06/11/2023
Heute möchte ich euch meinen liebenswerten Schüler, den Mahdi vorstellen. 😊
Es ist mir eine Herzensangelegenheit darüber zu schreiben, da zu wenig über die positiven Dinge auf der Welt berichtet werden, aber es gibt sie und es gibt sie zu Genüge auch im Flüchtlingsumfeld. Wenn jeder von uns einen kleinen Teil zur Verbesserung unserer Gesellschaft beiträgt, mit Empathie, Verständnis und Güte, dann machen wir die Welt Stück für Stück zu einem besseren Platz. Gebt Hetze, Antisemitismus, Rechtsradikalität und diesem ganzen Mist keinen Platz in unserer Gesellschaft und unseren Köpfen.
Und lasst uns dankbar dafür sein, dass wir in einem geschützten, sicheren und warmen zu Hause leben dürfen und jeden Tag Essen auf dem Tisch, frisches fließendes Wasser und Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, egal wie scheiße es manchmal im Leben läuft.
Die (Erfolgs-)Story wird etwas länger und ich hoffe sehr, dass ihr euch die Zeit zum Lesen nehmt.
Mahdi kam vor 2 Jahren (damals 15 Jahre), mit seiner 3 jährigen Cousine, zu einem Probetraining zu mir in die Schule. Er konnte noch kein Wort deutsch, so kommunizierten wir anfangs nur auf englisch. Von Stunde eins an war er mir sehr sympathisch, auch im herzlichen und respektvollen Umgang mit seiner Cousine.
Er war unglaublich schüchtern, gar eingeschüchtert und sehr zurückhaltend, aber hatte ein offenes und begeisterndes Herz für die Kampfkunst. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts über seine bisherige Lebensgeschichte.
Nach seinem zweiten Probetraining bei den Jugendlichen wollte ich den Mitgliedervertrag mit ihm abschließen, dabei teilte er mir mit, dass er sehr gerne weiter trainieren möchte, er aber nur ein kleines Taschengeld von seiner Betreuung (soziale Wohngemeinschaft) monatlich zur Verfügung hat. Davon muss er alltägliche Dinge wie Duschgel, Kleidung, Bücher uvm. selbst bezahlen.
Schnell war mir und meinem Bauchgefühl klar, dass es kein Zufall sein kann, dass er zu mir kam und mein Bauch mir sagte, lass ihn nicht gehen, er braucht dich und dein Training und du brauchst ihn auch.
Kurzum habe ich ihm einen Vorschlag unterbreitet. Er hilft mir in den nächsten Wochen im Kindertraining und ich nehme ihn kostenlos auf. Alles unverbindlich und wenn wir feststellen, es macht ihm wider Erwarten keine Freude oder er fühlt sich unwohl, dann ist es für beide Seiten eine Erfahrung wert und wir gehen freundschaftlich auseinander.
Dazu kam es glücklicherweise nie, denn mein Bauchgefühl hatte sich bestätigt! 😊
Im Laufe der letzten zwei Jahre lernten wir uns auch privat immer besser kennen und er öffnete sich mir mit seiner Fluchtgeschichte aus dem Iran, die mir bis heute noch ins Mark geht.
Mit nicht einmal 12 Jahren traf er eigenständig, im Einverständnis seiner Eltern, die Entscheidung aus dem Iran zu fliehen. Er wollte einer Zukunft aus Gewalt, Korruption und Unterdrückung den Rücken kehren. Was für eine reife und doch gefährliche Entscheidung in diesem Alter. Unwissentlich, dass die Flucht das härteste sein würde, was er je erleben würde. Seine Eltern und seinen kleinen Bruder ließ er schweren Herzens zurück, da das Ersparte der Familie nur für einen Flucht-Platz bei einem "Schlepper" reichte.
Die Flucht erstreckte sich über die Türkei, mit sehr kalten Nächten in den Wäldern versteckt, mit der Angst entdeckt und wieder in die Heimat ausgewiesen zu werden. Glücklicherweise halfen ihm andere Familien und Frauen auf diesem langen, kalten Weg und gaben ihm den notwendigen Halt, etwas Geborgenheit und Sicherheit. Schließlich erreichte er Griechenland und wurde dort für ungefähr ein Jahr aufgenommen, lernte griechisch und ging dort zur Schule. Sein Ziel war allerdings Deutschland, da hier seine Tante, seine einzige Familie außerhalb des Irans, auf ihn wartete.
Mittlerweile hat er seinen Hauptschulabschluss mit einem 1er Durchschnitt in der Tasche, schwäbelt ein bisschen und ist immer gut gelaunt wenn wir uns sehen. 😊
Er ist zu einem aufstrebenden, aufgeschlossenen und gutherzigen jungen Mann herangewachsen und dieses Jahr 18 geworden.
Seit letztem Monat hat er eine Ausbildungsstelle zum Leichtflugzeugbauer begonnen, für die er sich bereits in seinem Praktikum sehr eingesetzt und engagiert hat und absolviert damit parallel auch seinen Realschulabschluss.
Jeder Handwerksbetrieb sucht im Übrigen dringend Nachwuchsfachkräfte, welche wir ohne Zuwanderung gar nicht mehr abgedeckt bekommen!
Ich bin sehr froh Mahdi mittlerweile als Familienmitglied, auch in meinem privaten Umfeld, bei mir zu haben. Denn er ist für mich ein großes Vorbild, mit seiner Ausdauer, Herzlichkeit, Empathie und seinem Mut.
Die Kampfkunst prägt den Charakter und stärkt den Willen. Er kam einmal zu mir und sagte "Si-Hing, wenn ich bei dir Wing Tsun trainiere, dann geht es mir danach mit meinen chaotischen und negativen Gedanken immer besser."
Ich wünsche ihm auf seinem Wege das Allerbeste, hoffe er kann schon sehr bald seine Familie in die Arme schließen und dass wir uns nie wieder aus den Augen verlieren.
Danke Mahdi, dass du mir zeigst, was es bedeutet mutig zu sein, nicht aufzugeben und mir die Hoffnung schenkst, dass es noch Gutes in dieser Welt gibt!