13/06/2026
"Was geht verloren, wenn wir nur noch sehen, was sich berechnen lässt?" Bernd Blase
Gedanken zum Tag
Die Weltwirtschaft verliert an Dynamik. Geopolitische Spannungen nehmen zu. Energie, Inflation und technologische Machtkämpfe bestimmen die Schlagzeilen.
Gleichzeitig erleben wir eine Zeit, in der Künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger wird und viele Prozesse schneller, effizienter und berechenbarer erscheinen.
Doch vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht in der Technologie.
Sondern im Menschen.
Die Psychologie zeigt seit Jahren, dass Identität weniger durch Absichten entsteht als durch wiederholte Handlungen. Nicht das, was wir uns vornehmen, formt uns. Sondern das, was wir täglich tun.
Während wir also über Wachstum, Innovation und künstliche Intelligenz diskutieren, lohnt sich eine andere Frage:
Wächst auch unsere Vorstellungskraft?
Vielleicht besteht Fortschritt nicht darin, immer schneller Antworten zu produzieren. Vielleicht besteht Fortschritt darin, bessere Fragen zu stellen.
In meinem Roman „Als die Farben zu weinen lernten“ begegnet Nathan einer Welt, in der Wahrnehmung wichtiger wird als Gewissheit. Farben werden dort zu Botschaftern von Stimmungen, Ängsten, Sehnsüchten und Wahrheiten, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen.
Gerade in einer Zeit, in der vieles messbar wird, erscheint mir diese Frage wichtiger denn je:
Was geht verloren, wenn wir nur noch sehen, was sich berechnen lässt?
Vielleicht brauchen wir mehr Technologie.
Aber wir brauchen ebenso Fantasie.
Mehr Daten.
Aber auch mehr Vorstellungskraft.
Mehr Wissen.
Aber auch mehr Wahrnehmung.
Denn die Zukunft wird nicht allein durch Algorithmen gestaltet. Sie wird durch Menschen gestaltet, die den Mut haben, hinter die Oberfläche zu schauen.
Oder, um es mit Nathan aus meinem Buch: Als die Farben zu weinen lernten zu sagen:
Manchmal beginnt Wahrheit dort, wo die Farben anfangen zu weinen.