13/05/2026
*Abschied vom presbyterial-synodalen Prinzip des Protestantismus?*
Von Dr. Friedrich Schmidt-Roscher, Geschäftsführender Pfarrer, Prot. Kirchengemeinde Haßloch
Erschienen in und mit freundlicher Genehmigung des Pfälzisches Pfarrerblatt: www.pfarrerblatt.de
Zu Gliederungszwecken ergänzt mit zusammenfassenden Abschnittsüberschriften
Die Synode der Ev. Kirche der Pfalz hat in ihrer Frühjahrsynode einen radikalen Veränderungsprozess in unserer Kirche eingeleitet. Wenn diese Eckpunkte auch in Gesetzen und Verfassungsänderungen beschlossen worden sind, wird unsere Kirche eine andere sein.
Aktuelle Situation: &
Der liberale Protestantismus befindet sich in einer tiefen Krise. Säkularisierung, Individualisierung und Bedeutungsverlust der christlichen Religion führen zu einem starken Rückgang der protestantischen Gemeindeglieder mit massiven finanziellen Auswirkungen auf unsere evangelische Kirche in der Pfalz. Wie in vielen anderen Landeskirchen auch steht die Pfälzische Synode vor schwierigen Entscheidungen, um dem finanziellen Kollaps entgegenzusteuern. Einige Entscheidungen des Eckpunktepapiers kann ich nachvollziehen, andere sind aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen und Lebenslagen sinnvoll. Wenn die Fusion von Dekanaten zu größeren Einheiten einen Einspareffekt erbringt, dann ist das zu begrüßen. Da die Trägerschaft von Kindertagesstätten ein immer spezialisiere Wissen erfordert, kann auch die gemeinsame Trägerschaft zu einem effektiveren Umgang mit verfügbaren Mitteln führen, wenn die Verbindung zur Gemeinde bewahrt bleibt. Eine größere Flexibilisierung der "Residenzpflicht" von Pfarrpersonen kann den Beruf attraktiver machen und die unterschiedliche Situation der Pfarrpersonen mit ihren Familien) berücksichtigen, wenn sichergestellt ist, dass auch das Wohnen im Pfarrhaus weiterhin finanzierbar bleibt.
Der zweitgrößte (nach dem Gemeindepfarrdienst): der
Ein großes Sparpotential und eine Verwaltungsvereinfachung sehe ich in der Fusion mit einer benachbarten Landeskirche. Für die meisten Gemeindeglieder wird es vermutlich keine große Rolle spielen, ob der künftige Sitz der Kirchenleitung in Speyer, Karlsruhe oder Darmstadt liegt. Ich bin irritiert, dass gerade diese von der Synode im Eckpunktepapier gefassten Beschlüsse sehr vage klingen. "Den Horizont von Modellen wie Konföderation oder Fusion auszuloten" klingt doch sehr unbestimmt. Warum will die Kirchenleitung bei den Veränderungen, die für die meisten Mitglieder kaum Auswirkungen hätten, für sie dagegen wohl schon, nicht "mutig voranschreiten"? Hier wären ein Zeitplan und konkrete Ziele sinnvoll.
Selbstverwaltung der
Auf der anderen Seite aber irritiert mich, wie leichtfertig große Teile der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung der Kirchengemeinden in der Pfalz aufgegeben werden sollen. Mit der Aufgabe von §6 unserer Verfassung wird die Berufung der Gemeinde durch "Wort und Sakrament Pflanzstätte evangelischen Glaubens und Lebens und eine Gemeinschaft geschwisterlicher Liebe zu sein" (§5) geschwächt. Ich halte es für einen strategischen und theologischen Fehler auf der Gemeindeebene diesen radikalen Schritt zu gehen und warne vor den negativen Folgen.
Seit mehr als dreißig Jahren bin ich Gemeindepfarrer in ganz unterschiedlichen Gemeinden wie Neuhofen-Waldsee-Otterstadt, Essingen- Dammheim-Bornheim und nun Haßloch. Mich hat die Frage von Gemeindeentwicklung mein ganzes Berufsleben begleitet. Deshalb kann ich nicht nachvollziehen, dass der Ort, an dem Menschen zum Glauben kommen und das Vertrauen zu Jesus Christus einüben, geschwächt werden soll.
Aspekte, Demokratiegeschichte und Historie der Selbstverwaltung
Gemeinde und Kirche haben in der ganzen Welt und in der gesamten Kirchengeschichte unterschiedliche Verfasstheiten. Immer spiegeln sich darin auch die historischen Entwicklungen und Lebenslagen der Menschen wider. Um Menschen vor Ort zu erreichen und ihnen das Evangelium Jesu Christi zu kommunizieren, ist die Kirche immer lokal verfasst. Vielleicht gibt es nicht an jedem Ort eine Pfarrperson. Doch wenn es eine Gemeinde gibt, dann auch Menschen, die diese leiten und selbst verwalten.
Es ist zweifellos richtig, dass Kirchengemeinden den Status der Körperschaft des Öffentlichen Rechtes erst sei gut 100 Jahren haben. Aber die lokale Selbstverwaltung und -organisation einer Gemeinde gibt es deutlich länger. Die Vielfalt von Gemeinden mit unterschiedlichen Elementen von Selbstverwaltung gab es schon in frühchristlicher Zeit und nach der Reformation. Das presbyterial-synodale Prinzip des Protestantismus leistete einen Beitrag zur europäischen Demokratiegeschichte. Umgekehrt wirkten demokratische Prozesse in Gesellschaft und Staat sich auch auf die evangelischen Kirchengemeinden aus. Deshalb ist für mich §6 unserer Verfassung Absatz 3 - "Die Kirchengemeinde ordnet und verwaltet durch das Presbyterium sowohl auf dem innerkirchlichen wie auf dem vermögensrechtlichen Gebiet ihre Angelegenheiten selbstständig im Rahmen der kirchlichen Ordnung" - eine konkrete Form von kirchlicher Demokratie auf der Gemeindeebene. Das Evangelium des menschenfreundlichen Gottes zeigt sich auch in einer Gemeinde, die verortet ist und sich selbst organisiert. Die bisherige Parallele von "Christen- und Bürgergemeinde" (Karl Barth) gibt dem Amt des Presbyters, der Presbyterin ein Gewicht und öffentliches Ansehen.
Auswirkungen auf das ehrenamtliche Engagement
Bisher haben wir sowohl bei den kirchlichen Wahlen wie bei den Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren, eine relativ hohe Partizipation. Wird das bleiben, wenn wir die Selbstverwaltung deutlich einschränken? Ich höre von Presbyterinnen und Presbyter, die keine Lust mehr haben sich einzubringen, wenn die Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt werden. "Follow the money" ist ein Leitsatz, um zu prüfen, mit welchen Interessen bestimmte Veränderungen betrieben werden. Mir fällt auf, dass im Eckpunktepapier die Verwaltung von Vermögen und Immobilien der Kirchengemeinden negativ bewertet wird.
Follow the
Verhältnis von Kirchengemeinde und
Geld und Besitz machen Arbeit, bedeuten jedoch auch Gestaltungsmöglichkeit. Falls Vermögen und Immobilien wie Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser an die vier geplanten Großdekanate abgegeben werden, werden die pfälzischen Gemeinden teilweise entmündigt. Sie können weniger selbst beeinflussen, wann die Kirchen oder Gemeindehäuser vor Ort renoviert oder veräußert werden. Ich weiß, wie langwierig und aufwendig Gebäudeentscheidungen sein können. Werden sie besser, wenn sie von Menschen getroffen werden, die keinen lokalen Bezug haben? Wir nehmen damit Entscheidungen von Menschen weg, die vor Ort von den Mitgliedern gewählt sind und legen sie in die Hände von Entscheiderinnen und Entscheidern die keinen lokalen Bezug haben. Diese werden sich viel stärker von Vorgaben aus der Verwaltung leiten lassen müssen. Ist das so gewollt? Durch die Aufgabe des bisherigen Körperschaftsstatus wird die lokale Gemeinde gegenüber der zentralen Behörde geschwächt. Eine Pfarrerin sprach in der Bezirkssynode von Zentralisierung. Entscheidungen über die Gestalt der lokalen Kirchengemeinde legen wir weg von den Mitgliedern hin zu den Funktionären.
Auch in den neuen Strukturen wird das Geld knapp sein. Das wird dazu führen, dass versucht wird auf die Entscheider und Entscheiderinnen Einfluss auszuüben, um bei bestimmten Baumaßnamen zum Zuge zu kommen.
Mehr Aufgaben für die Verwaltungsbehörde - höhere
Attraktiv scheint die Abgabe und Professionalisierung von Verwaltung. Meine Erfahrungen mit kirchlichen Verwaltungen zeigen, dass es dort, wie bei uns Pfarrpersonen, sehr engagierte und kompetente Menschen, aber auch weniger motivierte Hauptamtliche gibt. Ich frage mich auch, wie die zusätzlichen Aufgaben des Gebäudeerhalts, die derzeit in den Gemeinden von Pfarrpersonen oder von Ehrenamtlichen geschultert werden, auf der Ebene der vier Großdekanate geleistet werden sollen, ohne dass erhebliche zusätzliche finanzielle Mittel notwendig sein werden. Das steht im Widerspruch zu den Sparzwängen. Wie sollen die zusätzlichen Aufgaben finanziert werden, wenn die geplanten Reformen der Pfälzischen Landeskirche versprechen Kosten einzusparen?
Motivation von
In Kirchengemeinden, in Vereinen, in Stiftungen engagieren sich Menschen, wenn sie Gestaltungsmöglichkeiten haben. Meine Sorge ist, dass wir weniger Menschen motivieren, sich einzubringen, wenn es auch weniger zu entscheiden gibt. In den Presbyterien, die ich kennenlernen konnte, gab es sehr gemischte Teams von Menschen mit unterschiedlichen Gaben. Einige waren stärker an Baufragen, andere an Finanzen und wieder andere an Frauen- oder Jugendarbeit interessiert. Ich will das nicht idealisieren. Einige waren auch froh, wenn der Haushalt beschlossen war. In den gemischten Teams an Ehrenamtlichen mit unterschiedlichen Gaben gelang es jedoch immer wieder, Verantwortliche, die sich für Finanz- oder Baufragen interessierten auch Fragen von Kinder- und Jugendarbeit zu vermitteln und umgekehrt.
von Verwaltungsbehörden
Das Gesicht unserer Gemeinde bestimmen die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich verstehe den Ansatz, die weniger werden Pfarrpersonen von der Verwaltung zu entlasten. Das ist zweifellos notwendig, wenn meine Kohorte in den Ruhestand geht. Ich höre auch von berechtigten Sorgen, dass die Seelsorge zu kurz kommt. Schon jetzt setzen die organisatorischen Veränderungen Haupt- und Ehrenamtliche unter Druck. In anderen Organisationen hat es sich gezeigt, dass zu viele Änderungen auf einmal die Motivation der Mitarbeitenden absenken und die Organisation mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit ihrem Auftrag. Deshalb warne ich nicht nur aus theologischen Gründen vor diesem radikalen Schritt, sondern auch aus organisationssoziologischen Erwägungen. Ich fürchte, dass nach den in den Gemeinden geplanten radikalen Veränderungen Gemeinden, die bisher lebendig sind, in denen sich zahlreiche Menschen engagieren, auch Schaden nehmen. Umgekehrt sehe ich nicht, wie die Gemeinden, in denen kaum mehr Leben ist, aufblühen sollen.
Start der auf der Ebene der
In den beiden Nachbarkirchen (Hessen-Nassau, Baden) ist nach meinen Informationen derzeit nicht geplant, den Status der Körperschaft des Öffentlichen Rechts aufzugeben. Sollte man nicht mit Nachdruck Gespräche mit den dortigen Kirchenleitungen führen, um zu entscheiden, mit wem fusioniert werden kann? Dann könnte man als kleinere Partnerin die eigenen Strukturen an die größere Partnerin anpassen.
Sinnvolle Ziele
Unterstützen möchte ich das Ziel der Verwaltungsvereinfachung und auch der Entlastung der weniger werdenden Pfarrpersonen, damit diese sich stärker auf die eigentlichen Kernaufgaben konzentrieren können. Eine Synodale hat zu Recht darauf hingewiesen, dass nicht nur Bedenken und Kritik an der Aufgabe des Körperschafsstatus zu erheben ist, sondern auch alternative Anträge zu stellen sind. Zwei Möglichkeiten sehe ich, die abzuwägen und zu diskutieren sind.
: A Zusammenschluss von Kirchengemeinden
Auf lokaler Ebene könnten die Gemeinden analog der kommunalen Gebietskörperschaften zusammengelegt werden. Die synodal-presbyterialen Strukturen des Protestantismus haben sich schon immer an den politischen Rahmenbedingungen orientiert. Man müsste prüfen, welche Größe sinnvoll und arbeitsfähig ist. Könnte in den Städten wie Zweibrücken, Speyer oder Neustadt eine protestantische Gesamtgemeinde eine gute Größe sein? Auf dem Land müssten die Verantwortlichen prüfen, ob es im Rahmen von Verbandsgemeinden größere, aber noch überschaubare Einheiten als Körperschaft des öffentlichen Rechtes geben ķönnte. Mit diesem Schritt würde sich die Anzahl der Gemeinden reduzieren, aber die Verantwortung für die Strukturen und Einheiten blieben noch im Nah- und Erfahrungsbericht der Menschen. Ich könnte mir unterschiedliche Größen vorstellen, um eine gewisse Zeit in unterschiedlichen Modellen Erfahrungen zu sammeln, was der geeignetere Weg ist. Wenn dann unsere Landeskirche mit einer anderen benachbarten Landeskirche fusioniert, könnten die Erfahrungen evaluiert werden.
: B Schweizer Modell
Eine Alternative dazu ist für mich das Schweizer Modell. Pfarrpersonen werden komplett von der Geschäftsführung entlastet. Dies Aufgabe übernehmen Frauen oder Männer vor Ort, die in ihrem Beruf oder durch ihr Ehrenamt über Leitungskompetenz verfügen und für eine gewisse Zeit sich so einbringen. In all den Kirchengemeinden, in denen ich im Laufe meines Dienstes tätig war, gab es solche Menschen. Möglicherweise müssten diese Menschen noch zugerüstet oder ermutig werden, möglicherweise würden wir nicht an allen Orten diese Menschen mit diesen Gaben finden. Aber es könnte auch sein, dass damit Gemeinden and Gemeindeleitung wieder attraktiver werden und sich Menschen stärker mir ihrer lokalen Gemeinde verbunden fühlen.
- Verfasstheit von unten nach oben
Der pfälzische Protestantismus, ja ich würde auch sagen: der europäische Protestantismus lebt ganz wesentlich von seiner Berufung, das Evangelium Jesu Christi mit den Menschen in dem Dorf oder der Stadt zu leben und zu teilen. Eine Basis dieses Auftrags liegt für mich in der presbyterial-synodalen Verfasstheit unserer Kirche von unten nach oben. Das entspricht nicht nur ihrem missionarischen Auftrag, das bewirkt als Nebeneffekt auch eine Stärkung der basisdemokratischen Kultur unseres Landes.
Fazit
Deshalb schlage ich vor, dass wir bei den Veränderungen eher bei der Kirchenleitung beginnen und alles tun, um für die Gemeinden den Status der Körperschaft des Öffentlichen Rechtes und damit der Selbstverwaltung und -organisation zu verteidigen.
www.propresbyterium.de