18/04/2026
WasserWanderWeg 19: Prinzen/Flambacher Teiche – Wo Wasser den Rosenhöfer Zug nährte und Kraft ins Innerstetal floss ⚒️💦🐾💦⚒️
Schwimmqualität: 👍👍👍👍👍
Kneippqualität: 👍
Manchmal rieche ich schon am ersten Windstoß, welcher Teich heute meine Pfoten küssen wird, und heute roch alles nach Prinzenteich, nach alten Gräben, nach stillen Wasseradern, die längst aufgehört haben zu arbeiten und trotzdem so tun, als würden sie jeden Moment wieder loslaufen. Wir hatten uns vorgenommen, alle WasserWanderWege noch einmal zu inspizieren, und heute war die Nummer 19 dran, und weil der Prinzenteich im Sommer voller Badetouris, Müll und Blaualgen ist, musste ich ihn jetzt besuchen, bevor er wieder in seine jährliche Katastrophensaison rutscht.
Der Prinzenteich lag still, aber nicht leer, denn er trägt immer noch dieses Gefühl in sich, dass er einmal wichtig war. Ich erinnere mich noch an 2020, als alle vier Teiche – der Prinz, der Semmelwieser, der Flambacher und der Haderbacher – unter einem einzigen grünen Dach lagen, so dicht, dass man kaum wusste, wo der Himmel anfängt. Es war überall dunkel und kühl und geheimnisvoll, und jeder Teich war wie ein Auge unter einem Fichtenschirm. Dann kam Borki, und plötzlich wurde alles hell, viel zu hell, aber ich sehe die kleinen Fichten überall zurückkommen, in Trupps, in Reihen, in kleinen Mutproben, und ich weiß, dass sie wieder ein Dach bauen werden, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann.
Und der Prinzenteich selbst – der war nie nur ein See. Er war der große Speicher für die Hütten in Lautenthal, ein alter Arbeiter, der Wasser gesammelt hat, damit unten im Tal die Räder liefen, die Erze zerkleinerten und die Blasebälge atmen ließen. Zwei Ausfluten hat er, eine aus Holz, die das Eis bricht, und eine im Berg, ein Stollen, der das Wasser wegführt, wenn es zu viel wird. Er wurde erhöht, verstärkt, angepasst, immer wieder, weil er gebraucht wurde. Und auch wenn er heute still ist, sieht man ihm an, dass er einmal das Herz eines ganzen Systems.
Vom Prinzenteich aus liefen wir am Mühlengraben entlang, der so tut, als wäre er nur ein Weg, obwohl er früher ein Arbeiter war, ein Wasserträger, ein kleiner Bruder der großen Kunstgräben. Er ist nicht gemauert, nicht gefasst, nicht verkleidet, er ist einfach nur ein Graben, aber einer mit Geschichte. Frauchen hat mir vorgelesen, dass der Mühlengraben nur laufen durfte, wenn die Bergwerke genug Wasser hatten, und das finde ich logisch, denn wer im Harz wohnt, weiß, dass Wasser hier nie einfach nur Wasser war, sondern Kraft, Arbeit und manchmal sogar Überleben. Die Mühlen mussten warten, bis die Großen satt waren, und ich finde, das merkt man dem Graben heute noch an. Er wirkt wie einer, der weiß, dass er nicht der Wichtigste war, aber trotzdem stolz darauf ist, dass er gebraucht wurde.
Nach einer Weile kam der Semmelwieser Teich, und ich bin natürlich sofort rein. Frauchen hat mir erklärt, dass der Hasenbacher Wasserlauf hier zwar vorbeikommt, aber gar nicht in den Teich hinein will. Er läuft nur unter den Betonplatten durch – früher unter Fichtenreisig, damit er im Winter nicht zufriert – und zieht dann weiter hinunter zum Unteren Flambacher. Der Semmelwieser selbst ist ein eigener Arbeiter: Er sammelt nur das Wasser, das ihm der Hang, der Himmel und die Jahreszeiten schenken, beruhigt es und bringt es auf die richtige Höhe, bevor er es weitergibt. Ein stiller Puffer, ein Zwischenspeicher, einer, der dafür gesorgt hat, dass das ganze System nicht aus dem Takt gerät. Ich mag solche Orte, die nicht angeben, aber alles zusammenhalten.
Vom Semmelwieser ging es weiter zum Unteren Flambacher Teich, und hier wurde mir wieder klar, warum der WWW19 kein Spazierweg ist, sondern ein Lehrmeister. Der Flambacher ist in Wahrheit das Wasser-Autobahnkreuz dieses ganzen Systems. Von oben kamen der Hasenbacher und der Obere Flambacher Wasserlauf, von der Seite der Untere Flambacher, und was er nicht selbst brauchte, schickte er weiter in den Rosenhöfer Kunstgraben. Alles mit minimalem Gefälle, alles so präzise gebaut, dass kein Tropfen verloren ging. Ich habe mich ans Ufer gesetzt und ich konnte spüren, wie es früher gewesen sein muss, als das Wasser hier ankam, gesammelt wurde, beruhigt wurde und dann genau dorthin weiterlief, wo es gebraucht wurde. Dem Flambacher merkt man auch heute noch an, dass er einmal der Dirigent eines ganzen Wasserorchesters war.
Direkt danach liefen wir am Oberen Rosenhöfer Kunstgraben entlang, und ich liebe diesen Graben, weil er aussieht wie einer, der zwar nichts mehr zu tun hat, aber trotzdem jeden Morgen aufsteht und sich die Haare kämmt. Seine Böschung ist klar, seine Linie ist sauber, und man sieht, dass er gepflegt wird, auch wenn er nicht mehr arbeitet. Unter ihm liegt der Ausflutgraben, mit einer Trockenmauer, die seit fast zwei Jahrhunderten hält, und Betonplatten, die verhindern sollten, dass er im Winter zufriert. Ich habe an der Mauer geschnuppert und gespürt, dass sie stolz ist, weil sie immer noch steht, obwohl die Welt um sie herum sich verändert hat.
Dann kamen wir an der Flambacher Mühle vorbei, die heute ein christliches Freizeit- und Bildungszentrum ist, und ich musste kurz stehen bleiben, weil ich an das Schild denken musste, das erklärt, wie die Mühlen früher nur laufen durften, wenn die Bergwerke genug Wasser hatten. Ich finde das fair, denn wer Wasser hat, hat Macht, und wer Wasser teilt, hat Herz.
Der Haderbacher Teich war unser letzter Teich, und ich bin natürlich rein, weil ich jeden Teich verabschiede, indem ich ihm ein bisschen Fell schenke. Aber der Haderbacher ist keiner von denen, die Wasser nur sammeln oder weiterreichen – er war ein Kraftteich, ein alter Spezialist, der die Pochwerke im Innerstetal angetrieben hat. Hier wurde das Wasser nicht einfach weitergeleitet, hier wurde es verbraucht, mit Druck, mit Fallhöhe, mit Wucht, damit unten im Tal die Hämmer die Erze zerschlagen konnten. Man merkt das an seiner Form: er liegt eng im Tal, mit steilen Böschungen und einem tiefen, klaren Becken, als wäre er dafür gebaut worden, Kraft zu bündeln und sie im richtigen Moment loszulassen - ein Becken, gebaut für Kraft, nicht für Schönheit. Frauchen hat mir erzählt, dass er einer der ältesten Teiche im ganzen System ist, gebaut lange bevor viele der anderen überhaupt geplant waren, und ich finde, das spürt man. Er wirkt wie einer, der schon gearbeitet hat, als die Welt noch anders aussah. Und weil er ein Endpunkt war, kein Durchlaufpunkt, fühlt er sich auch heute noch so an – wie ein Ort, an dem etwas endet, nicht an dem etwas weiterzieht.
Und ja, die Hänge sind heute gerückt, richtig gerückt. Da liegen Äste, da liegen Stummel, da ist Erde offen, und man sieht, dass hier Maschinen standen, die keine Rücksicht nehmen konnten. Aber man sieht auch, dass jemand danach noch einmal durchgegangen ist. Keine Stämme in den Gräben, keine Mauern zerfahren, keine Linien zerstört. Es ist nicht sauber, aber es ist aufgeräumt genug, um zu zeigen, dass hier jemand verstanden hat, dass man an einem alten Arbeiter nicht einfach vorbeifährt, ohne aufzupassen. Heute wirkt der Haderbacher weit und offen, viel heller als früher, aber überall stehen auch hier die kleinen Fichten, die zurückkommen, leise und entschlossen. Und ich weiß, dass sie auch hier wieder ein Dach bauen werden, irgendwann. Und während ich am Ufer stand, dachte ich: Der Haderbacher hat viel verloren, aber er hat nichts von seiner Haltung eingebüßt.
Wir liefen weiter, und auf dem Rückweg über den Mühlengraben habe ich noch einmal geschnuppert, und ich konnte spüren, wie das System früher gearbeitet hat, wie Wasser hier nicht einfach geflossen ist, sondern geführt wurde, gelenkt, gezähmt. Und Frauchen hat mir erzählt, dass sie sich damals nicht nur das Wasser gezähmt haben. Nein, die haben sich sogar ein eigenes Jahr gebaut, weil ihnen das normale nicht gepasst hat. Vier gleichlange Stücke, alles schön ordentlich, damit keiner beim Lohn beschummelt wurde und jeder wusste, woran er ist. Und die hießen auch nicht Winter, Frühling, Sommer oder Herbst, sondern Reminiscere, Trinitatis, Crucis und Luciae – vier Bergquartale, jedes genau 13 Wochen, 91 Tage, alles sauber, alles gerecht. Aber die Zeit lässt sich nicht zähmen, nicht mal von Bergleuten. Das Bergjahr fing nämlich nicht jedes Jahr am 1. Januar neu an. Es lief völlig unabhängig vom Kalenderjahr und begann immer an einem kirchlichen Termin, zum Beispiel Reminiscere, dem zweiten Sonntag der Passionszeit. Von da an lief es 364 Tage – und weil das ein Tag zu wenig ist, rutschte das Bergjahr jedes Jahr ein Stück weiter. In Schaltjahren sogar zwei. Und erst wenn die Verschiebung zu groß wurde, so nach zehn, zwölf Jahren, mussten sie ein extra Nebenquartal einschieben, um das Bergjahr wieder einzufangen. Das Nebenquartal hatte nicht mal einen richtigen Namen – klar, warum auch. Das war kein stolzes Bergquartal, sondern eher ein Zeitflicken, den man reinschiebt, wenn alles verrutscht ist. Nicht schön, aber nötig. Ich sag’s ja: Die Altvorderen waren schlauer, als sie aussahen – aber selbst sie konnten die Zeit nur eine Weile austricksen.
Manchmal könnte man fast glauben, sie würden das alles heute noch pflegen, weil es irgendeine moderne Funktion hätte – als müsste man die Innerste noch immer bändigen oder die Täler vor Hochwasser schützen. Aber je länger man hier unterwegs ist, desto klarer wird: Das hier wird nicht erhalten, weil man es braucht. Das hier wird erhalten, weil man verstanden hat, was es bedeutet. Die neuen Pfosten an den Schildern, die Schilder selbst, die endlich wieder da stehen, wo sie hingehören, die Gräben, die zwar trocken sind, aber aussehen, als würden sie nur darauf warten, wieder loszulaufen – das macht man nicht aus Pflicht. Das macht man aus Respekt. Die Grauwackemauern sind intakt, keine Brombeerangriffe, keine zerstörten Linien, und selbst wenn die Hänge gerückt sind, hat man danach so weit aufgeräumt, dass die Geschichte noch erkennbar bleibt. Die Schwarzkittel haben hier natürlich auch ganze Arbeit geleistet – wie immer – aber selbst sie haben es nicht geschafft, den Charakter dieses Weges zu zerstören. Und wenn die Altvorderen heute hier langgehen würden, würden sie sehen, dass ihr Werk nicht vergessen wurde. Nicht, weil es noch gebraucht wird – sondern weil es wertvoll ist. Und ich bin froh, dass ich die bin, die das sieht.
Glück Auf ⚒️
Eure Nuki 🐾
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