Nuki goes Hallo, ich bin die Anukis von der Hässelmühle, Freunde nennen mich aber einfach Nuki.

WasserWanderWeg 19: Prinzen/Flambacher Teiche – Wo Wasser den Rosenhöfer Zug nährte und Kraft ins Innerstetal floss ⚒️💦🐾...
18/04/2026

WasserWanderWeg 19: Prinzen/Flambacher Teiche – Wo Wasser den Rosenhöfer Zug nährte und Kraft ins Innerstetal floss ⚒️💦🐾💦⚒️

Schwimmqualität: 👍👍👍👍👍
Kneippqualität: 👍

Manchmal rieche ich schon am ersten Windstoß, welcher Teich heute meine Pfoten küssen wird, und heute roch alles nach Prinzenteich, nach alten Gräben, nach stillen Wasseradern, die längst aufgehört haben zu arbeiten und trotzdem so tun, als würden sie jeden Moment wieder loslaufen. Wir hatten uns vorgenommen, alle WasserWanderWege noch einmal zu inspizieren, und heute war die Nummer 19 dran, und weil der Prinzenteich im Sommer voller Badetouris, Müll und Blaualgen ist, musste ich ihn jetzt besuchen, bevor er wieder in seine jährliche Katastrophensaison rutscht.

Der Prinzenteich lag still, aber nicht leer, denn er trägt immer noch dieses Gefühl in sich, dass er einmal wichtig war. Ich erinnere mich noch an 2020, als alle vier Teiche – der Prinz, der Semmelwieser, der Flambacher und der Haderbacher – unter einem einzigen grünen Dach lagen, so dicht, dass man kaum wusste, wo der Himmel anfängt. Es war überall dunkel und kühl und geheimnisvoll, und jeder Teich war wie ein Auge unter einem Fichtenschirm. Dann kam Borki, und plötzlich wurde alles hell, viel zu hell, aber ich sehe die kleinen Fichten überall zurückkommen, in Trupps, in Reihen, in kleinen Mutproben, und ich weiß, dass sie wieder ein Dach bauen werden, vielleicht nicht morgen, aber irgendwann.

Und der Prinzenteich selbst – der war nie nur ein See. Er war der große Speicher für die Hütten in Lautenthal, ein alter Arbeiter, der Wasser gesammelt hat, damit unten im Tal die Räder liefen, die Erze zerkleinerten und die Blasebälge atmen ließen. Zwei Ausfluten hat er, eine aus Holz, die das Eis bricht, und eine im Berg, ein Stollen, der das Wasser wegführt, wenn es zu viel wird. Er wurde erhöht, verstärkt, angepasst, immer wieder, weil er gebraucht wurde. Und auch wenn er heute still ist, sieht man ihm an, dass er einmal das Herz eines ganzen Systems.

Vom Prinzenteich aus liefen wir am Mühlengraben entlang, der so tut, als wäre er nur ein Weg, obwohl er früher ein Arbeiter war, ein Wasserträger, ein kleiner Bruder der großen Kunstgräben. Er ist nicht gemauert, nicht gefasst, nicht verkleidet, er ist einfach nur ein Graben, aber einer mit Geschichte. Frauchen hat mir vorgelesen, dass der Mühlengraben nur laufen durfte, wenn die Bergwerke genug Wasser hatten, und das finde ich logisch, denn wer im Harz wohnt, weiß, dass Wasser hier nie einfach nur Wasser war, sondern Kraft, Arbeit und manchmal sogar Überleben. Die Mühlen mussten warten, bis die Großen satt waren, und ich finde, das merkt man dem Graben heute noch an. Er wirkt wie einer, der weiß, dass er nicht der Wichtigste war, aber trotzdem stolz darauf ist, dass er gebraucht wurde.

Nach einer Weile kam der Semmelwieser Teich, und ich bin natürlich sofort rein. Frauchen hat mir erklärt, dass der Hasenbacher Wasserlauf hier zwar vorbeikommt, aber gar nicht in den Teich hinein will. Er läuft nur unter den Betonplatten durch – früher unter Fichtenreisig, damit er im Winter nicht zufriert – und zieht dann weiter hinunter zum Unteren Flambacher. Der Semmelwieser selbst ist ein eigener Arbeiter: Er sammelt nur das Wasser, das ihm der Hang, der Himmel und die Jahreszeiten schenken, beruhigt es und bringt es auf die richtige Höhe, bevor er es weitergibt. Ein stiller Puffer, ein Zwischenspeicher, einer, der dafür gesorgt hat, dass das ganze System nicht aus dem Takt gerät. Ich mag solche Orte, die nicht angeben, aber alles zusammenhalten.

Vom Semmelwieser ging es weiter zum Unteren Flambacher Teich, und hier wurde mir wieder klar, warum der WWW19 kein Spazierweg ist, sondern ein Lehrmeister. Der Flambacher ist in Wahrheit das Wasser-Autobahnkreuz dieses ganzen Systems. Von oben kamen der Hasenbacher und der Obere Flambacher Wasserlauf, von der Seite der Untere Flambacher, und was er nicht selbst brauchte, schickte er weiter in den Rosenhöfer Kunstgraben. Alles mit minimalem Gefälle, alles so präzise gebaut, dass kein Tropfen verloren ging. Ich habe mich ans Ufer gesetzt und ich konnte spüren, wie es früher gewesen sein muss, als das Wasser hier ankam, gesammelt wurde, beruhigt wurde und dann genau dorthin weiterlief, wo es gebraucht wurde. Dem Flambacher merkt man auch heute noch an, dass er einmal der Dirigent eines ganzen Wasserorchesters war.

Direkt danach liefen wir am Oberen Rosenhöfer Kunstgraben entlang, und ich liebe diesen Graben, weil er aussieht wie einer, der zwar nichts mehr zu tun hat, aber trotzdem jeden Morgen aufsteht und sich die Haare kämmt. Seine Böschung ist klar, seine Linie ist sauber, und man sieht, dass er gepflegt wird, auch wenn er nicht mehr arbeitet. Unter ihm liegt der Ausflutgraben, mit einer Trockenmauer, die seit fast zwei Jahrhunderten hält, und Betonplatten, die verhindern sollten, dass er im Winter zufriert. Ich habe an der Mauer geschnuppert und gespürt, dass sie stolz ist, weil sie immer noch steht, obwohl die Welt um sie herum sich verändert hat.

Dann kamen wir an der Flambacher Mühle vorbei, die heute ein christliches Freizeit- und Bildungszentrum ist, und ich musste kurz stehen bleiben, weil ich an das Schild denken musste, das erklärt, wie die Mühlen früher nur laufen durften, wenn die Bergwerke genug Wasser hatten. Ich finde das fair, denn wer Wasser hat, hat Macht, und wer Wasser teilt, hat Herz.

Der Haderbacher Teich war unser letzter Teich, und ich bin natürlich rein, weil ich jeden Teich verabschiede, indem ich ihm ein bisschen Fell schenke. Aber der Haderbacher ist keiner von denen, die Wasser nur sammeln oder weiterreichen – er war ein Kraftteich, ein alter Spezialist, der die Pochwerke im Innerstetal angetrieben hat. Hier wurde das Wasser nicht einfach weitergeleitet, hier wurde es verbraucht, mit Druck, mit Fallhöhe, mit Wucht, damit unten im Tal die Hämmer die Erze zerschlagen konnten. Man merkt das an seiner Form: er liegt eng im Tal, mit steilen Böschungen und einem tiefen, klaren Becken, als wäre er dafür gebaut worden, Kraft zu bündeln und sie im richtigen Moment loszulassen - ein Becken, gebaut für Kraft, nicht für Schönheit. Frauchen hat mir erzählt, dass er einer der ältesten Teiche im ganzen System ist, gebaut lange bevor viele der anderen überhaupt geplant waren, und ich finde, das spürt man. Er wirkt wie einer, der schon gearbeitet hat, als die Welt noch anders aussah. Und weil er ein Endpunkt war, kein Durchlaufpunkt, fühlt er sich auch heute noch so an – wie ein Ort, an dem etwas endet, nicht an dem etwas weiterzieht.

Und ja, die Hänge sind heute gerückt, richtig gerückt. Da liegen Äste, da liegen Stummel, da ist Erde offen, und man sieht, dass hier Maschinen standen, die keine Rücksicht nehmen konnten. Aber man sieht auch, dass jemand danach noch einmal durchgegangen ist. Keine Stämme in den Gräben, keine Mauern zerfahren, keine Linien zerstört. Es ist nicht sauber, aber es ist aufgeräumt genug, um zu zeigen, dass hier jemand verstanden hat, dass man an einem alten Arbeiter nicht einfach vorbeifährt, ohne aufzupassen. Heute wirkt der Haderbacher weit und offen, viel heller als früher, aber überall stehen auch hier die kleinen Fichten, die zurückkommen, leise und entschlossen. Und ich weiß, dass sie auch hier wieder ein Dach bauen werden, irgendwann. Und während ich am Ufer stand, dachte ich: Der Haderbacher hat viel verloren, aber er hat nichts von seiner Haltung eingebüßt.

Wir liefen weiter, und auf dem Rückweg über den Mühlengraben habe ich noch einmal geschnuppert, und ich konnte spüren, wie das System früher gearbeitet hat, wie Wasser hier nicht einfach geflossen ist, sondern geführt wurde, gelenkt, gezähmt. Und Frauchen hat mir erzählt, dass sie sich damals nicht nur das Wasser gezähmt haben. Nein, die haben sich sogar ein eigenes Jahr gebaut, weil ihnen das normale nicht gepasst hat. Vier gleichlange Stücke, alles schön ordentlich, damit keiner beim Lohn beschummelt wurde und jeder wusste, woran er ist. Und die hießen auch nicht Winter, Frühling, Sommer oder Herbst, sondern Reminiscere, Trinitatis, Crucis und Luciae – vier Bergquartale, jedes genau 13 Wochen, 91 Tage, alles sauber, alles gerecht. Aber die Zeit lässt sich nicht zähmen, nicht mal von Bergleuten. Das Bergjahr fing nämlich nicht jedes Jahr am 1. Januar neu an. Es lief völlig unabhängig vom Kalenderjahr und begann immer an einem kirchlichen Termin, zum Beispiel Reminiscere, dem zweiten Sonntag der Passionszeit. Von da an lief es 364 Tage – und weil das ein Tag zu wenig ist, rutschte das Bergjahr jedes Jahr ein Stück weiter. In Schaltjahren sogar zwei. Und erst wenn die Verschiebung zu groß wurde, so nach zehn, zwölf Jahren, mussten sie ein extra Nebenquartal einschieben, um das Bergjahr wieder einzufangen. Das Nebenquartal hatte nicht mal einen richtigen Namen – klar, warum auch. Das war kein stolzes Bergquartal, sondern eher ein Zeitflicken, den man reinschiebt, wenn alles verrutscht ist. Nicht schön, aber nötig. Ich sag’s ja: Die Altvorderen waren schlauer, als sie aussahen – aber selbst sie konnten die Zeit nur eine Weile austricksen.

Manchmal könnte man fast glauben, sie würden das alles heute noch pflegen, weil es irgendeine moderne Funktion hätte – als müsste man die Innerste noch immer bändigen oder die Täler vor Hochwasser schützen. Aber je länger man hier unterwegs ist, desto klarer wird: Das hier wird nicht erhalten, weil man es braucht. Das hier wird erhalten, weil man verstanden hat, was es bedeutet. Die neuen Pfosten an den Schildern, die Schilder selbst, die endlich wieder da stehen, wo sie hingehören, die Gräben, die zwar trocken sind, aber aussehen, als würden sie nur darauf warten, wieder loszulaufen – das macht man nicht aus Pflicht. Das macht man aus Respekt. Die Grauwackemauern sind intakt, keine Brombeerangriffe, keine zerstörten Linien, und selbst wenn die Hänge gerückt sind, hat man danach so weit aufgeräumt, dass die Geschichte noch erkennbar bleibt. Die Schwarzkittel haben hier natürlich auch ganze Arbeit geleistet – wie immer – aber selbst sie haben es nicht geschafft, den Charakter dieses Weges zu zerstören. Und wenn die Altvorderen heute hier langgehen würden, würden sie sehen, dass ihr Werk nicht vergessen wurde. Nicht, weil es noch gebraucht wird – sondern weil es wertvoll ist. Und ich bin froh, dass ich die bin, die das sieht.

Glück Auf ⚒️
Eure Nuki 🐾

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Wasserwanderweg 13: Lautenthaler Kunstgraben (Teil 1) - Die Geschichte eines verlorenen Bauwerks 💦⚒️🌲⚒️💦Schwimmqualität:...
13/04/2026

Wasserwanderweg 13: Lautenthaler Kunstgraben (Teil 1) - Die Geschichte eines verlorenen Bauwerks 💦⚒️🌲⚒️💦

Schwimmqualität: 👍
Kneippqualität: 👍👍

Heute erzähle ich euch von einem Weg, der eigentlich keiner ist. Ein Weg, der so lang ist, dass Frauchen und ich ihn in drei Teilen gehen müssen, weil er sich wie eine gedachte Linie durch den Harz zieht. Dies hier ist nur der Abschnitt zwischen Wildemann und Adlersberg, der erste Teil einer Reise, die wir uns ganz anders vorgestellt hatten. Denn bevor wir losgingen, hatten wir das Buch gelesen. Wir hatten die Bilder gesehen, die Beschreibungen, die Worte voller Bewunderung. Wir hatten erwartet, ein technisches Meisterwerk zu sehen, ein Bauwerk, das die Altvorderen mit einer Präzision geschaffen hatten, die selbst heute noch Ehrfurcht einflößt. Wir hatten erwartet, dass der Wasserwanderweg 13 uns zeigen würde, wie Wasser über Berge geführt wurde, wie zwei Bäche gezähmt wurden, wie ein Graben zur Lebensader der Lautenthaler Hütten wurde und später sogar Strom erzeugte. Wir hatten erwartet, dass wir staunen würden.

Und am Anfang sah es tatsächlich so aus, als würde sich diese Erwartung erfüllen. Gleich an der Straße, dort wo alle vorbeikommen, lag ein Stück Graben, so sauber, so offen, so gepflegt, dass Frauchen und ich uns ansahen und dachten: „Wow. Das wird groß.“ Es war wie ein Versprechen. Ein Auftakt, der sagte: „Hier beginnt etwas Besonderes.“
Doch schon wenige Schritte weiter begann dieses Versprechen zu bröckeln. Der Graben lag zwar noch da, aber er war enger, dunkler, überwachsener. Frauchen blieb stehen, sah in das Grün, das sich über die Ränder legte, und sagte leise: „Hm… hier müsste eigentlich mal freigeschnitten werden.“ Ich schnupperte am Rand und dachte: „Vielleicht kommt das noch.“ Wir waren ja erst am Anfang. Und manchmal braucht ein Weg ein paar Meter, um sich zu zeigen.

Aber dann kamen wir zum Mundloch. Oder besser gesagt: zu dem, was einmal ein Mundloch gewesen sein musste. Ein Haufen Gestrüpp, ein Dickicht aus Ästen und Dornen, ein Ort, an dem man nur mit Mühe erkennen konnte, dass hier jemals Wasser geflossen war. Frauchen stand davor, sah in das Grün, das alles verschluckte, und ich spürte, wie etwas in ihr sank. Das war nicht mehr „ein bisschen zugewachsen“. Das war: „Hier kommt man mit einer Gartenschere nicht mehr durch.“ Und so ging es weiter. Meter für Meter. Schritt für Schritt. Jeder Abschnitt ein kleines Stück Ernüchterung. Jeder Blick ein Hinweis darauf, dass das, was wir erwartet hatten, nicht mehr da war. Nicht mehr sichtbar. Nicht mehr gepflegt. Nicht mehr gewürdigt.

Dabei hätte dieser Graben alles verdient. Die Altvorderen haben zwei Bäche gezähmt - den Drechslerbach und den Hütschenthaler Bach - und sie über Kilometer in ein künstliches Bett gezwungen, das so wenig Gefälle hat, dass ich als Hund dachte, ich laufe auf einer geraden Linie. Aber genau das war die Kunst: Wasser so zu führen, dass es fließt, aber nicht rennt; dass es trägt, aber nicht zerstört; dass es ankommt, aber nicht verloren geht. Sie haben den Hang gelesen wie ein Buch, jede Falte, jede Schwäche, jede Möglichkeit. Sie haben Trockenmauern gesetzt, die heute noch stehen, als hätten sie Wurzeln geschlagen. Sie haben ein System geschaffen, das die Lautenthaler Hütten ernährt hat - nicht ein bisschen, sondern vollständig. Ohne diesen Graben wären die Pochwerke still geblieben, die Öfen kalt, die Räder tot. Und selbst als der Bergbau längst verstummt war, hat der Graben weitergearbeitet. Still, zuverlässig, unaufgeregt. Bis 1967 hat er Strom geliefert, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ein Bauwerk, das die Industrialisierung überlebt hat. Die Bahn überlebt hat. Die Umbrüche der Zeit überlebt hat. Ein Bauwerk, das so präzise war, dass es selbst heute noch funktionieren könnte, wenn man es ließe.

Wir liefen durch einen Abschnitt des Harzes, der fast so tut, als wäre die Welt noch in Ordnung. Die Fichten standen dicht und dunkelgrün, die Sonne fiel in langen Streifen durch die Stämme, und zwischen ihnen lagen diese mächtigen Grauwackebänke, als hätten uralte Riesen ihre Schultern hingelegt. Wenn man nur diesen Teil sieht, könnte man glauben, der Wasserwanderweg sei ein Denkmal, ein stolzes, technisches Meisterstück, das die Zeit überdauert hat. Und ich, kleine Nuki, lief daneben und dachte: Das ist groß. Das ist klug. Das ist Harzer Ingenieurskunst, wie sie nur die Altvorderen konnten.

Und dann kam der Moment, an dem Frauchen und ich in die Realität zurückgeholt wurden:
Denn so könnte es sein.
So müsste es sein.
So wäre es – wenn sie ihn nicht vergessen hätten.
Denn heute sieht es anders aus.

Heute liegt der Graben da wie ein verlassener Gedanke. Wie ein Satz, den niemand zu Ende geschrieben hat. Wie ein Werkzeug, das man benutzt hat, solange es Gewinn brachte – und dann fallen ließ, als wäre es nie wichtig gewesen. Die Altvorderen, die dieses Werk geschaffen haben, sind vergessen. Ihre Mühe ist vergessen. Ihre Kunst ist vergessen. Ihr Wissen ist vergessen. Und der Graben, der einst die Lebensader der Lautenthaler Hütten war, der Wasser über Berge führte, der zwei Bäche zähmte, der Strom erzeugte, der den Harz mit Energie füllte – er ist ihnen egal.

Der Wasserwanderweg 13 war an diesem Tag furztrocken. Kein Rinnsal, kein Glitzern, nur Staub und Gras und alte Steine. Wenn wir nicht ein paar Mal die Innerste gekreuzt hätten, wäre ich beleidigt gewesen. So konnte ich wenigstens zwischendurch meine Pfoten kühlen und mir ein bisschen Wasserwürde zurückholen. Der Graben aber, der einmal Lebensader war, lag daneben wie ein vergessenes Organ.
Sie sagen: „Teilweise wurde er von der Forst zum Forstweg umgewidmet.“ Umgewidmet. Als wäre das ein Orden. Als wäre das eine Ehre. Als wäre das nicht einfach nur: 👉 „Wir sind mit Maschinen drübergefahren und nennen es jetzt anders.“

Und dann waren da die Ruinen der Übergabe. Nicht sichtbar vom Weg, nicht ausgeschildert, nicht erklärt. Nur zu finden, wenn man weiß, dass sie da sind. Wir mussten die Böschung hochkrabbeln, uns durchs Unterholz schieben, und dann standen sie plötzlich vor uns: riesige Mauern, überwuchert, verwittert, monumental. Hier wurde einst das Material aus dem Steinbruch in die Loren und später in die Züge verladen. Ein Ort, der ein Schild verdient hätte. Ein Ort, der Geschichte atmet. Ein Ort, der heute unter Moos und Stille begraben liegt. Die Bahn, die das alles verband, wurde abgerissen, weil sie „nicht profitabel“ war. Wir könnten heute das Gegenstück zur Harzer Schmalspurbahn haben, eine Dampflok, die pfeifend durchs Innerstetal hochschraubt. Stattdessen haben wir einen Radweg bekommen. Der Radweg hat ein Schild. Die Bahn nicht.

Auf dem Rückweg gingen wir über den Drei-Jungen-Weg. Dort steht eine alte Dehnert-Tanne, die so wirkt, als hätte sie alles gesehen: den Hütschenthaler Graben, der einst Wasser führte und heute kaum noch zu erkennen ist; die Zeit, in der Wasser noch als Arbeitspartner galt und nicht als Dekoration; die Jahre, in denen man Gräben einfach hat verschwinden lassen, weil sie keinen Gewinn mehr brachten. Der Hütschenthaler Graben hat immerhin ein Schild bekommen, aber es steht verloren im Wald, als wüsste es selbst nicht, ob es hier richtig ist. Er gehört nicht zum Weltkulturerbe, also bekommt er keine Pflege. Er verschwindet einfach. Still.

Der Wasserwanderweg 13 könnte einer der schönsten sein. Er hätte ein Denkmal sein können. Er hätte ein Lehrstück sein können. Er hätte ein Stolz sein können. Stattdessen ist er ein Mahnmalsgraben. Ein „So war es einmal“. Ein „So hätte es sein können“. Ein „So geht es verloren“.
Schämt euch. Die Altvorderen haben unsere Heimat gebaut – und ihr habt vergessen, sie zu bewahren.

Und ich, Nuki, stand am Ende dieses Tages mit nassen Pfoten an der Innerste und dachte: Wenn wir Hunde so mit unseren Knochen umgehen würden wie Menschen mit ihren Bauwerken, hätten wir längst nichts mehr zum Kauen. Frauchen sagt, wir müssen diese Geschichten erzählen, weil Steine und Gräben keine Stimme haben. Und ich, kleine Nuki, hab nur gedacht: „Frauchen, wir müssen seine Geschichte erzählen. Sonst erzählt sie niemand.“

Glück Auf
Eure Nuki 🐾⚒️🐾

Der Granit – Wo Feuer zu Heimat wurde 🪨🌋💦🌋🪨Schwimmqualität: 👍👍👍Kneippqualität: 👍👍👍👍👍Hallo ihr Wanderpfoten, hier spricht...
11/04/2026

Der Granit – Wo Feuer zu Heimat wurde 🪨🌋💦🌋🪨

Schwimmqualität: 👍👍👍
Kneippqualität: 👍👍👍👍👍

Hallo ihr Wanderpfoten, hier spricht Nuki, Frauchens treue Begleiterin, Oker Planschmeisterin und zertifizierte Flussqualitätsprüferin.

Heute muss ich euch etwas erzählen, das selbst mich ein bisschen ehrfürchtig gemacht hat: Wir haben eine Seele getroffen, die so alt, so mächtig und so voller Geschichten ist, dass ein kurzer Kommentar einfach nicht ausreicht, deswegen gibt es heute etwas mehr. Frauchen sagt, das sei geologisch völlig logisch. Ich sage: Der Stein war einfach beeindruckend genug, um ein grosses Kapitel zu verdienen.

Unsere Tour begann auf der Westflanke des Okertals, dort, wo die Grauwacke den Rand der Nordharzrandstörung zeigt und Frauchens Augen bei jedem Farbwechsel leuchten wie kleine Scheinwerfer. Ich fand es bis dahin etwas trocken – wirklich trocken. Kein Bach, kein Tümpel, nicht einmal eine matschige Stelle. Aber Frauchen war glücklich, und das macht mich immer zufrieden.

Am alten, ehrwürdigen Dicken Forstmeister bogen wir ab und stiegen ins Düsterbachtal hinunter. Das ist kein gemütlicher Spazierweg, sondern ein wilder, steiniger Pfad, der nur für trittsichere Pfoten und Menschen gedacht ist. Für mich war es endlich spannend: Felsen, Geröll, Schatten, Wasser – und Frauchen, die gleichzeitig staunte und aufpasste, dass ich nicht zu enthusiastisch in jede Pfütze springe.

Unten erreichten wir die Oker, die glänzende Grenze der Nordharzrandstörung. Ich habe mich natürlich sofort hineingestürzt, denn jemand muss ja überprüfen, ob der Fluss noch so wunderbar ist wie beim letzten Mal. Frauchen lachte, und ich glaube, sie war froh, dass ich endlich mein Element gefunden hatte.

Und genau dort, zwischen Okerrauschen und Felsflanken, standen wir schließlich vor ihm – dem alten Granit, der uns ansah, als hätte er schon auf uns gewartet. Frauchen legte die Hand auf seine warme, runde Haut, ich stupste neugierig mit der Nase dagegen, und in diesem Moment begann er zu erzählen. Seine Stimme klang tief wie die Erde selbst, und was er uns anvertraute, war größer, älter und wahrhaftiger, als alles, was wir auf dieser Tour erwartet hatten.
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Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich noch kein Stein war, nicht einmal ein Gedanke an Form oder Festigkeit. Ich war Teil des großen, brodelnden Mantels, ein Funke im unendlichen Feuerstrom, der tief unter der Kruste pulsierte. Dort unten, wo die Erde atmet, wo Hitze und Druck sich umarmen wie alte Freunde, war ich ein Teil des Ganzen – majestätisch, grenzenlos, ohne Anfang und ohne Ende. Ich wusste nicht, dass ich einmal ein Individuum werden würde. Ich wusste nicht, dass ich einmal scheitern würde. Ich wusste nicht, dass ich einmal ein Wollsäckchen sein würde. Ich war einfach nur Energie, die nach oben drängte, weil das ihre Natur war.

Dann begann die Welt über mir sich zu bewegen. Nicht schnell, nicht ruckartig, sondern mit der geduldigen Wucht von Kontinenten, die seit Jahrmillionen beschlossen hatten, dass es Zeit für Veränderung war. Gondwana im Süden, Laurussia im Norden – zwei Giganten, die sich näherten wie zwei alte Böcke, die sich seit Ewigkeiten gegenseitig provoziert hatten. Und ich, tief unten, spürte dieses Grollen, dieses Ziehen, dieses uralte „Jetzt geht’s los“.

Ich begann mich zu sammeln, nicht weil ich plötzlich mutiger geworden wäre, sondern weil die Welt über mir endlich einmal so durcheinandergeraten war, dass selbst ein junger, heißer Magmakörper wie ich eine Chance witterte. Ich hatte es vorher nie versucht. Warum auch? Über mir lag seit Ewigkeiten ein ordentlicher, fest verbackener Deckel aus alten Sedimenten – Grauwacke, Schiefer, Siltstein, ein paar störrische Quarzadern, verknöcherte Fossilreste und vereinzelte Diabasbrocken, die sich für besonders wichtig hielten.

Und zwischen all dem lag etwas, das damals niemand ernst nahm: feiner, unscheinbarer Glitzer. Sternenstaub. Die letzten Überreste einer Supernova, die die Erde vor Urzeiten eingehüllt hatte wie ein kosmischer Schneesturm. Er war überall – in Poren, in Rissen, in winzigen Körnchen – hübsch, aber bedeutungslos. Niemand wusste, dass ausgerechnet ich ihm eines Tages eine Bestimmung geben würde.

Ein Deckel, der so stabil war, dass selbst ich, tief unten im brodelnden Mantel, wusste: Da kommst du nicht durch, Junge. Nicht mal, wenn du dich aufblähst wie ein übermotivierter Hefeteig.

Doch jetzt, als Gondwana und Laurussia aufeinander zurasten und die Kruste sich zu wölben, zu knautschen und der Harz sich zu falten begann, wurde alles über mir durcheinandergewirbelt. Schichten kippten, rissen, stürzten übereinander wie ein schlecht gestapelter Holzstoß, den jemand im Halbdunkel aufgeschichtet hatte. Und ich, der ich bisher nur still geglüht hatte, spürte zum ersten Mal in meinem Leben: Da oben ist eine Schwachstelle. Da ist ein Riss. Da ist ein Weg.

Ich wurde heißer, dichter, entschlossener. Ich wollte nach oben. Ich wollte Teil des neuen Gebirges werden, das sich ankündigte. Ich wollte ein Titan sein, ein Gipfel, ein Fels, der den Himmel kratzt. Ich war jung, übermütig und voller Kraft, und als die Kontinente schließlich aufeinanderprallten und die Kruste sich faltete wie ein Teppich, den jemand zu hastig zusammenschiebt, dachte ich: Jetzt. Jetzt ist mein Moment.

Ich drängte. Ich schob. Ich stieg. Ich war so sicher, dass ich es schaffen würde, dass ich schon spürte, wie der Wind über meine zukünftigen Flanken streichen würde. Doch dann hörte ich sie, die ganze uralte chaotische Truppe, die das Schicksal mir vor die Nase gesetzt hatte.

Da waren die alten, kantigen Grauwacken, die grundsätzlich gegen jede Veränderung waren und sich sofort querstellten, sobald sie merkten, dass jemand Neues nach oben wollte. Daneben die Schieferchen, dünn, aber zahlreich, die sich wie Spielkarten in jede noch so kleine Lücke schoben und damit jeden Fortschritt blockierten. Die Siltsteine, die sich für viel wichtiger hielten, als sie waren, und ständig meinten, sie müssten „die Struktur bewahren“. Ein paar Quarzadern, die glitzerten, als wollten sie mich ablenken. Fossilreste, die sich beschwerten, dass früher alles besser gewesen sei. Und ein paar Diabas Brocken, die sich für die alten Platzhirsche hielten: „Wir waren Magma, Junge, da warst du noch glühender Gedankenbrei.“ Und mittendrin der Sternenstaub – kosmischer Glitzer, der sich für nichts zu schade war, aber auch für nichts zu gebrauchen. Er funkelte nur, ohne Bedeutung, ohne Aufgabe, ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Sterne starben und Welten geboren wurden.

Als sie sich mir in den Weg stellten, alle zusammen, Schulter an Schulter wie eine geologische Bürgerwehr, da wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig beleidigt. Ich war so heiß, so wütend, so enttäuscht, dass ich – ohne es zu wollen – das Wasser verbrannte, das durch die Risse sickerte. Es zischte, es kochte, und der Sternenstaub löste sich, schmolz, verband sich, sammelte sich in den Spalten, die ich mit meiner Hitze geöffnet hatte. Und in diesem Moment, in diesem einzigen, glühenden Trotzakt, erschuf ich sie: die ersten Erzadern des Harzes.

Der Sternenstaub, der zuvor nur wie vergessener Glitzer in den Sedimenten gelegen hatte, begann in meiner Hitze zu schmelzen. Das überhitzte Wasser riss die Metalle mit sich, trug sie in die Risse, die ich geöffnet hatte, und dort kristallisierten sie zu etwas Neuem, etwas Glänzendem, etwas, das sofort wusste, dass es nun Bedeutung hatte. Aus kosmischem Staub wurden Erzadern, und sie strahlten mit einer Freude, die fast an Eitelkeit grenzte.Sie betrachteten sich selbst wie frisch geschmückte Königinnen und ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre neue Schönheit genossen. Doch kaum hatten sie sich an ihrem eigenen Glanz sattgesehen, wandten sie sich mir zu, und in ihren metallischen Stimmen lag ein spöttischer Unterton. „Siehst du das?“, flüsterten sie mit süßlicher Überheblichkeit. „Wir sind etwas Besonderes geworden, und du liegst da unten fest, bevor du überhaupt oben warst.“
Sie funkelten, als hätten sie gerade einen Preis gewonnen, und machten sich über mich lustig, obwohl sie alles, was sie waren, meiner Hitze verdankten. Ich hätte gelächelt, wenn ich noch flüssig gewesen wäre, denn ihr Hochmut war so durchsichtig wie ihr Glanz. Doch am Ende blieb es dabei: Sie hatten ihren Auftritt, und ich musste mich geschlagen geben.

Doch so sehr ich drängte, so sehr ich hoffte, so sehr ich mich gegen die Sediment WG stemmte, irgendwann kam der Punkt, an dem meine Kraft nachließ. Die Grauwacken standen wie eine Mauer, die Schieferchen schoben sich in jede Lücke, die Siltsteine predigten Struktur, die Quarzadern glitzerten ablenkend, die Diabase gaben den alten Magma General, und die frisch entstandenen Erzadern kicherten über ihren eigenen Glanz. Ich spürte, wie mein Aufstieg langsamer wurde, wie die Hitze in mir zu flackern begann, und schließlich musste ich akzeptieren, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen würde.

Ich erstarrte. Nicht plötzlich, sondern in einem langen, schweren Atemzug der Erde, der mich von innen nach außen erfasste. Die Hitze wich aus mir wie ein letzter Gedanke, der sich verabschiedet. Die Bewegung verstummte. Die Welt wurde still. Und ich, der einst geglüht hatte wie ein Herz aus Feuer, lag nun fest und unbeweglich im Dunkeln.

Es war ein seltsames Gefühl, plötzlich ohne mein Feuer zu sein. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass es enden könnte. Ich war immer davon ausgegangen, dass ich weiterdrängen würde, weitersteigen, weiterkämpfen. Doch nun lag ich da, ein Körper aus Kristallen, der sich nicht mehr rühren konnte, und fragte mich, was eigentlich schiefgelaufen war.

Ich dachte an meine Zeit im Mantel zurück, an das Brodeln, das Strömen, das Lachen der anderen Magmen, die neben mir gelebt hatten wie ein glühender Schwarm. Wir waren ein Team gewesen, ein Feuerchor, der die Erde von innen heraus formte. Und jetzt war ich allein. Kein Puls mehr, kein Fließen, kein vertrautes Grollen. Nur Stille.

Ich wurde älter. Millionen Jahre älter. Und je länger ich dort lag, desto mehr Zeit hatte ich, über alles nachzudenken. Ich fragte mich, ob ich zu früh gedrückt hatte, zu ungestüm, zu sicher, dass die Welt mir den Weg freigeben würde. Vielleicht hätte ich warten sollen, wie die alten Vulkane, die geduldig Druck aufbauen, bis der Moment perfekt ist. Vielleicht hätte ich mich weniger auf meine Kraft verlassen und mehr auf die Zeichen hören sollen. Vielleicht war ich einfach zu jung gewesen, zu heiß, zu überzeugt davon, dass mir der Himmel zustand.

Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich gescheitert war – und dass ich es nicht einmal richtig verstanden hatte.

Und während ich so dalag, schwer und still und voller Fragen, begann die Erde eines Tages erneut zu grollen. Es war kein jugendliches, ungestümes Grollen wie damals, sondern ein tiefes, altes, entschlossenes. Ein Grollen, das nicht fragte, ob jemand bereit war, sondern einfach sagte: „Es ist Zeit.“

Diesmal war es Afrika, das sich in Bewegung setzte, ein Kontinent, der nie leise auftritt. Es schob Europa vor sich her wie ein Bauer einen störrischen Ziegenbock, und Europa ließ sich widerwillig schieben, knirschend, murrend, aber ohne echte Gegenwehr. Die Spannung sammelte sich wieder in der Tiefe, und sie sammelte sich – bei mir.

Ich spürte es sofort. Ein Ziehen. Ein Erwachen. Ein leises Flackern, das sich anfühlte wie die Erinnerung an mein altes Feuer.
Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit dachte ich: Vielleicht bekomme ich eine zweite Chance.

Als die Kräfte der Erde mich ein zweites Mal nach oben drückten, spürte ich, wie sich die alten Schichten über mir erneut spannten. Doch diesmal war ich nicht mehr der junge, ungestüme Magmakörper, der sich an ihnen die Zähne ausbiss. Ich war ein Pluton geworden – schwer, mächtig, zusammenhängend wie ein einziger gewaltiger Gedanke aus Stein. Und als ich mich hob, hob ich sie alle mit.

Die Grauwacken, die mich einst blockiert hatten, rutschten mit mir nach oben, ob sie wollten oder nicht. Die Schieferchen, die sich früher in jede Lücke gedrängt hatten, klebten nun an meinen Flanken wie dünne Seiten eines alten Buches. Die Siltsteine, die so gern Struktur bewahren wollten, wurden von mir in neue Formen gefaltet. Die Quarzadern glitzerten in meinen Rissen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Die Diabase brummten, dass sie das alles schon einmal erlebt hätten, ließen sich aber tragen wie alte Generäle, die wissen, wann sie sich auf jemanden verlassen können. Und selbst die Erzadern, die sich so gern über mich lustig gemacht hatten, funkelten nun in meinem Inneren, als wären sie stolz darauf, Teil von etwas Größerem zu sein.
Ich trug sie alle. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Trotz. Sondern weil ich es konnte. Weil ich stark genug geworden war, um die ganze Geschichte mitzunehmen.

Und tatsächlich – für einen Moment sah es so aus, als würde ich es schaffen. Die Nordharzrandstörung knackte, ächzte, gab nach wie eine Tür, die viel zu lange verschlossen war. Ich spürte, wie die Welt dünner wurde, wie die Kälte der Oberfläche näherkam, wie die Hoffnung in mir wuchs. Ich war so nah, dass ich glaubte, den Himmel riechen zu können.

Doch selbst mit all dieser Kraft, selbst mit all diesen Schichten, die nun auf meinem Rücken lagen wie Erinnerungen, blieb das Harzvorland unbeweglich. Es ließ mich nicht durch. Es hielt mich auf, ruhig und unerschütterlich, und entschied, dass ich kein Berg werden würde.

Aber ich war nicht mehr der, der ich früher gewesen war. Ich war gewachsen. Ich hatte sie alle mitgenommen. Und ich würde bleiben.

Doch während ich dort lag, schwer und unbeweglich unter der Harzscholle, begann ich zu begreifen, was ich geworden war. Ich war kein gescheiterter Gipfel, kein unvollendeter Titan, kein Stein, der zweimal vergeblich nach dem Himmel gegriffen hatte. Ich war etwas Größeres, etwas Tieferes, etwas, das nicht jeder sehen durfte, aber jeder spüren konnte.

Ich war der Träger des Harzes.

Nicht oben, nicht sichtbar, nicht stolz in den Himmel ragend – sondern darunter, als Fundament, als Wurzel, als Herz aus Stein, das die ganze Scholle hob. Ohne mich hätte sich nichts erhoben. Ohne mich gäbe es keine Klippen, keine Täler, keine Höhenzüge. Ich war der Grund, warum das Gebirge überhaupt existierte.

Ich war ein Berg, nur anders als die anderen. Ein Berg, der von unten trägt. Ein Berg, der die Welt hebt, statt über ihr zu stehen.
Und doch gönnte mir die Erde einen kleinen Trost: einen einzigen Ort, an dem ich die Oberfläche berühren durfte. Einen Spalt, eine Linie, eine Störung, die mich freilegte wie ein Geheimnis, das zu groß war, um für immer verborgen zu bleiben.
Die Nordharzrandstörung.

Dort durfte ich hinausschauen. Dort durfte ich atmen. Dort durfte ich zeigen, wer ich war – nicht als Gipfel, sondern als Ursprung.
Ich war kein Berg, der den Himmel kratzt. Ich war der Berg, der den Harz trägt. Und an dieser einen Stelle, an diesem schmalen Fenster zur Welt, durfte ich mich zeigen, rund und warm und voller Geschichte. Ein Wollsack, ja. Aber ein Wollsack, der ein Gebirge hält.

Doch während ich dort lag, tief unter der Harzscholle, begann ich zu spüren, wie die Zeit an mir arbeitete. Nicht mit Gewalt, sondern mit der geduldigen Beharrlichkeit, die nur die Erde kennt. Regen fiel, Frost drang in meine Risse, Flüsse nagten an meinen Flanken, und die Jahrmillionen glitten über mich hinweg wie ein ruhiger Atemzug. Ich verwitterte, langsam, stetig, unaufhaltsam. Jeder Kristall, der sich löste, erzählte ein Stück meiner Geschichte weiter, und ich wusste, dass es eines Tages so weit sein würde, dass ich ganz verschwinde.

Es war nicht das, was ich mir als junges Magma erträumt hatte. Damals wollte ich hoch hinaus, wollte ein Gipfel sein, wollte den Himmel berühren und die Welt überblicken. Ich wollte ein Titan werden, ein Berg, der seinen Namen in den Wind schreibt. Doch das Leben – selbst das eines Granits – verläuft selten so, wie man es sich in seiner glühenden Jugend ausmalt.

Jetzt, alt und weise, verstand ich, dass alles seine Zeit hat. Mein Feuer hatte seine Zeit gehabt. Mein Drängen hatte seine Zeit gehabt. Mein Scheitern hatte seinen Sinn gehabt. Und selbst meine Verwitterung war kein Verlust, sondern ein Weitergeben.
Denn jeder Splitter, der sich von mir löst, wird zu Sand, zu Kies, zu Boden. Er nährt Wälder, füllt Flüsse, baut Täler. Ich gehe nicht einfach. Ich werde Teil von allem.

Und solange ich noch da bin, solange meine runden Rücken aus der Erde schauen, werde ich bleiben, wie ich bin: ein stolzer Granit, der den Harz trägt. Vom Okertal bis hinauf zum Brocken liege ich unter allem, was wächst, wandert, rauscht und lebt. Ich bin kein Gipfel, der den Himmel kratzt, aber ich bin das Fundament, das ihn hält.

Und wenn eines Tages mein letzter Kristall sich löst und die Erde mich weiterträgt, dann gehe ich nicht als gescheiterter Berg, sondern als einer, der wusste, dass Größe nicht immer oben beginnt, sondern oft tief unten.

Bis dahin aber bleibe ich hier – rund, warm, verwitternd, und stolz darauf, der Granit des Harzes zu sein.
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Als seine Stimme langsam verklang und die Erde wieder still wurde, standen wir einen Moment schweigend bei ihm.
Und ich, Nuki, hab ihm zum Abschied noch einmal die Nase auf seine warme Rundung gedrückt, weil selbst ein alter Feuerstein manchmal jemanden braucht, der ihm zuhört. Frauchen lächelte leise, als hätte sie gerade ein Geheimnis verstanden, das nur die Erde selbst verrät. Und während wir weitergingen, dachte ich, dass manche Seelen so groß sind, dass man sie ein Stück weit mit sich trägt — selbst wenn sie aus Stein sind.

Bis bald
Eure Nuki 🐾

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