02/02/2019
"Jakob - als Holzwilderer" (erlebt 2014 auf meinem Alpe Adria Trail)
Von Kettensägen, Jägermeister & O.B.s'
(Ich weiß, viel Text, wenig Bilder. Aber am Ende macht das Sinn ;-) )
Ich halte auf meinen Wanderungen immer Augen und Ohren weit offen um lokales und interessante Leute kennen zu lernen. Manchmal rein zufällig, manchmal über Umwege. Diese Begegnungen sind es, die einen Trail für mich ausmachen, einen bereichern. (In der folgenden Geschichte erzähl ich euch in einer Anekdote von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit die ich auf meinen Wegen erleben durfte. Natürlich etwas zu lesen, aber um sich ein echtes Bild dieser Erlebnisse zu machen, darf eine Rahmengeschichte nicht fehlen. -Dialoge möglichst ins "Deutsche" übersetzt-) Und jetzt weiß ich auch warum manche Kollegen die diesen Trail auch gegangen sind ein ganzes Buch darüber geschrieben haben.
So beschloss ich auf meinem Alpe Adria Trail eines Abends in einem kleinen Örtchen, irgendwo im kärntner Mölltal, mir wegen des starken Regens und der Uhrzeit, gegen 20:00, statt meinem Zelt ein Zimmer in einer Pension zu gönnen. In Gedanken schon in einem warmen Zimmer mit Dusche, merkte ich schnell dass ich das "Örtchen" bereits durchquert hatte. "Ende Gelände!" 2 Bauernhöfe, 5 Einfamilienhäuser, eher düster. Nochmal umgedreht las ich dann aber auf einem Haus "Zur Post" und ein uraltes Schild "Zimmer". Zwar von vorne alles dunkel, aber in der Stube brannte Licht. Einen Versuch wars wert! Einmal durch den Garten, klopfte ich ans Fenster. In der geräumigen Bauernstube mit großem Holzofen saßen sicher 10-15 Männer, spielten Karten und qualmten Pfeiffe. Alle drehten sich um, eine Frau kam zum Fenster. (Im Nachhinein doch sehr seltsam, mit meinem Camouflage-Poncho im Dunklen in einem fremden Garten zu stehen!) "JA?!", die Frau war sichtlich irritiert, die Stube im Hintergrund war jetzt komplett still. "Entschuldigens' die Störung - ich wander grad vom Großglockner entlang dem Mölltal, bin jetz bei euch vorbeikommen und hätt des Schild gesehn, Zimmer - wär da vielleicht für eine Nacht was frei?"
"Zimmer?! - Na! Vermieten tun wir scho lang nix mehr! Geschlossen hamma a scho lang - des war einmal! Nur no privat" meint sie freundlich aber bestimmt.
"Auweh, das is schade... Dann heißts wohl ab ins Zelt heid Nacht... Aber dürft ich noch fragen - könnt ich euch evtl ein, zwei Bier zum Mitnehmen abkaufen? Des wär was..."
"Freilich, werd ma schon noch haben." Sie dreht sich um und geht zum Kühlschrank. "Da bist aber weit her wennst vom Glockner runter bist! - Geh Birgit, lassn doch rein sitzn auf a Bier!" Kam von einem der kernigen Herrschaften aus der Runde. "Ja auf a Bier kannst scho zuawa sitzn wennst mogst?!" Also ich bin wirklich der Letzte der irgendwie schüchtern wäre, aber es gibt so Situationen... Naja, nur Mut! "Ja gern!" Einmal ums Haus machte mir die Chefin die Tür auf. "Danke! Griaß di, bin da Jakob!" Vorbei an einer alten "Rezeption" gings in die Kuchl - wo ich erst mal gründlichst von den Hiesigen (Einheimischen) geprüft wurde "Griaß eich - Seavas! Donksche das mi einalossn hobts!" (Begrüßung im Dialekt schafft eher Vertrauen und Zugehörigkeit, Hochdeutsch wäre in solchen Stuben, in solchen Tälern, eher kontraproduktiv). Meinen Poncho ausgezogen, sorgte schon mein übergroßer 25kg Rucksack für Aufsehen. Gleich ein Bier in der Hand, kam ich schnell mit den Ersten ins Gespräch. Spätestens als ich von meinem eigentlichen Weg, den 800km über Slowenien bis Triest erzählt hatte, saß ich komplett im Mittelpunkt. Vom Kopfschütteln bis Begeisterung war alles dabei - interessiert waren sie aber alle - dann auch besonders an der Ausrüstung! Und so kams das ich dann am Tisch saß und einer Gruppe von gestandenen, derben (Berg)Bauern, Waldarbeitern und Jägern vorführte wie ich mit Feuerstahl ein O.B. (Damenhygiene) als Zunder zum Feuer machen verwende, mein Holzvergaser als Kocher funktioniert, oder ich Wasser filtere. Und die Herren waren aufmerksam und fasziniert wie die Schulkinder! Ein kurioses Bild! Man schlägt natürlich lokale Gepflogenheiten nicht aus und so gingen dann auch ein paar Biere und Schnäpse... Im Laufe des Abends lernte ich dann auch Ludwig kennen - ein sogenannter "Holzwilderer". Der sich aber meist ganz legal um Wälder von Besitzern kümmert die das z.b. selbst nicht mehr können, nur einzelne Bäume weg müssen, oder in besonders steilem Gelände. Früher hat er illegal die besonders guten Bäume aus fremden Wäldern rausgeschnitten, deshalb "Wilderer". Bei weitem nicht so trinkfest wie der Rest der Truppe, zeigte ich mich wohl dezent motiviert. Sehr, ja sehr begeistert und interessiert von der Arbeit im Wald - und bot schließlich an, ihn am nächsten Tag - also genauer um 5:00 - "ins Holz" zu begleiten! Die Stube hatte sich bis dahin schon recht geleert, die Chefin saß noch mit einem Hartgesottenen beim Würfeln. "Weißt was, jetz gibts erst mal no a Jausn - und um die Uhrzeit hau i di aussi a nimma - für di find ma schon a Platzerl!" Es dürfte wohl schon deutlich nach 00:00 gewesen sein... "Hammer!" (Ich hätt mein Zelt auch im Garten aufgebaut) Das wär geklärt, aber dank meiner großen Klappe hatte ich jetzt eine andere Sorge... Ludwig sprach über die anstehende Arbeit bereits in der wir-form! - "wirst sehen, dass haben wir schnell erledigt... du machst nur den Anschnitt und legst die Ketten um den Baum - ich reiss ihn dann den Hang rauf..." Waldarbeiter, mit Kettensäge im Steilhang, Restalkohol, kaum Schlaf, Tonnen von Holz und ich mit 70kg... Ja perfekt! Gesagt getan! In einem der Zimmer mit dem Charme längst vergangener Tage, gefühlte zweieinhalb Minuten, in voller Montur gerastet, klopfte es auch schon wieder heftig an der Tür: "Jakob - der Ludwig is da!" Alter Schwede, wie machen diese Menschen das?! Selten hatte ich so damit zu kämpfen nicht einfach zu sagen "ich packs doch nicht!" aber das wär die Schande schlechthin gewesen! Der Stadtbursch der nix aushält und nur groß quatscht... Niemals! Also schwerst angeschlagen auf - den 25kg Sack auf den Rücken gewuchtet - zack, zurück ins Bett geknallt. Nächster Versuch... Im Slalom den Gang entlang und runter - "Tapfer!" meinte Birgit. "Da hast noch a Jausn für später." und drückt mir zwei Wurstsemmeln und ein Bier in die Hand. Sehr lieb gemeint - aber ich muss mich beim Anblick des Bier zusammenreißen. "So a liaba Bua! Pass guad auf auf di!" Vor dem Haus sitzt Ludwig bei laufendem Motor schon in einem alten Pritschenwagen. "Rucksack auf die Ladefläche, los gehts!" Im Radio Volksmusik in voller Lautstärke, die Tasse Kaffee im Getränkehalter schwappt hin und her, der Aschenbecher geht über... Ludwig is kein Mann vieler Worte - was mir grade auch ganz recht ist. Ich habe genug mit meinem Zustand zu kämpfen. Wir fahren und fahren - mittlerweile hat der erste Supermarkt offen und Ludwig besorgt uns Jause. 8 Leberkässemmeln, 6 Bier und 2 Jägermeister scheinen ein übliches Menü zu sein. (ich konnte ihn zu 2 Bananen für mich überreden) Weiter gings bald auf eine steile Forststraße, über Stock und Stein, vorbei an "richtigen Forstarbeitern" mit Schutzkleidung und Traktoren, alles Schnikschnak meint Ludwig! Angekommen an unserem Arbeitsplatz werden erst mal die Kettensägen mit einem Gemisch aufgetankt und die Sägezähne geschärft, ich lade inzwischen Seile und Werkzeug aus. Dann eine kurze Einweisung. (Ich möchte an der Stelle AUSDRÜCKLICH dazu sagen, dass mir durchaus bewusst ist das dieses Arbeiten unprofessionell und gefährlich war und möchte natürlich jedem davon abraten ohne Erfahrung und besonders ohne Schutzkleidung zu arbeiten!!) Anschließend dann das Suchen der richtigen Bäume, nur schöne Buchen solltens sein. Ludwig war im Unterholz verschwunden, da kam er plötzlich mit blutenden Armen aus dem Gebüsch. Ich fragte ihn ob alles o.k. ist. "Andere gehen Blutspenden - ich geh ins Holz...!" lachte er... Er war schon eine Erscheinung! Mit seinem Filzhut den er nie abnahm, raues Gesicht mit der langen Zigarillo im Mundwinkel, Pranken wie ein Bär, Pullover und Jeans werden getragen so lange sie eben halten! Ich bringe im Hang die Ketten und Seile an, Ludwig reißt die Bäume dann mit dem Laster raus. Beim beladen kann ich nur staunen was dieser "alte" Mann stemmt! Unglaublich diese Ur-Kraft - ein Leben voll härtester körperlicher Arbeit, mit so einer Selbstverständlichkeit, da bleibt mir nur tiefster Respekt! Als wir dann in einer Kehre ein paar schöne Stapel fertig hatten und der Wagen beladen war, wars Zeit... Aufsitzen, abgehts! Ludwig fuhr mich zum vereinbarten Punkt nahe des Trails. Der Abschied war dann eigenartig. Irgendwie traurig. Jetzt hätte sich dieser Fels endlich etwas geöffnet. Wir haben zwar Nummern und Adressen auf Zetteln ausgetauscht, aber die hab ich leider noch am Trail verloren, nicht gespeichert...
Und so hat es sich ergeben, dass ich nach einem Zimmer gesucht habe und einen Tag als Holzwilderer gearbeitet hab! Nur eine Erfahrung von vielen, die ich absolut nicht missen möchte!
Warum ich alleine auf eine Hütte aufpasse,
was ich am Trail auf einer italienischen Hochzeit mache
oder wie viele Weintrauben man bei der Ernte essen kann-
ich erzähls' euch demnächst!
Freut mich sehr wenn ihr bis hierhin durchgehalten habt!
Bis bald
mit lieben Grüßen
Jakob