12/05/2022
"Meine persönliche Rückbildungsreise"
Heute darf ich hier den Erlebnisbericht einer Frau veröffentlichen, die ich in ihrer Rückbildungszeit betreuen durfte...oder sollte es besser "Neubildungs-Zeit" heissen?
Danke, liebe Rahel, dass Du uns einen so persönlichen Einblick gewährst!
"Vor der Geburt meines ersten Sohnes im 2019 habe ich regelmässig Sport getrieben Am liebsten Geräteturnen und Gymnastik, Yoga und Bike. Ich habe mich sehr wohl in und mit meinem Körper
gefühlt und war immer stolz auf meine Körperspannung und Haltung.
Betreffend Rückbildung habe ich mir nach der ersten Geburt noch keine grossen Gedanken gemacht und lediglich einen Gruppenkurs mit Baby besucht. Ich turnte auch bald wieder und Yoga und Biken war auch wieder drin.
Dann kam Corona und die zweite Schwangerschaft. Mit einem Kleinkind zuhause konnte ich mich nicht mehr so ausruhen wie in der ersten Schwangerschaft und litt an Beschwerden (Bänder,
Rücken.)
Nach der zweiten Geburt fühlte ich, dass sich mein Körper mehr verändert hatte als nach der ersten Schwangerschaft und Geburt und das Bedürfnis nach einer optimalen Rückbildung war
gross. Neben der körperlichen Veränderung war aber auch die emotionale Belastung viel grösser als nach der ersten Schwangerschaft und Geburt und ich fühlte mich sehr zerbrechlich.
Von meiner Hebamme wurde mir Elena für die Rückbildung empfohlen.
Ich hatte intensive Trainingseinheiten erwartet und habe viel Verständnis und „Baby-Steps“ Anleitungen erhalten. Mir wurde aufgezeigt, dass ich nicht drei mal die Woche für eine Stunde
trainieren zu brauche - dass Rückbildung auch bewusstes Treppensteigen sein kann. Oder auch nur bewusstes Atmen. Und vor allem - das es ok ist im ersten Moment zu hadern mit dem
veränderten Körper, den vielen Emotionen und dem Gefühl es sei einfach etwas viel.
Das ist nun fast ein Jahr her - ein aus meiner Sicht sehr sehr anspruchsvolles aber für mich persönlich auch sehr lehrreiches Jahr.
Habe ich doch vorher auch immer geglaubt immer funktionieren zu müssen und dass der Körper nach der Geburt sofort wieder so sein soll wie vor der Schwangerschaft. Schliesslich wurde ich so
sozialisiert und die Sozialen Medien sind voll von perfekten After-Baby-Bodies.
Heute weiss ich - es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die körperliche Veränderung vor, während und nach einer Schwangerschaft weniger Tabuthema sind und die Zeit erhalten, die sie benötigen.
Schliesslich sind es genau diese Körper in denen diese wunderbare Wesen, die wir unsere Kinder nennen dürfen, gewachsen sind. Diese Körper, die diese Kinder wärmen, ihnen Halt geben und für
unsere Kinder immerzu perfekt sind. Unsere Kinder fangen mit rund einem Jahr an zu laufen - wieso erwarten wir von unseren Körpern also drei Monate nach einer Geburt wieder „wie früher zu
sein“.
Mittlerweile turne ich wieder wie früher - ohne Einschränkungen. Ich habe aber ausser den „Baby-Steps-Tipps“ von Elena nie extra trainiert - ich habe mir und meinem Körper einfach Zeit gelassen
und akzeptiert, dass sich dieser unwiderruflich verändert hat und auch immer wieder wird. Wenn ich aber meine beiden Kinder betrachte und auch mich weiss ich, dass es jede Veränderung wert
war.
Was ich mir wünsche ist, dass die unnatürliche Erwartungshaltung dass unsere Körper wieder gleich sein werden wie vor der Schwangerschaft verschwindet. Dass die körperliche Veränderung
kein Tabuthema mehr ist und vor allem:
Menschen, die einem in dieser wichtigen Veränderungsphase signalisieren: es ist OK, Du bist OK, Du machst das OK!"