26/08/2021
+ Aus Spargelland zum Ostseestrand - Radtour von Beelitz nach Warnemünde +
Freitag geht's los, so war unser Plan. Doch Petrus hatte andere Pläne für den 09.07.2021. Regen und Wind peitschten den ganzen Tag. Aber die Vorhersage versprach baldige "Besserung" und hatte recht. Am nächsten Morgen des Samstag kehrten blauer Himmel und Sonnenschein zurück und dabei eine angenehme Kühle. Kleines Frühstück, Taschen ans Rad, Mobiltelefon aus, GPS an, Karten griffbereit, Startfoto und los ging's frohgemut in Richtung Norden, immer der Ostsee entgegen. Auf sandigen Wald- und Feldwegen, vom Regen fest, rollten wir entspannt über Klaistow und Bliesendorf und weiter auf meist ausgebauten Radwegen nach Brandenburg an der Havel. Dort gab es eine kurze Rast mit leckerem Eis für meine Gattin und nettem Plausch mit einer ortskundigen und rüstigen Oma auf Rad. Und weiter trugen uns die Räder, vorbei an Kleingärten und stillgelegten Industriebrachen, auf die kleine Fähre über die Havel und durch stillen Wald entlang des Breitlingsee in Richtung Kirchmöser. Die Radwege füllten sich mit hungrigen Badegästen, ebenso die Strandkneipen und so suchten und fanden auch wir unseren Rast- und Schlafplatz für die erste Nacht auf Tour. Kurz vor Kirchmöser, direkt zwischen Ufer und Radweg im Schatten hoher Bäume schlugen wir nach 49,8 km und reichlich sechs Stunden Fahrt unser MSR-Zweipersonenzelt auf. Gekocht wurde erstaunlich schmackhaftes aus der Tüte (Davert, Bio-Cup-Gerichte) mit eigenhändig gefiltertem Seewasser auf unserem bewährten Jetboil-Kocher. Ein wunderschöner Sonnenuntergang über dem See beendete unseren ersten Tag auf der Strecke.
Am nächsten Morgen, nach leichtem und leckerem Porridge-Imbiss sowie mit frisch gebrühtem Kaffee und Tee, sattelten wir unsere frisch geölten Räder und rollten unter praller Sonne am wolkenlosen Himmel auf dem längsten Fernradweg Deutschlands ("Tour Brandenburg") durch Kirchmöser und den Schlosspark Plaue. Hier verließen wir den Fernradweg und fuhren eine selbst ausgewählte, ruhigere und kürzere Strecke auf Wald- und ausgebauten Radwegen nach Millow. Dort gönnten wir uns eine kurze Pause an der wunderschönen Feldkirche und füllten im Pfarrhaus unsere vier 1-Liter-Wasserflaschen auf. Weiter auf dem sehr gut ausgebauten und ausgeschilderten Havelradweg, durch viele kleine Dörfer mit Störchen, immer entlang der Havel erreichten wir mit leichtem Rückenwind und bester Laune gegen 18 Uhr den kleinen Ort Schollene an der Havel. Die gemütliche Gaststätte "Zur Linde" im Ort geöffnet und gut besucht, ergatterten wir den letzten Tisch auf der Terrasse. Kaltes Bier, leckeres Essen und nette Tischgesellschaft machten den Besuch zu einem angenehmen Erlebnis. Einige Kilometer weiter bauten wir nach heute 74,2 km und knapp zehn Stunden auf dem Rad unser Zelt am Rande einer großen Wiese im Schutze einer Hecke aus Bäumen und Sträuchern auf. Meinen Plan außerhalb vom Zelt zu schlafen, durchkreuzten oder besser durchstachen allerdings die Scharen hungriger Mücken. Auch die wollen leben, klar, aber ich wollte schlafen. So blieb nur die Flucht ins schützende Zelt.
Nach einer angenehm kühlen und stillen Nacht unter sternenklarem Himmel trockneten wir Zelt und Schlafsäcke in der wärmenden Morgensonne. Leichtes Frühstück und schon folgten wir bei sommerlichem Bilderbuchwetter weiter dem Havelradweg durch beschauliche kleine Dörfer und entlang der weiten Havelwiesen in die Hansestadt Havelberg. Dort gönnten wir uns beim Bäcker am Markt ein kleines Frühstück am Tisch im Schatten der Bäume. Mit reichlich Sonne und Rückenwind rollten wir zufrieden weiter und hoch oben auf dem Damm zwischen Havel und Elbe in Richtung Wittenberge. Tolle Strecke mit herrlichem Ausblick und weniger Radverkehr als erwartet auf dem beliebten Elberadweg! Bei sommerlicher Hitze genehmigten wir uns eine kurze Ruhepause an und ich ein erfrischendes Bad in der Elbe; mein erstes in diesem Fluss und noch immer am Leben. Am frühen Abend erreichten wir nach 61 km und knapp acht Stunden den wunderschönen "Deichhof Garsedow" mit liebevoll eingerichteten Unterkünften im Landhausstil, herzlichen Gastgebern und einem süßen Hund vor den Toren von Wittenberge an der Elbe. Das frisch gezapfte Bier unter uralten Walnussbäumen und ein spontan freies Doppelzimmer in dieser Idylle fühlte sich an wie die Ankunft im Paradies. Ohne Gepäck radelten wir noch zum edlen Speisen im Freien ins beliebte Brauhaus auf dem Gelände der ehemaligen Ölmühle in Wittenberge. Müde und glücklich schliefen wir ein, mal wieder im Bett.
Gegen 8 Uhr lockten uns Sonne, Hahnenrufe und das Zwitschern der Vögel aus den Federn. Geplant war Weiterfahrt, doch spätestens das paradiesische Frühstück im Garten wie Eden zwang uns zu einem willkommenen Ruhetag. Den nutzten wir, um Wittenberge und Umgebung zu erkunden sowie zum Mittagsschlaf auf der Wiese. Dazu kamen Abendbrot im wildbelassenen Künstlergarten und ein spätes Bier, selbst gezapft im Deichhof unter Walnussbaum und sommerlichem Sternenhimmel.
Nach einer weiteren Nacht im gemütlichen Bett und am Gartentisch mit liebevoll bereitetem Frühstück sattelten wir unsere Räder und folgten der Karte auf Radwegen, ruhigen Straßen und stillen Waldwegen in Richtung Parchim. Etwas bewölkt blieb es beim Rückenwind aus Südwest. Dann endlich, in Berge in der Prignitz, kurz vor "Meck-Pomm" fanden wir ihn doch noch, den scheinbar einzigen noch handwerkenden Landbäcker auf der gesamten Strecke, die "Bäckerei Schumacher". Leckerer Kuchen für unter 1€ das selbst gewählte Riesenstück, Brot und Brötchen für unterwegs sowie ein längerer Plausch mit der netten Verkäuferin bleiben in angenehmer Erinnerung. Vorbei mit locker ging es kurz vor Parchim in die Ruhner Berge, mit der nach den Helpter Bergen zweithöchsten Erhebung in Mecklenburg-Vorpommern. Die über 170 m Gipfelhöhe mit kleinem Aussichtsturm und überdachter Picknickbank hatten wir hier nicht erwartet. Doch nach Rauf geht's immer wieder runter und nach einigen weiteren Kilometern durch Feldflur mit angebautem Hanf und durch stillem Wald stiegen wir nach heute 73,5 km und reichlich acht Stunden kurz vor 19 Uhr am Café & Pension "Am Brunnen" direkt am kleinen Flüsschen Elde (längster Fluss Mecklenburgs) von den Rädern. Auch hier gab's von den netten Gastgebern noch das letzte freie Zimmer für uns. Dazu kam ein willkommener und gut besuchter Hausgrillabend mit Bratwurst vom zertifizierten Thüringer Grillmeister und ein kühles Lübzer vom Fass.
Am nächsten Morgen, ausgeschlafen und gut gefrühstückt, schlängelten wir uns bei wieder reichlich Sonnenschein durch das schöne Parchim. Nach kurzem Stopp für eine aktuelle Ausgabe der bewährten Fahrradkarte von Kompass (1:70.000) bei der örtlichen Tourist-Info ging es weiter auf zumeist stillen Wegen und kaum befahrenen Straßen bei hochsommerlichen Temperaturen nach Sternberg. Dort am Brunnen auf dem sehenswerten Markt erfrischt, gab's ein fruchtiges Eis für meine Frau und ein eiskaltes Lübzer für mich. Weiter bergauf und bergab durch die verträumte Landschaft aus Wäldern, Feldern, Wiesen und Wässern erreichten wir kurz vor 20 Uhr, nach 75,5 km und knapp 10 Stunden den Campingplatz in Neukloster. Unweit vom See gelegen, platzierten wir unser Zelt auf einer großen, ruhigen Wiese. Warmes Essen gab es wieder aus der Tüte und dazu zwei kühle Büchsenbier von Lidl. So endetet die vorletzte Etappe unserer Tour, müde, entspannt und rundum glücklich.
Gut geschlafen, sprang ich am frühen Morgen in den noch stillen Neuklostersee. Kein Kaffee der Welt belebt die Sinne und Lebensgeister mehr als ein morgendlicher Sprung ins kühle Nass. Nach kleinem Frühstück mit Tee und Kaffee erfolgte die alltägliche Wegeplanung althergebracht "offline" auf gedruckter Fahrradkarte. Der auserwählte Weg führte uns bei hochsommerlichen Temperaturen auf unserer letzten Etappe weiter unter schattigen Alleen auf kaum befahrenen Straßen, Rad- und Feldwegen durch die malerische Mecklenburger Hügellandschaft über Kröpelin bis Vorder Bollhagen. Auf dem dort traumhaft gelegenen BIOLAND-Gut nach heute 41 km und fünfeinhalb Stunden angekommen, erwarteten uns unsere Kinder und Hunde. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendbrot und dem Einzug in unsere vorbereiteten Betten bei einer lieben Bekannten im Dorf.
Nach drei gemütlichen Tagen am und im Meer, einschließlich Familiengeburtstag auf dem Lande, sattelten wir am Montag den 19.07.2021 wieder unsere Räder. Diese trugen uns auf dem Ostseeradweg, immer am Meer entlang, über 20,9 km durch den malerischen Gespensterwald Nienhagen nach Warnemünde. Hier erwarteten uns mittlerweile ungewohnte Menschenmassen und das Endziel unserer Tour. Zurück nachhause brachten uns in wenigen Stunden die Rostocker S-Bahn und Regionalbahn. Mit einem kühlen Bier auf der heimischen Terrasse gedachten und feierten wir schließlich unsere insgesamt 395,9 km lange Radtour von Spargelland zum Ostseestrand.
Längst zurück im Alltag, schwärmen wir noch immer von dieser wundervollen Reise auf zwei Rädern. Nur mit Muskelkraft und ganz bewusst ohne "E" schlängelten wir uns das zweite Mal in Folge durch ein traumhaftes Nordostdeutschland, mit reichlich Sonne von oben und den Wind immer von hinten. Und ja, nicht vergessen werden wir die vielen zufälligen Begegnungen mit wundervollen Menschen, Tieren und Pflanzen am Wegesrand. Ein Privileg des langsamen Reisens auf Fahrrad oder Sohlen! Auf das Wesentliche reduziert - Bewegen, Essen, Schlafen - erlebten und genossen wir Erholung pur für Körper und Geist und ein Feuerwerk für alle Sinne. Sehen, Hören, Riechen, Spüren der gemächlich vorbeiziehenden Welt wie es beim Reisen mit Auto, Bahn oder Flugzeug einfach nicht möglich ist. "More in touch with the world, with life", so beschrieb ein passionierter Radler aus den USA in wenigen Worten treffend das Reisen mit Fahrrad. Unbedingt wieder und so planen wir auch im kommenden Jahr durch Land und Urlaub zu radeln.