09/01/2022
Irgendwo in Deutschland läuft ein Pferd SO herum
Manchmal möchte ich mir die Augen bleichen. Immer dann, wenn ich auf Social Media sehe, was manche Leute mit ihren Pferden treiben. Nein, nicht unbedingt, wenn die nen Schlitten ans Pferd hängen oder es bemalen … das ist mir egal (wobei der Schlitten auch schon echt ein heikles Thema ist). Aber so abgebrüht muss man sein - schließlich hat jeder Mal Quatsch mit seinem Pferd gemacht. Nein, ich rede mehr von so total verstörenden Sachen. Pferde mit selbstgeraspelten Hufen, wo der Strahl nicht mal mehr erkennbar ist oder lustige Selfmade-Gebissloszäume, die dem Pferd alles abschnüren (auch das Auge … warum sitzt das im Auge?). Und man muss sich vor Augen halten: So läuft hier irgendwo in Deutschland ein Pferd herum. Das arme Ding.
Denn ja, im Ausland, gerade in Ländern, wo Armut vorherrscht, ist es kein Zuckerschlecken, wenn man ein Tier ist. Aber Deutschland ist ein reiches Industrieland, wo jeder Zugang zu Wissen hat. Nichts wird zensiert, schon mal gar nicht, wie ein korrekter Pferdehuf auszusehen hat oder wie ein Gebissloszaum funktioniert und wie er sitzen muss. Auch nicht, wie man ein Pferd füttert (und womit), wie man eine Wunde erstversorgt oder wo man einen Tierarzt findet. Echt nicht. Das enthält euch niemand vor. Man muss nur seine Fingerchen bemühen und das Internet benutzen. Dafür muss man tippen. Sonst nichts. Trotzdem sieht man hier immer wieder vollkommene Fehlurteile in Foto oder Videoform und muss dann noch lesen, dass es sich hier um das Nonplusultra handelt. Und das tut es so gut wie nie.
Zum Beispiel der Huf. Den habe ich irgendwo angetroffen. Das Pferd hat schnell die Eisen abgezogen bekommen (weil Eisen böse) und dann wurde da rumgeraspelt. Hat jetzt halt einen Strahl mehr (obwohl doch, da ist noch ein pechschwarzes Ding übrig … das stinken muss wie Hundekacke), Trachten gibt’s halt auch nicht mehr und vom Rest wollen wir gar nicht erst anfangen. Mein Schmied fragt mich vermutlich beim nächsten Termin: Haste mal n Bild? - Sorry, ich find’s nicht mehr, ich sag’s jetzt schon! Na, jedenfalls war es gruselig. Und dann wird das noch als das Nonplusultra hingestellt, während das Tier vermutlich kaum noch ohne Schmerzen auftreten kann. Und dann denkst du dir: Das ist nicht irgendwo in Rumänien, wo die Leute es nicht besser wussten oder keiner sich kümmert, weil das einfach nicht wichtig ist - nein, das ist hier in Deutschland, von selbsternannten Pferdeverstehern verbrochen.
Versteht mich nicht falsch. Neue Wege und Alternativen sind per se nicht schlecht. Ersetzen aber doch nicht automatisch Tierarzt, Fachmann beim Sattel oder beim Huf, die Biomechanik oder eine naturnahe Fütterung. Und damit wir uns gleich richtig verstehen: Mangos sind nicht naturnah, nur weil die aus der Natur sind. Pferde leben nicht in Gegenden, wo Mangos wachsen (wo wachsen die eigentlich?). Ungefähr so auf dem Niveau bewegen wir uns. Es ist nicht deswegen gut, weil es anders ist. Aber das scheint derzeit in den Köpfen der Reiter umzugehen. Sicherlich auch, weil sie mit vielem, was von “offiziellen” Stellen der Reiterei verbockt wurde, nicht zufrieden sind und gerne andere Wege gehen wollen. Aber anders ist eben noch lange nicht gut.
Foto: Glitzerpferd.