13/06/2026
Gestern haben wir den 200. Geburtstag von Mutter Rosa gefeiert.
Mitarbeitende, Ordensschwestern und Familien kamen zusammen, um an die Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen zu erinnern. Je mehr ich mich mit ihrer Geschichte beschäftige, desto mehr frage ich mich, warum wir über manche Menschen so wenig wissen, obwohl wir bis heute von ihrem Wirken profitieren.
Mutter Rosa war ihrer Zeit voraus. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sie eine Vision für die Versorgung von kranken, armen und hilfsbedürftigen Menschen. Gegen viele Widerstände gründete sie die Gemeinschaft der Waldbreitbacher Franziskanerinnen und schuf Strukturen, die weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus Bestand haben sollten. Aus ihren Anfängen entstand über Generationen hinweg ein Werk, das bis heute wirkt und dessen Teil ich als Mitarbeiterin der Marienhaus-Gruppe mit Stolz bin.
Bemerkenswert finde ich dabei nicht nur ihren Erfolg.
Bemerkenswert finde ich, dass sie als Frau Dinge erreicht hat, die damals alles andere als selbstverständlich waren. Sie war Gründerin, Organisatorin, Netzwerkerin, Strategin und Führungspersönlichkeit. Heute würde man vermutlich sagen: eine erfolgreiche Unternehmerin im Sozial- und Gesundheitswesen.
Jedoch ist die Geschichte von Mutter Rosa ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Sie ist auch die Geschichte einer Frau, die später ausgebremst und an den Rand gedrängt wurde. Ihre Leistungen gerieten in den Hintergrund, ihre Rolle als Gründerin wurde über Jahre kaum noch sichtbar gemacht. Viele kannten sie irgendwann nur noch als die „alte Gartenschwester“ – nicht als die Frau, die den Grundstein für alles gelegt hatte.
Für solche Muster gibt es heute sogar einen Namen: Matilda-Effekt. Gemeint ist, dass die Leistungen von Frauen häufig weniger sichtbar werden als die Ergebnisse, die aus ihnen hervorgegangen sind.
Deshalb lohnt sich der Blick auf Mutter Rosa auch 200 Jahre nach ihrer Geburt.
Nicht, weil ihre Geschichte abgeschlossen wäre. Sondern weil sie Fragen aufwirft, die bis heute aktuell sind: Wie gehen wir mit Menschen um, die neue Ideen haben? Wie viel Beharrlichkeit braucht Veränderung? Und gelingt es uns wirklich, Leistung unabhängig von Hierarchie, Status oder Geschlecht wahrzunehmen?
Fortschritt entsteht selten konfliktfrei. Er braucht Menschen mit Visionen. Menschen, die Widerstände aushalten. Und Menschen, die bereit sind, gemeinsam an etwas Größerem zu arbeiten.
Mutter Rosa hat gezeigt, dass Ideen weiterleben können, selbst wenn die Menschen dahinter zeitweise "kaltgestellt" und in Vergessenheit geraten. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen ihrer Geschichte.