12/12/2021
Hallo liebe TaucherInnen und Freunde des Unterwassersports,
wir wünschen euch einen gemütlichen 3. Advent 😊
Letzte Woche kündigten wir es schon an. Heute nehmen wir euch mit zu einem der schönsten Wracks des Roten Meeres- der SS Thistlegorm (die Blaue Distel).
Das 126m lange und 17,5m breite Frachtschiff wurde im Jahr 1940 von der britischen Werft Thompson&Sons gebaut und in Sunderland bei Newcastle vom Stapel gelassen. Ursprünglich nicht für den militärischen Einsatz erbaut wurde sie jedoch zeitnah hierfür requiriert und sollte die 8. britische Armee in Nordafrika mit Nachschubs Gütern versorgen. Mit einer Ladekapazität von knapp 5000 Tonnen hatte sie eine schier unvorstellbare Masse an Kriegsgütern geladen. Auf den Inventurlisten fanden sich Gewehre, Artilleriegranaten, Motorräder, Jeeps, LKWs, Eisenbahnloks,- Waggons,- und Container, Flugzeugflügel bis hin zu Gummistiefel und Uniformen. Die SS Thistlegorm war mit ihrer empfindlichen Ladung auf einer beschwerlichen Fahrt von England um das Kap der guten Hoffnung in Ägypten angekommen und lag in der Nacht des 6.Oktobers 1941 am Eingang des Suez Kanals vor Anker und wartete auf die Möglichkeit der Einfahrt. Geschützt durch das große Riffsystem von Sha ´ab Ali auf der einen und der Sinai Küste auf der anderen Seite liegt hier ein ca. 8km langer Meeresstreifen mit einer Durchschnittstiefe von ca. 30m. Im Norden ist dieser Ort von einer zusätzlichen Riffkette geschützt und bietet so selbst für große Schiffe einen recht ruhigen Ankerplatz. Trotz umsichtiger Sicherheitsvorkehrungen wurden das große Frachtschiff in der Nacht von einem, auf Kreta stationierten, deutschen Langstreckenbomber entdeckt. Unter Beschuss geraten trafen zwei der deutschen Bomben das Schiff und drangen in den vierten Laderaum, welcher als Munitionslager diente. Die nachfolgende Explosion sprengte den gesamten Heckbereich der SS Thistlegorm ab. Durch diesen nächtlichen Angriff verloren 9 der 49 Besatzungsmitglieder ihr Leben.
Der Frachter sank bei 27° 48.840 ´N und 33° 55.210´E aufrecht auf den ebenen Sanduntergrund, wobei der Heckbereich eine leichte Neigung zur Backbordseite hat. 15 Jahre ruhte das Wrack hier unangetastet, bis es von dem bekanntesten Mützenträger der Tauchszene wiederentdeckt wurde. J. Cousteau betauchte die Blaue Distel 1956 auf einer seiner frühen Fahrten mit der „Calypso“ erstmals. Obwohl die Entdeckung einiges Aufsehen erregte, geriet das Wrack schnell wieder in Vergessenheit. Erst um 1991 etablierte sich hier die Tauchsportszene und machte den Frachter zu einem der beliebtesten Spots im ganzen Roten Meer.
Selbstverständlich lassen wir uns dieses geschichtliche Highlight nicht entgehen. Und so legen wir am späten Vormittag über der „Distel“ an. Dies ist bedingt durch Wind und Welle, sowie die zahlreichen anderen Safarischiffe kein ganz leichtes Unterfangen für unsere Crew und wir müssen uns vorerst in Geduld üben bis wir sicher, mit dicken Leinen unten am Wrack vertäut sind. Bei dieser Gelegenheit konnte unser Guide auch gleich die vorherrschenden Bedingungen für uns ausloten. Den erfahrenen roten Meer Taucher wird es wenig verwundern, dass uns unter der Oberfläche, wie so oft, eine nicht unbeträchtliche Strömung erwartete. Oben die Wellen, unten der Strom, somit heißt es für uns wieder einmal: Flossen an, Maske auf, Jacket leeren, Stöpsel rein und ans Decksende gewatschelt. Hier instruiert uns der Guide: „Macht es nicht unnötig kompliziert. Da ist die Leine! Springt hin, greift zu und zieht euch nach unten, da wird die Strömung besser. Good Luck 😉!“ Bestimmt nicht der leichteste Start in das Tauchvergnügen, aber die Arbeit lohnt sich. Nach ca. der Hälfte der Strecke hinab, werden wir von einer Gruppe silbrig glänzender, großer Fledermausfische begrüßt. Dieser Anblick hilft schnell das hektische Treiben über Wasser zurückzulassen und ganz im Tauchgang anzukommen. Wir erreichen nach ein paar weiteren Flossenschlägen den Bug des Schiffes und beginnen uns von hier aus zum Heck vorzuarbeiten. Hier gibt es so unglaublich viel zu entdecken, dass man gut daran tut, mehrere Tauchgänge an der Thistlegorm einzuplanen. Da wir nicht zum ersten Mal hier sind und wissen, auf was für einem Spielplatz wir hier gelandet sind, haben wir vorsorglich ganze 4 Tauchgänge an diesem Spot geplant inklusive eines Nachttauchgangs😉 Daher stressen wir uns nicht und betauchen den Frachter vorerst gründlich von außen. Obwohl die Thistlegorm Opfer unzähliger Plünderungen geworden ist, gibt es noch reichlich zu bestaunen.
Neben dem Bewuchs, der sich mit der Zeit auf so einem gesunkenen Schiff ansiedelt und immer eine nähere Betrachtung verdient, erblicken wir auf diesem ersten Überflug Putzergarnelen, winzige Muränen, Feuerfische, Drachenköpfe und sage und schreibe 6 Napoleonlippfische, die friedlich ihre Kreise am zerstörten Frachtraum 4 ziehen. Vom Heck aus, dass auf knapp 30 Metern tiefe liegt, wenden wir uns kurz der Steuerbord Seite zu, um den hier freiliegenden Propeller zu bestaunen, welcher vor allem durch seine enorme Dimension beeindruckt. Viel weiter kommen wir im Moment aber nicht, denn die vom Bug kommende Strömung verleidet uns schnell den Spaß, sodass wir uns gemächlich oberhalb des Decks auf den Rückweg begeben. Nur wenige Stunden später sind wir zurück im Wasser und erkunden den Frachter bei Nacht. Wie immer scheinen wir urplötzlich in einer völlig anderen Welt gelandet zu sein. Das Wasser, welches tagsüber in allen erdenklichen Blau Schattierungen um uns leuchtet, ist nun schwarz. Die Sicht reicht nur so weit wie die eigene Lampe es zulässt, und hier passiert es. Der Fokus verändert sich. Freuen wir uns am Tag immer wieder über die Totale des weiten Blaus, bestaunen die gigantischen Ausmaße des Schiffs und nutzen diese für spektakuläre Aufnahmen, genießen wir nun die natürliche Limitierung. Wir verweilen bei den kleinen und kleinsten Lebewesen, die die Unterwasserwelt uns zu bieten hat. Wir suchen nach Schnecken und Garnelen, halten Ausschau nach Goldmuränen und sind fasziniert von Federsternen. Richten wir den Blick vor uns in die Ferne sehen wir vereinzelnd die Lichtkegel anderer Taucher, die wie unheimliche Suchscheinwerfer einer dystopischen Welt, die Gegend abtasten. Viel zu schnell sind unsere Luftreserven erschöpft und wir kommen zurück auf die Grand Sea Serpent. Die Tauchgänge des nächsten Morgens widmen wir nun dem inneren der SS Thistlegorm. Wir tauchen hinein in das Wrack und in die Geschichte, werden sozusagen Augenzeugen eines vergangenen Kriegs und seiner Ausmaße. Immer darum bemüht keine der neuen Bewohner zu stören und dass Sediment dort zu lassen, wo es hingehört, erkunden wir Frachträume, Mannschaftsquartiere und die Brücke mit dem Kapitänsbadezimmer. Wer Glück hat, trifft bei dieser Erkundung auch die im Wrack beheimatete Schildkröte. Voll Euphorie und Eindrücken, sagen wir der Blauen Distel stumm Lebwohl und bis Bald. Wir tauchen zu unserer Leine zurück, an der wir uns gestern hinein ins Abenteuer hangelten und kehren in die Welt über dem Meer zurück.
Wir hoffen wir konnten euch den Zauber dieses wundervollen Wracks ein wenig näherbringen und danken euch für eure Aufmerksamkeit, wenn ihr es bis hier hergeschafft habt. 😊 😉
Habt eine wundervolle Woche und übt schonmal die Luft anzuhalten, denn nächste Woche geht es zur Dunraven.