19/03/2026
Traurig, aber wahr!
Eine vom Aussterben bedrohte Art: Das Pflegepferd und die Verantwortung
In den 80er Jahren trieben sich mehr Jugendliche- meistens Mädchen- in den Ställen der Reitvereine herum als es dort Pferde gab. Auch wenn man keine Reitstunde hatte, hielt man sich den ganzen Tag im Stall auf, um nah bei den Pferden zu sein und möglichst viel zu lernen. Zusätzlich hatte man immer die Hoffnung, etwas am Pferd tun zu dürfen. Schritt führen, ein Pferd festhalten, putzen, grasen gehen und das Grösste war es, wenn man ein Privatpferd nach der Stunde trockenreiten durfte. Häufiger putzte man aber Sattelzeug oder fegte.
Die grösste Hoffnung bestand darin, eins der begehrten Pflegepferde zu ergattern. Meistens fing man mit einem Schulpferd an. In der Regel durfte man es nicht dafür zusätzlich reiten- die Pferde gingen ja auch schon so mehr als genug. Aber man war glücklich, ein Pferd zu haben, um das man sich intensiver kümmern konnte und stolz, dass der Reitlehrer dies einem zutraute. Eine deutlich höhere Liga war es, als Pflegepferd ein Privatpferd zu ergattern. Denn dies beinhaltetet neben der Pflege auch zusätzliches Reiten auf einem in der Regel weiter ausgebildeten Pferd, der Traum damals von uns allen.
Dementsprechend waren diese Pferde heiß umkämpft und die Besitzer hatten die Auswahl zwischen vielen pferdebegeisterten jungen Menschen. Bekam man ein solches Pflegepferd, war das neben der Freude auch eine zusätzliche Auszeichnung. Man war stolz, dass der Besitzer einem zutraute, das Pferd zu versorgen und die reiterlichen Fähigkeiten schätzte. Auch bei den anderen Jugendlichen stieg man im Ansehen, weil man ein Pflegepferd nur bekam, wenn man schon besser reiten konnte. Und natürlich war man auch an den Tagen da und kümmerte sich, an denen man selbst nicht reiten konnte, weil der Besitzer kam. Diese Pferde wurden also von mehreren Personen heiss geliebt und umsorgt. Die Verantwortung, die heutzutage so gerne abgegeben oder als Last angesehen wird, wurde mit Freude und Stolz selbstverständlich übernommen. Man wuchs darein, dass es Pferde und Reiten nicht ohne die Übernahme von Verantwortung gab.
Heutzutage ist das Bild häufig ein anderes. Reitbeteiligungen gegen Geld kannte man damals gar nicht. Es war klar, dass der Besitzer das Pferd allein finanzieren konnte und es war ebenso klar, dass man sich die Pflege an dem Pferd verdienen musste durch Verantwortung, Können und Zuverlässigkeit und sich nicht freikaufen konnte. Dafür wäre das Geld in der Regel auch nicht da gewesen.
Die wenigsten Jugendlichen ohne eigenes Pferd verbringen heutzutage jede freie Minute im Stall. Viele weitere Hobbys, social Media und längere Schulzeiten fordern ihren Tribut.
Auch wenn es heute einfacher ist, als Jugendliche ohne eigenes Pferd in den Sattel zu kommen: Ich möchte diese Zeiten nicht missen. Dieses Stunden, mit anderen pferdefanatischen Jugendliche im Stall zu sein und alles um sein Lieblingsthema zu teilen, diese Bemühungen, durch Fleiss und Zuverlässigkeit aufzufallen und dieses Glück, daraufhin ein Pferd zur Pflege zu bekommen. Und damit dieser Vorgeschmack darauf, wie es ist, solch ein Wesen irgendwann sein Eigen nennen zu dürfen.