf schon Borussia Mönchengladbach getroffen, bei denen fünf Fußballer bestraft werden. Gesperrt wird außerdem der Sülzer Spieler und spätere Schalker Trainer Ferdinand Swatosch. Er soll bei dem Kölner Club 700 Mark monatlich verdienen.
Viele andere Verstöße gegen die Statuten werden in Deutschland indes nicht verfolgt. Der Dresdener Sportclub beispielsweise zahlt nachgewiesen regelmäßig Siegprämien von 50 bis 100 Reichsmark. Als die Frankfurter Eintracht zwei Wochen vor dem WSV-Urteil in der Glückauf-Kampfbahn gastiert, meckert ein Spieler der Hessen über seinen Kollegen: „Wozu bekommt der Kerl denn 250 Mark im Monat?“
Auf Schalke hat die jüngste Entwicklung besonders Finanzobmann Wilhelm Nier – auf dem Mannschaftsfoto zu diesem Artikel sieht man ihn in der oberen Reihe als Dritten von links –erschüttert. Das Geschick des kaufmännischen Beamten der Zeche Consolidation trägt ab 1924 entscheidend zum Aufstieg des S04 zu einem der besten Vereine in den 1920er-Jahren und dem gleichzeitig Bau des vereinseigenen Stadions, der Glückauf-Kampfbahn, bei.
Vielleicht sieht Nier die Sperre gegen ihn als Ehrverlust, möglicherweise will er Schaden vom Verein abwenden, indem er alle Schuld auf sich nimmt, als er einen folgenschweren Entschluss fasst: Der Finanzobmann nimmt sich drei Tage nach Verkündung des Urteils, am 28. August 1930 das Leben, ertrinkt im Rhein-Herne-Kanal. Er wird nur 39 Jahre alt, hinterlässt seine Ehefrau Käthe sowie die kleinen Kinder Helmut und Ursula.
Sein Begräbnis am 31. August 1930 gerät zu einem großen Zeichen der Solidarität: mit Schalke 04 und vor allem mit Willi Nier. Mehr als 6000 Menschen erweisen ihm die letzte Ehre. Lautsprecher übertragen die Rede des Zweiten Vorsitzenden Wilhelm Münstermann: „Dein Tod wird unser Werk weitertreiben! Dein Tod wird dem gesamten deutschen Sporte neue Wege und Ziele zeigen müssen! Du hast getan, was Du konntest. Dafür habe Dank.“ Die „Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung“ schreibt von einem Urteil „in weltenferner Verblendung, das zum Todesurteil für einen geraden und ehrlichen Sportmann wurde (...) Die Männer der Spruchkammer – sie wussten nicht, was sie taten.“
Von den lebenslangen Spielersperren wird nicht eine durchgesetzt: Binnen neun Monaten sind alle Fußballer begnadigt. Schalke 04 schafft in der Saison 1930/1931 mit einer Mischung aus Zweiter Mannschaft, A-Jugendlichen und Alten Herren den Klassenerhalt. Für den ersten Tag des Ablaufs der Sperre organisiert der Verein ein Freundschaftsspiel in der Glückauf-Kampfbahn. Jener Montag, der 1. Juni 1931, ist ein normaler Arbeitstag, doch Königsblau braucht dringend Geld und muss schnellstmöglich wieder spielen. Also lädt der S04 den Westdeutschen Meister Fortuna Düsseldorf ein.
Die Partie wird zu einer Demonstration der Verbundenheit der Menschen mit ihrem Verein. Bei Anpfiff stehen geschätzte 70.000 (!) Fans bis an den Seitenlinien, Kinder liegen auf den Tornetzen, während Zehntausende noch in den Straßen vor den Stadiontoren stehen. Was die Fans bewegt, drücken sie immer wieder in diesem einen Gesang aus, der überall zu hören ist: „Aber eins, aber eins, das bleibt bestehn, der FC Schalke darf nicht untergehn!“ Willi Niers Club wird endgültig zum Mythos.