12/06/2026
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DER DARTSPIELER
Meine Damen und Herren,
wenn heute vom Dartsport gesprochen wird, wird gewöhnlich von Präzision gesprochen, von Konzentration, von mentaler Stärke und von sportlicher Höchstleistung.
Das sind die üblichen Übertreibungen einer Zeit, die aus jeder Beschäftigung sofort eine Wissenschaft und aus jeder Wissenschaft sofort eine Sensation machen muß.
In Wahrheit steht ein Mensch vor einer Wand und wirft kleine Metallspitzen auf eine Scheibe.
Das ist alles.
Das Erstaunliche daran ist nicht der Dartspieler.
Das Erstaunliche ist die ungeheure Menge von Menschen, die bereit ist, diesem Vorgang stundenlang zuzusehen und dabei einen Lärm zu erzeugen, als sei soeben eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen.
Man muß sich diese Szene vor Augen halten.
Da steht ein Mann in einem Hemd, das aussieht, als sei es aus den Restbeständen eines gescheiterten Zirkusunternehmens zusammengenäht worden, konzentriert sich auf einen Kreis von wenigen Millimetern Durchmesser und wirft einen Pfeil.
Trifft er, brüllt die Menge.
Verfehlt er, brüllt die Menge ebenfalls.
Es ist eine Form von Kultur, die sich von der Oper im Grunde nur dadurch unterscheidet, daß die Musik schlechter und das Bier besser ist.
Überhaupt wird immer behauptet, es gehe um den Sport.
Das ist selbstverständlich Unsinn.
Es geht niemals um den Sport.
Der Sport ist lediglich der Vorwand.
Der wahre Mittelpunkt des Dartsports ist nicht die Scheibe, sondern die Theke.
Die Scheibe hängt nur deshalb an der Wand, damit niemand zugeben muß, warum er eigentlich gekommen ist.
Die Historiker erzählen uns, der Dartsport sei in englischen Wirtshäusern entstanden.
Als ob das eine historische Erkenntnis wäre.
Natürlich ist er dort entstanden.
Niemand hätte auf die Idee kommen können, eine Dartscheibe in einer Bibliothek aufzuhängen.
Der Dartspieler ist das natürliche Gewächs einer Umgebung, in der gleichzeitig geworfen, getrunken und geredet wird.
Zuerst war das Bier da. Dann kam die Scheibe. Niemals umgekehrt.
Der Dartspieler selbst ist eine außerordentlich interessante Figur.
Er verbringt sein Leben damit, denselben Fleck zu treffen.
Andere Menschen reisen um die Welt, schreiben Bücher oder ruinieren wenigstens ihre Familien.
Der Dartspieler trifft die Triple-20.
Und wenn er sie getroffen hat, versucht er sie noch einmal zu treffen.
Seine höchste Form des Fortschritts besteht darin, exakt dort anzukommen, wo er gestern bereits gewesen ist.
Das ist die eigentliche Tragik dieses Menschen.
Er trainiert jahrelang, um eine Bewegung zu perfektionieren, deren Vollendung sofort wieder verschwindet.
Der perfekte Wurf dauert einen Augenblick.
Dann muß er wiederholt werden.
Und wiederholt werden.
Und wiederholt werden.
Das ganze Leben des Dartspielers ist die verzweifelte Wiederherstellung eines Zustands, der niemals bleibt.
Dabei spricht er von Formkurven, von Wettkampfhärte, von mentaler Stabilität.
Ich habe Dartspieler gekannt, die über ihre mentale Vorbereitung gesprochen haben wie Herzchirurgen vor einer schwierigen Operation.
Zehn Minuten später standen dieselben Männer an der Bar und bestellten die dritte oder vierte Runde.
Gerade diese Verbindung von äußerster Konzentration und freiwilliger Benebelung hat mich immer fasziniert.
Der Dartspieler trainiert nämlich nicht nur das Werfen.
Er trainiert vor allem die Fähigkeit, auch nach mehreren Gläsern dieselbe Bewegung auszuführen wie zuvor.
Die eigentliche Leistung liegt nicht in der Triple-20, sondern darin, die Triple-20 trotz der Umstände noch zu finden.
In diesem Sinn ist der Dartsport vielleicht die vollkommenste Darstellung der europäischen Geistesgeschichte:
Der Mensch vergiftet sich systematisch und besteht gleichzeitig darauf, Höchstleistungen zu erbringen.
Die Zuschauer verstehen das instinktiv.
Deshalb lieben sie diesen Sport.
Sie erkennen sich in ihm wieder.
Auch sie versuchen täglich, ihre Ziele unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen zu erreichen.
Der Beamte hinter seinem Schreibtisch, der Professor in seinem Seminar, der Politiker vor seinen Mikrofonen — sie alle werfen ihre Pfeile auf irgendeine unsichtbare Scheibe und hoffen, daß gelegentlich etwas in der Nähe des Zentrums landet.
Der Dartspieler unterscheidet sich von ihnen nur durch seine Ehrlichkeit.
Seine Scheibe hängt sichtbar vor ihm.
Manchmal glaube ich sogar, daß der Dartspieler die ehrlichste Figur unserer Zeit ist.
Er macht aus seiner Besessenheit kein Geheimnis.
Er behauptet nicht, die Menschheit zu verbessern.
Er behauptet nicht, die Wahrheit zu suchen.
Er behauptet nicht einmal, besonders wichtig zu sein.
Er wirft.
Er trinkt.
Er wirft wieder.
Und vielleicht liegt gerade darin seine Würde.
Denn während die übrigen Menschen ihre Abhängigkeiten Karriere nennen, ihre Wiederholungen Tradition und ihre Irrtümer Fortschritt, steht der Dartspieler in seinem Wirtshaus und tut offen, was alle anderen heimlich tun:
Er verbringt sein Leben damit, immer wieder auf denselben Punkt zu zielen.
Und manchmal trifft er ihn sogar. 🎯🍺