08/09/2026
Ich höre enorm gerne Musik. Sie begleitet mich durch mein Leben, bewegt mich, verändert Stimmungen und öffnet Räume in mir, für die ich manchmal selbst keine Worte habe. Eine Zeitlang habe ich sogar selber Musik produziert.
Dann höre ich diesen Blues-Sänger Dusty Rivers mit «Something Good Is Coming». Eine Stimme, rau, warm, voller gelebtem Leben. Ein Blick auf den Videoclip und es war klar: Die Musik ist KI-generiert.
Und plötzlich war da neben der Berührung noch etwas anderes. Irritation. Faszination. Und eine ganze Menge Fragen. Denn was genau hatte mich da eigentlich berührt?
Die Stimme klingt nach einem Menschen. Sie transportiert Verletzlichkeit, Sehnsucht, Kraft, Gefühl. Aber hinter ihr steht kein Mann, der all das erlebt hat. Kein Mensch, der im Studio stand und diesen Song eingesungen hat. Kein Körper, in dem diese Stimme entstanden ist.
Wie kann etwas, das selber keine Gefühle hat, Gefühle in uns erzeugen?
Wir verbinden Kunst mit menschlicher Erfahrung. Jemand schreibt über eine verlorene Liebe, weil er diese Liebe verloren hat. Musiker verbringen Jahre damit, ihr Instrument zu lernen, entwickeln ihren eigenen Klang, scheitern, probieren, verwerfen, beginnen von vorne. Hinter Musik steckt ein Leben.
Und nun gibt es eine Technologie, die innerhalb weniger Minuten Songs erzeugen kann. Wir bestimmen Genre, Tempo, Instrumentierung, Stimmung, Stimme und Text. Das Ergebnis kann erstaunlich sein. Und wunderschön.
Deshalb ist es mir zu einfach, KI-Musik als seelenlos abzutun. Denn wenn mich ein Song berührt, ist diese Berührung real. Und damit lande ich bei einer Frage, auf die ich keine schnelle Antwort habe:
Braucht Kunst einen Menschen, der sie erschafft - oder nur einen Menschen, der von ihr berührt wird? Vielleicht entsteht Kunst auch zwischen den beiden?!
Eine KI kennt keinen Liebeskummer. Keine Kindheit. Keinen Verlust. Sie kennt keinen Körper, der beim Singen vibriert, keine Aufregung vor einem Konzert, keinen Moment, in dem ein Raum plötzlich still wird, weil etwas geschieht, das niemand geplant hat.
Und trotzdem kann sie all das in mir wachrufen. Das fasziniert mich. Trotzdem bleibt für mich ein Unterschied: Wenn Leonard Cohen «Hallelujah» singt, höre ich nicht nur Töne. Da ist ein Mensch. Eine Biografie. Ein Körper. Eine Geschichte. Jahrzehnte eines Lebens haben diese Stimme geformt.
Was sind deine Gedanken dazu?