07/06/2026
Archer´s Paradox und Kyudo?
Diskussionsgrundlage...
Unter Archer´s Paradox verstehe ich, dass bei einem voll ausgezogenen Bogen die Linie des Pfeils, der am Bogen angelegt ist, direkt auf das Ziel zeigt – und auch trifft!
In dem Augenblick, in dem die Sehne losgelassen wird, bewegt sie sich nach vorne in Richtung Bogen. Das würde dazu führen, dass der Pfeil bei einer weiteren Beschleunigung bis zu dem Augenblick, an dem die Nock die Sehne verlässt, einen erkennbar größeren Winkel seitlich neben das anvisierte Ziel aufweist – und am Ziel vorbeifliegen müsste.
Das ist das Paradoxon: Er trifft, obwohl er nicht (mehr) auf das Ziel zeigt! Es „schlängelt“ sich um den Bogen herum.
Damit die entsprechende seitliche Abweichung (bei der Stauchumg im Abschuss) nicht zu groß oder zu klein ausfällt, damit der Pfeil bei der Gegenbewegung wieder in die korrekte Richtung des Ziels fliegen kann, arbeiten viele Bogenschützen mit dem Spine-Wert.
Das ist beim Schießen mit einem Bogen auch daher notwendig, weil – zum Beispiel beim Langbogen – der Pfeil auf der linken Bogenseite auf dem Zeigefinger direkt am Bogen anliegt – und die Sehne sich eng am linken Unterarm nach vorne bewegt. Hier ist kein Platz für eine starke Pfeilbiegung oder größere seitliche Bewegung der Sehne.
Daher muss der Spinewert passen.
Beim Olympischen Bogen (Recurvebogen mit Stabilisierungen) wird viel Zeit und Geld investiert, um genau die zum Bogen und Schützen passende Pfeilbiegung zu erreichen, so dass zur Kontrolle sogar unbefiederte Pfeile auf 20 bis 30 Meter in die Gruppe der befiederten Pfeile geschossen werden. Ich habe in meinen Wettkampfzeiten die unbefiederten Pfeile auch noch auf 70 Meter nahe an die befiederten Pfeile bekommen.
Ein Bogenschütze, der Pfeile auf der Daumenseite auflegt und schießt, hat einen größeren Sicherheitsabstand von Sehne und linkem Unterarm. Dazu kommt, dass er im Augenblick des Abschusses seinen Bogenarm mit dem Bogen (bei diversen Bögen) leicht nach links bewegt.
Damit hat der sich nach vorne bewegende Pfeil (und die Sehne) deutlich mehr Raum!
Während also der Pfeil sich (mit Stauchung) auf gerader Linie auf das Ziel zubewegt, ist die Bogenhand schon wenige Zentimeter weiter links. Wie weit die Bogenhand mit dem Bogengriff sich schon nach links bewegt hat, bevor der Nock die Sehne verlässt, ist von der aktiven Arbeit der linken Hand abhängig.
Beim Kyudo sollte sich (nach den alten Lehrbüchern) der Pfeil etwa auf der Höhe der Bogenhand von der Sehne lösen. Das entspräche in etwa der Spannhöhe, beim Kyudo zwischen 14 und 16 cm. Die alten Bücher bezogen sich auf das Kyujutsu, das Schießen in der Schlacht… und auf die Größe der Bogenschützen. Deutlich kleiner waren sie als heute, so dass man davon ausgehen könnte, dass der seitliche Abstand der Sehne zum Griff des Kyudobogens etwa 12 cm beträgt, wenn sich der Nock von der Sehne löst.
Das passt dann damit zusammen, dass sich die Sehne beim Rutschen aus der Sehnengrube des Kyudohandschuhs auch leicht nach rechts bewegt… und dann nach vorne.
Zurück zum Archers paradox: Da der Pfeil im Kyudo von Anfang an bis zum Schluss auf das Ziel ausgerichtet sein sollte und der Pfeil sich nicht um den Bogen herum bewegen muss, trifft das Archers paradox in der bekannten Art beim Kyudo nicht zu!
Dazu kommt, dass der Kyudoka durch die Arbeit seiner linken Hand in der Lage ist, auch nicht zum Bogen passende Pfeile ins Ziel zu schießen, weil er seinen Krafteinsatz dann leicht verändert.
Es ist allerdings verständlich, dass ein einigermaßen zum Bogen passender Kyudopfeil mit der Technik eines fortgeschrittenen Kyudoanfängers deutlich besser geschossen werden kann.
Warum sollte man es also einem Kyudoanfänger durch „falsche“ Pfeilcodes schwer machen?
Einem Anfänger gib man ja auch zum Körpergewicht und zur Körpergröße passende Langlaufski.
Mit meiner 2020 mit viel praktishen Tests entwickelten Tabelle lässt sich für jede gemessene Zugstärke in Bezug auf die Pfeillänge der Pfeilcode ermitteln. Sieht man einen Kyudoka, dessen Pfeil kurz nach dem Abschuss quer in der Luft driftet, hat dieser Kyudoka seine Technik noch nicht dem vorhanden Material angepasst. Also: Jahrelang weiter üben, bis es passt… oder vielleicht doch einen anderen Pfeilcode versuchen!
© P. Kollotzek – kyudodetmold.de.tl