28/12/2016
Gedanken zum Jahreswechsel
Für viele von uns war 2016 wohl eines der aufgeladensten Jahre überhaupt. Die USA und Österreich haben einen neuen Präsidenten, Großbritannien hat sich gegen einen Verbleib in der EU entschieden, viele großartige Menschen sind von uns gegangen und im nahen Osten ereignete sich eine der größten humanitären Katastrophen der neueren Geschichte.
Für mich privat war 2016 eines der besten und gleichzeitig DAS beschissenste Jahr überhaupt. Ich hab viele schöne Länder bereist, interessante Menschen kennengelernt, den wahren Wert von guten Freundschaften erkannt, aber auch die schlimmsten und dunkelsten Wochen meines Lebens erlebt.
Die letzten Monate waren nicht leicht für mich und ich musste mir professionelle Hilfe suchen, um nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren und darum soll es in diesem Beitrag gehen.
Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dieses doch sehr private und sensible Thema hier veröffentlichen soll, allerdings glaube ich vielleicht dem ein oder anderen mit meinen Worten helfen zu können:
Vor einigen Monaten ist eine geliebte Person aus meinem Leben verschwunden. Ich dachte ich wäre stark genug den Verlust wegzustecken, doch die Umstände, die dazu führten, wiegen schwerer als der Verlust selbst. So schwer, dass mein ganzes Leben aus der Bahn geworfen wurde. An Essen, Arbeit Uni, oder ein einigermaßen positives Selbstbild war nicht mehr zu denken und die einzige Stütze, die mich nach wie vor hält, sind Freunde, die unglaublich sind. Freunde, die mich spontan anrufen, weil sie "spüren" dass etwas nicht in Ordnung ist. Freunde, denen man ohne Scham sagen kann wie man fühlt und die einen in den Arm nehmen, wenn man es am dringendsten braucht, auch wenn man nach außen den starken, unverwundbaren Macho-Prolo mimt. Diese Freunde waren es aber auch, die erkannten, dass eine Umarmung oder ein Telefonat allein nicht ausreicht um mich wieder auf die Beine zu bekommen. Sie gaben mir den Rat über meinen Schatten zu springen und mir professionelle Hilfe zu holen, was ich auch ohne Umschweife tat.
Warum erzähle ich das? Nun, rund um die Weihnachtsfeiertage war ich am Land bei meiner Familie, die ich über alles liebe. Ich hab wieder viele alte Bekannte getroffen und einige von ihnen fragten enttäuscht, warum ich hier nichts mehr poste. Immerhin würde ich durch meine Postings doch dem ein oder anderen helfen seine Ziele zu erreichen. Ich habe mich also dazu entschlossen, die Seite wieder zu aktivieren und mit diesem Beitrag den ersten Schritt zu tun, ein Tabuthema anzusprechen und womöglich DIR zu helfen, falls du dich in einer ähnlichen Situation befindest.
Ich weiß wie es ist sich völlig alleine zu fühlen, obwohl man unter Leuten ist!
Ich weiß wie es ist, sich wertlos, weggeworfen, hässlich und angespuckt zu fühlen!
Ich weiß wie es ist stundenlang in seinem Zimmer im Kreis zu gehen, zu heulen und sich die Haare vor Verzweiflung zu raufen.
Ich weiß wie es ist vor einem offenen Buch/Skript/whatever zu sitzen und nicht einen einzigen Satz sinnerfassend lesen zu können, weil die Welt um einen sich verdunkelt und Selbsthass alles Positive aus deinem Kopf verdrängt.
Ich weiß wie es ist abends nicht schlafen zu können und morgens nicht aufwachen zu wollen weil jede Sekunde, die man allein verbringt nur Schmerz und Qual bedeutet.
Ich weiß wie sich das alles anfühlt, weil ich das alles gerade erlebe und ich möchte dich dazu animieren dir auch professionelle Hilfe zu holen, wenn dein aktueller Geisteszustand dich an einem normalen Alltag hindert. Und dabei ist es völlig unerheblich wie unbedeutend und lächerlich der Grund für deine aktuelle Situation sein mag: Wenn es dir schlecht geht, lass dir helfen! Vor allem wenn du nicht wie ich das Glück hast einen riesigen Freundeskreis zu haben, der fast rund um die Uhr für dich da sein kann.
Wenn du dir nicht sicher bist, ob du dich trauen sollst den Schritt zu wagen, geh zu deinem Hausarzt und besprich die Situation mit ihr oder ihm. In Österreich werden außerdem bis zu vier Sitzungen bei einem Psychtherapeuten von der Krankenkasse übernommen, also lass dich nicht verunsichern und schon garnicht von irgendjemanden in eine Schublade stecken, sondern lass dir helfen, wenn du die Last des Lebens nicht mehr zu Schultern im Stande bist.
Mir ist es wichtig offen mit diesem Thema umzugehen, denn leider wird psychische Gesundheit oft tabuisiert. Dabei ist es so, dass dich psychische Probleme oft genau so am Alltag hindern können wie physische.
Für mich ist dieser Post auch ein Stück weit Selbsthilfe. Indem ich meine Gedanken gründlich genug sortieren kann, um sie niederzuschreiben, geht es mir schon etwas besser. Seine Gefühlswelt zu Papier zu bringen kann ich nur jedem empfehlen.
Zum Abschluss noch etwas, das mir am Herzen liegt: Auch wenn wir hier alle Getriebene unseres eigenen Ehrgeizes sind, unsere Physis, unsere Kraftwerte, unsere Körperkomposition zu verbessern und damit zu verändern, bist DU trotzdem ein einzigartiger, toller Mensch, dessen Ist-Zustand schon ein Lob wert ist. Klar sollte man immer nach Progress streben und Stillstand nicht akzeptieren, aber man darf niemals aufhören sich selbst zu mögen, auch wenn das oft sehr schwer ist.
Und es gibt sie; die Dinge die 2016 positiv waren, auch wenn gerade nichts positiv zu sein scheint. Suche nach ihnen und du wirst sie finden!
Ich bin 2016 dankbar für drei schöne Reisen die mich quer über den Globus führten, für meine tolle Familie und unglaublichen Freunde, die mich akzeptieren und vor allem mögen wie ich bin und nicht zuletzt bin ich 2016 dankbar für die Entwicklung die ich gerade durchmache. Denn egal wie schlecht es mir auch gehen mag, es gibt Licht am Ende des Tunnels. Und ich weiß, wenn ich dieses Licht erreicht habe, werde ich die stärkste und beste Version meiner Selbst sein! Und du auch!
Dein Coach Sevi